US-Wahlkampf TV-Patzer bei CBS beenden Palins Flitterwochen

Selbst vielen Republikanern wird langsam unwohl: US-Vize-Kandidatin Sarah Palin hat mit einem TV-Interview neue, drängende Zweifel an ihrer Kompetenz aufgeworfen. Fragen nach der Außen- und Wirtschaftspolitik beantwortete sie mit Banalitäten und Bandwurmsätzen - bei YouTube wurde das Video zum Hit.

Von , New York


New York - Manchmal können schlechte Nachrichten auch gute Nachrichten sein. Für Sarah Palin zum Beispiel: Bei ihren jüngsten Exkursionen in die Öffentlichkeit wurde die Vize-Kandidatin der US-Republikaner von den aktuellen Hiobsbotschaften an der Wall Street, in Washington und anderswo weitgehend aus den Schlagzeilen verdrängt. Gnädigerweise.

Vize-Kandidatin Palin: "Ich gucke mir ihre Interviews mit dem angehaltenen Atem nervöser Eltern an, meine Finger auf der Stummschaltung, falls es zu weh tut"
AFP

Vize-Kandidatin Palin: "Ich gucke mir ihre Interviews mit dem angehaltenen Atem nervöser Eltern an, meine Finger auf der Stummschaltung, falls es zu weh tut"

Bankensterben, Verhandlungsdrama in Washington, Präsidentschaftsdebatte: Da blieb den Amerikanern wenig Zeit für anderes. Etwa für ein Interview, das Palin dem TV-Network CBS gab und das vorige Woche in zwei Teilen gesendet wurde, am Mittwoch und Donnerstag.

Während Palins Tee-Runde mit den Staatschefs am Rande der Uno-Vollversammlung wenigstens stumme TV-Bilder lieferte, ging das Interview anfangs fast völlig unter - sehr zur Erleichterung des Palin-Lagers. Doch nichts bleibt heutzutage lange verborgen. Dafür gibt es schließlich YouTube.

Und so jagt besagtes Interview, in handliche YouTube-Häppchen zerlegt, seitdem unaufhaltsam durchs Internet. Abermillionen Amerikaner haben es inzwischen gesehen.

Die Reaktion: Lachen, Ungläubigkeit - oder Erschrecken. Palins Darbietung, mehrheitlich als verheerend verrissen, wurde gestern nicht nur in der Satire-Show "Saturday Night Live" durch den Kakao gezogen, ohne dass die Gag-Schreiber am O-Ton viel ändern mussten. Sondern sie beginnt selbst bei ihren Anhängern langsam Panik auszulösen - nur wenige Tage vor Palins großem nationalen Debüt bei der Vize-Kandidaten-Debatte am Donnerstag.

Kritik aus dem rechten Lager

"Palin ist ein Problem", schrieb die Kolumnistin Kathleen Parker jetzt im konservativen Magazin "National Review", dem Hausblatt der Republikaner-Basis. Ihr Rat: Palin müsse "aus persönlichen Gründen zurücktreten". Das sind neue Töne aus dem rechten Lager, das jede Kritik an Palin bisher als "sexistisch" ablehnte.

Dabei hatte gerade dieses Interview alle Voraussetzungen für einen Treffer. Nach zwei misslichen, doch tragbaren Tête-à-Têtes mit Charlie Gibson von ABC News - der oberlehrerhaft daherkam und Palins Pannen so konterkarierte - und dem kratzfüßigen Sean Hannity von Fox News saß Palin diesmal Katie Couric gegenüber, der Star-Anchorfrau von CBS News.

Palins PR-Wächter, die sie so hermetisch wie möglich von der Außenwelt abschirmen, hatten sich das sicher gut überlegt. Couric verdient mit 15 Millionen Dollar im Jahr mehr als ihre männlichen Rivalen, sie hat sich selbst lange Spott anhören müssen, als sie ihren Job als "managing editor" von CBS News Ende 2006 antrat - die erste Frau auf diesem Stuhl. Doch Couric trotzte selbst den beharrlich unterirdischen Quoten ihrer Sendung.

Diese zwei Ladys, so dachte man, verbindet etwas: Beide haben historische Karriereschritte gewagt, in steifem Gegenwind.

Aber Couric wollte nichts wissen von femininer Solidarität. Sie servierte Palin knallharte Fragen, mit sanftem Timbre und eiskaltem Lächeln. Und ließ sie dann einfach reden - und sich so immer tiefer ins Polit-Grab schaufeln.

So fragte sie die Gouverneurin von Alaska nach dem meist zitierten Soundbite ihres ABC-Interviews. Da hatte Palin ihre außen- und sicherheitspolitische Kompetenz so begründet: "Man kann Russland vom Land hier in Alaska wirklich sehen."

"Was haben Sie damit gemeint?", erkundigte sich Couric und sah Palin mit ihren grünen Rehaugen unschuldig an. Palin tappte in die Falle und servierte Couric einen Bandwurmsatz, dem es nicht nur an Syntax mangelte: "Dass Alaska eine sehr enge Seegrenze zwischen einem fremden Land, Russland, hat und, auf unserer anderen Seite, die Landgrenze, die wir mit Kanada haben."

"Erklären Sie mir, wie das Ihre außenpolitischen Credentials verbessert?", hakte Couric nach - gnadenlos lächelnd wie eine Scharfrichterin auf dem Weg zum Schafott.

"Nun, das tut es sicher", gab Palin zurück, im Ton einer belehrenden Mutter. "Denn unsere, unsere Nachbarn nebenan sind fremde Länder, dort in dem Staat, von dem ich die Exekutive bin. Und da…" Couric unterbrach eisern: "Waren Sie je an irgendwelche Verhandlungen beteiligt, zum Beispiel mit den Russen?"

