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12. Juli 2012, 09:51 Uhr

Jagd auf Islamisten in Afrika

Amerikas geheimer Wüstenkrieg

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Nordafrika wird zu Washingtons neuem Schlachtfeld. Mit Drohnen und Spezialkommandos macht die US-Armee Jagd auf Islamisten, um deren rasante Ausbreitung einzudämmen. Dabei üben die Amerikaner im Wüstensand den Krieg der Zukunft.

Berlin - An einem frühen Morgen im April rast ein Land Cruiser über die Märtyrer-Brücke in Bamako, der Hauptstadt Malis. Er kommt von der Brücke ab. Beamte vermuten später, er sei zu schnell unterwegs gewesen. Das Auto stürzt in den Fluss. Die Rettungskräfte können nur noch sechs Leichen aus dem Wasser ziehen.

Doch die Geschichte fängt da erst wirklich an. Zum einen, weil sich herausstellt, dass unter den Toten drei Frauen sind, die als Prostituierte arbeiteten; zum anderen, weil die drei toten Männer US-Soldaten waren, wie die "Washington Post" berichtete.

US-Soldaten sterben bei einem Autounfall in Mali im April? Woher kamen sie nur? Offiziell hatte Washington seine Soldaten schon im März aus Mali abgezogen. Doch es ist nicht das erste Mal, dass ein Unfall offenlegt, was offiziell eigentlich nicht existiert.

Und auch darüberhinausgehend häufen sich die Vorfälle amerikanischer Militärpräsenz in Afrika.

Was genau macht Washington in Afrika? Nach dem Flugzeug-Crash von Dschibuti hat das US-Militär eingeräumt, der Flieger sei am Horn von Afrika auf Erkundungsmission für amerikanische Sondereinsatzkräfte gewesen. Und die Drohnen? Vor einem halben Jahr gaben die USA zu, eine neue Basis in Äthiopien in Betrieb genommen zu haben, um die islamistische Schabab-Miliz in Somalia zu beobachten.

Damit bestätigte Washington zum Teil vorangegangene Berichte über den Ausbau eines amerikanischen Spionagenetzes über Afrika. Auch von einer Drohnenbasis auf den Seychellen vor der ostafrikanischen Küste fliegen die unbemannten Überwacher immer wieder nach Somalia - um die Piraten vor der Küste im Auge zu behalten und vor allem al-Schabab. Ob die Drohnen auch mit Raketen ausgestattet sind wie im Jemen oder in Pakistan, verraten die US-Strategen nicht.

In Afrika üben die USA den Krieg der Zukunft

"Afrika, vor allem, wenn wir auch Jemen dazuzählen, ist das neue Schlachtfeld im Kampf gegen al-Qaida", sagt Alexander Meleagrou-Hitchens, Forscher am International Center for the Study of Radicalisation (ICSR) in London. "Die USA sind auch zunehmend beunruhigt, was die Situation vor allem in Zentralafrika angeht."

Die USA scheinen ihre Bemühungen in Afrika im vergangenen Jahr massiv ausgeweitet zu haben. Sie gehen dabei anders vor als im Irak oder in Afghanistan. In Afrika übt Washington die Kriegsführung der Zukunft: Man könnte das Konzept je nach Sichtweise "regionale Lösungen für regionale Probleme" nennen - oder "Schattenkrieg per Stellvertreter".

Africom, wie das US-Regionalkommando für Afrika heißen, ist das jüngste der sechs amerikanischen Regionalkommandos. Erst seit Oktober 2008 ist es im Einsatz. Im liegt die Philosophie zugrunde, dass die Zeit großer amerikanischer Bodeneinsätze vorbei ist. Sie kosten zu viel Geld und zu viele amerikanische Menschenleben. Bei Africom sollen mittelfristig ein deutlich größerer Anteil Zivilisten als in den anderen Regionalkommandos tätig sein.