"Wenn Putin aufmuckt"

Was folgte, war ein Instant-Klassiker der TV-Blamage. "Wir haben Handelsmissionen hin und her ausgetauscht, das tun wir", sagte Palin. "Es ist sehr wichtig, wenn man sogar Fragen der nationalen Sicherheit mit Russland in Betracht zieht. Wenn Putin aufmuckt und in den Luftraum der Vereinigten Staaten von Amerika kommt, wohin gehen sie? Alaska! Es ist gleich jenseits der Grenze. Es ist Alaska, von dem wir jene aussenden, um sicherzustellen, dass diese sehr mächtige Nation, Russland, im Auge behalten wird, denn sie sind gleich da, sie sind gleich neben unserem Staat."

Couric verzog keine Miene. Unbeirrt arbeitete sie ihren Fragenkatalog ab, und Palin lief ihr Antwort für Antwort in die Klinge.

Palin: Antwort für Antwort in die Klinge
REUTERS

Palin: Antwort für Antwort in die Klinge

Wie sie Amerikas Rolle in der Welt sehe? Als "Licht, das durch die Welt gebraucht wird". Warum sie erst seit vorigem Jahr einen Reisepass habe? "Die Art, auf die ich die Welt verstanden habe, ist durch Bildung, durch Bücher, durch Medien, die mir viel Perspektive von der Welt vermittelt haben." Ihre Haltung zu Pakistan? "Auch das pakistanische Volk, sie wollen Frieden. Sie wollen, dass auch in ihrem Land demokratische Werte erlaubt werden."

Eine der ersten Fragen Courics galt der Wall-Street-Krise: Ob sie "das Risiko einer neuen großen Depression" sehe? Palin: "Leider ist das der Weg, auf dem sich Amerika finden könnte." Eine krasse Aussage, von der sich McCain in einem Folgeinterview schnell distanzierte.

Palin unterstützte das Banken-Rettungspaket - und lehnte es zugleich ab (in einem Satz). Sie vermeldete "Sieg" im Irak (was selbst McCain nicht wagt). Sie war sich nicht sicher, ob Wahlkampfmanager Rick Davis Lobbyisten-Connections hat (McCain hat das dementiert).

"Mein Schauder-Reflex ist erschöpft"

Bei der Frage nach McCains finanzpolitischen Errungenschaften in seinen 26 Kongress-Jahren musste Palin passen. "Ich versuche, welche für Sie zu finden, und werde sie Ihnen bringen", knödelte sie in jovialem Alaska-Akzent, als lade sie Couric zur Elchjagd ein.

"Palins Flitterwochen sind vorbei", resümierte der "Boston Globe" stellvertretend für eine quer durch die Bank entsetzten Medienszene. "Nach einem dritten großen TV-Interview, bei dem ihr Auftreten bestenfalls ungleichmäßig war, haben selbst Republikaner Probleme, ihre Vize-Kandidatin enthusiastisch zu unterstützen."

"Der Mythos der Superfrau aus Alaska", diagnostizierte Maureen Dowd heute in der "New York Times", "löst sich weiter auf."

"Sie ist eindeutig überfordert", schrieb Parker im "National Review". "Ich gucke mir ihre Interviews mit dem angehaltenen Atem nervöser Eltern an, meine Finger auf der Stummschaltung, falls es zu weh tut. Unglücklicherweise ist das oft der Fall. Mein Schauder-Reflex ist erschöpft." Palin sei zwar "anmutig, charmant und entwaffnend". "Doch sie weiß nicht genug über Wirtschaft und Außenpolitik, als dass sich die Amerikaner mit ihr als Präsidentin wohlfühlen könnten, sollte die Lage ihre Beförderung erfordern."

Auch Analyst Bernard Goldberg von Fox News kritisierte Palins jüngsten Auftritte: "Sie flößt einem kein Vertrauen ein." Parker "könnte Recht haben". Trotzdem nahm er Palin in Schutz: Auch der demokratische Vize-Kandidat Joe Biden trete dauernd in Fettnäpfe - doch der käme dafür in den Medien ungeschoren davon.

In der Tat ist Biden als fröhliche "Fauxpas-Maxchine" ("Newsweek") bekannt. Er nannte Hillary Clinton "vielleicht eine bessere Wahl" als Obama-Vize, fuhr einen Mann auf einer Wahlveranstaltung an, er solle aufstehen (der Mann saß im Rollstuhl) und kritisierte einen TV-Spot Barack Obamas als "schrecklich".

Doch Biden blickt auf eine verbriefte, 35-jährige Polit-Karriere zurück, während Palin ein unbeschriebenes Blatt ist - da prägt jedes falsche Wort den Eindruck. Eine CNN-Umfrage ergab, dass 49 Prozent der Wähler ihr den Präsidentenjob nicht zutrauen. Doch von dem wäre sie nur "einen Herzschlag entfernt", sollte dem 72-jährigen McCain etwas zustoßen.

Tagelang wurde Palins TV-Debakel von anderen Themen überschattet. Doch die Schonzeit läuft ab: Die Stunde der Wahrheit ist unvermeidlich - die Debatte mit Biden am Donnerstag. Zwar kommt ihr das Format entgegen - kürzere Frage-Antwort-Abschnitte und weniger Zeit für freie Rede als beim Schlagabtausch zwischen Obama und McCain. Doch die Messlatte liegt hoch - und dürfte nach dem CBS-Interview nun noch viel höher liegen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.