Amerikanische Soldaten, Diplomaten und Entwicklungshelfer sollen an einem Strang ziehen und afrikanische Partnerregierungen dabei unterstützen, sich selbst zu helfen: Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme, so nennt sich das offiziell.

Afrikaner an die Front, Amerikaner an die Drohnen-Fernbedienung

In der Praxis sieht die Arbeitsteilung so aus: An der Front kämpfen Afrikaner. In Somalia etwa macht eine Mission der Afrikanischen Union Jagd auf al-Schabab - die Soldaten werden von Ländern der Region entsandt. Die USA unterstützen die Afrikaner mit Schulungen und mit kleinen Teams von Spezialeinheiten, die als Militärberater fungieren, wie bei der Jagd auf Joseph Kony.

Zudem liefert Washington seinen afrikanischen Partnern Erkenntnisse aus der Luft. Mit den Ergebnissen scheint man bisher recht zufrieden sein zu können. In Somalia, wo US-Truppen 1993 katastrophal scheiterten - Stichwort "Black Hawk Down" -, leisteten die Soldaten der Afrikanischen Union ausgezeichnete Arbeit, sagt Wissenschaftler Alexander Meleagrou-Hitchens.

"Truppen aus der Region werden oft besser angenommen als amerikanische oder europäische Soldaten", sagt Ann L. Phillips SPIEGEL ONLINE. Phillips ist eine amerikanische Expertin für fragile Staaten, Stabilisierung und Wiederaufbau, die jahrelang für die US-Entwicklungshilfe und das Verteidigungsministerium gearbeitet hat. "Die Menschen der Region bringen auch eigene Erfahrung und relevante Kenntnisse mit - die Soldaten aus Sierra Leone, die nach Somalia gehen, werden beispielsweise ein Verständnis für die Komplexität vor Ort mitbringen aus ihrem eigenen Bürgerkrieg und schwierigen Weg in den Frieden und Wiederaufbau", sagt Phillips.

Nach welchen Kriterien die USA geeignete Partnerregierungen auswählen in einer Region, die nicht gerade für demokratische Strukturen bekannt ist, darüber kann man nur spekulieren. Auch dringt wenig darüber ans Licht, wie Washington mit Konflikten umgeht, in denen nicht sofort Stellvertreter bereitstehen - etwa weil, wie gerade in Mali, mit der Zentralregierung der Ansprechpartner weggebrochen ist.

Angst vor einem neuen Afghanistan - mit kontinentalem Ausmaß

In den extremistischen Bewegungen in Afrika sieht Washington eine große Gefahr - nicht nur für Afrika, sondern auch für die eigene Sicherheit. Die Furcht, die in der Luft liegt, ist die Entstehung eines neuen Afghanistans - nur in größerem Maßstab: von Mali über Nigeria, das Horn von Afrika bis zum Jemen auf der Arabischen Halbinsel.

Ende Juni warnte General Carter Ham, Kommandeur der US-Streitkräfte in Afrika (Africom) vor der neuen Bedrohung, die von al-Schabab in Somalia, Boko Haram in Nigeria und al-Qaida im Maghreb ausgehe: "Jede dieser drei Organisationen ist allein genommen schon eine Bedrohung. Was mich aber wirklich beunruhigt ist, dass es Anzeichen gibt, dass die drei Organisationen ihre Anstrengungen koordinieren."

Die Situation hat mit dem Kollaps der Regierung in Mali an Brisanz gewonnen. Im Norden haben Extremisten und Islamisten die Macht übernommen. Groß ist die Angst, dass sich in den regionalen Konflikt zunehmend Dschihadisten mit internationalen Ambitionen mischen. Al-Qaida könnte nach den Rückschlägen in Afghanistan und Pakistan Afrika zum neuen Trainingslager machen.

Der Autounfall vom April in Mali könnte ein Beispiel dafür sein, dass Washington in einem Notfall auch selbst eingreift. "Africom dient vor allem der Krisenprävention", sagt Ann L. Phillips, "aber wenn es eine aktuelle Bedrohung gibt, werden die USA nicht nur zuschauen."

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