USA-Besuch Merkel trumpft als Europäerin auf

Angela Merkel wurde zum Auftakt ihres Antrittsbesuchs bei Barack Obama mit einem Transatlantik-Preis geehrt. Vor ihrem heiklen Treffen mit dem US-Präsidenten gab sich die Kanzlerin zwar betont höflich - kündigte aber ein starkes Europa bei der Neuordnung der Machtverhältnisse auf der Welt an.

Von , Washington


Einen Moment lang könnte man fast glauben, alles sei bestens im deutsch-amerikanischen Verhältnis: Angela Merkel steht auf der Bühne eines Festsaals der Library of Congress in Washington, gerade hat sie den Warburg-Preis der "Atlantik-Brücke" erhalten, eines Vereins zur Förderung der transatlantischen Freundschaft. Die Kanzlerin blickt gerührt, ihre Stimme wird ganz warm - sie spricht über einen hochrangigen amerikanischen Politiker.

Der sei die "personifizierte Partnerschaft" zwischen Deutschland und Amerika. Er habe sie schon getroffen, als sie bloß CDU-Generalsekretärin gewesen sei und niemand ihren Aufstieg ins Kanzleramt voraussehen konnte. "Wer nimmt sich heute diese Zeit?", "Wer ist so neugierig?", lobt Merkel.

Kanzlerin Merkel in Washington: "Wir hatten vielfältige Möglichkeiten"
REUTERS

Kanzlerin Merkel in Washington: "Wir hatten vielfältige Möglichkeiten"

Es ist eine rührende Szene - nur der Mensch, über den sie spricht, ist nicht irgendein hochrangiges Mitglied der Regierung von Barack Obama. Es ist der Republikaner Chuck Hagel. In der Tat ein verdienter Transatlantiker. Wenn irgendwo in der US-Hauptstadt eine illustre Veranstaltung zu Europa oder gerade Deutschland stattfindet, kann man mit ziemlicher Sicherheit darauf zählen, dass Hagel anwesend ist.

So auch an diesem Abend als Laudator für Merkel. Mit der Macht in der US-Politik hat Hagel mittlerweile eher wenig zu tun. Den Senat, in dem er lange Nebraska vertrat, verließ er 2008. Mit seinen 62 Jahren ist er ein Vertreter der alten deutsch-amerikanischen Schule.

Hagel bräuchte also transatlantischen Nachwuchs. Doch links und rechts von ihm auf den Ehrenplätzen ist davon bei der Merkel-Ehrung wenig zu sehen.

Ein einsamer Vertreter des US-Repräsentantenhauses (das 435 Mitglieder hat) ist erschienen. Interesse für ein Land wie Deutschland gilt dort und im US-Senat nicht als Karrieresprungbrett. Wer sich als Abgeordneter um Außenpolitik kümmert, schaut lieber nach Asien. Beim Empfang nach der Kanzlerinnen-Rede sorgt wenigstens Ex-Notenbankchef Alan Greenspan für ein bisschen Polit-Glamour. Doch der ist nun auch ohne Amt und 83 Jahre alt.

Also kann Merkel selbst bei ihrer Ehrung die Herausforderungen des transatlantischen Verhältnisses nicht übersehen. In Washington wird derzeit oft das Konzept einer "G-2-Welt" diskutiert - einer Weltordnung, die vor allem die Giganten China und USA bestimmen. Europa und damit auch Deutschland kommen darin nur noch am Rande vor.

Die Kanzlerin scheint sich mit einer solchen Entwicklung in ihrer Rede beinahe abgefunden zu haben. Sie wirbt gar nicht mehr nur für Deutschland, sie ist am Rednerpult schon ganz Europäerin. "Die Europäer sind enger zusammengewachsen", sagt die Kanzlerin. Oft gelte man als Europäer noch als ein wenig kompliziert, doch das täusche. "Wir haben verstanden", betont Merkel, "dass wir mit einer Stimme sprechen müssen. Dann sind wir 500 Millionen Menschen, da können wir einiges in die Waagschale werfen." Als ob sie sich selbst dabei ertappt, dass das vielleicht ein bisschen viel Europa ist für eine Berliner Regierungschefin im Wahlkampf, fügt sie rasch hinzu: Nun solle aber nicht jeder Amerikaner nur noch nach Brüssel statt Deutschland reisen.

Merkels Kritik sorgte für Verdruss in Washington

Was die 82 Millionen Deutschen noch in Washington in die Waagschale werfen könnten, muss die Kanzlerin am Samstag bei den Treffen mit ihm im Weißen Haus klären. Angeblich möchte sie neben außenpolitischen Herausforderungen wie Iran oder Afghanistan vor allem den Klimaschutz und die neue Ordnung der globalen Finanzmärkte ansprechen.

Es gibt bei diesen Themen Differenzen zwischen Berlin und Washington. Die Deutschen fürchten, dass Obama zwar daheim für ein besseres Klima kämpfen will, für ein Umweltabkommen mit dem Rest der Welt aber weniger. In der Wirtschaftskrise ist die deutsche Reaktion noch unklar, sollte Obama weitere Konjunkturpakete fordern. Die Kanzlerin hat mit ihrer offenen Kritik an der lockeren US-Geldpolitik für Stirnrunzeln in Washington gesorgt.

Doch in der Library of Congress geht Merkel darauf in ihrer halbstündigen Ansprache kaum ein. Zum Klimaschutz sagt sie lobend: "So nah waren wir uns noch nie. Es kann immer noch etwas näher werden, aber wir sind auf einem tollen Weg."

Zur Finanzordnung merkt sie mahnend an: "Eine solche Krise darf sich nicht wiederholen. Sie ist entstanden durch Exzesse der Märkte, wir brauchen mehr Regeln." Sie sei sich nicht sicher, sagt die Kanzlerin, ob manche Banken wirklich verstanden hätten, was sie für einen Schaden anrichteten. Die aktuelle US-Gelddruck-Politik spricht Merkel nicht an.

Ob sie dazu auch an diesem Freitag beim Auftritt mit Obama im Rosengarten des Weißen Hauses schweigen wird? Dann dürfte jede kleinste Geste zwischen den beiden Politikern analysiert werden. Immerhin berichtet auch die US-Presse inzwischen über ein kühles Verhältnis zwischen den beiden Regierungschefs.

Am Abend zuvor gibt Merkel sich betont höflich. "Wir hatten sehr vielfältige Möglichkeiten, uns auszutauschen", sagt sie über Obama - und rattert routiniert die lange Liste bisheriger und künftiger Treffen herunter, vom Nato-Gipfel bis zum G-20-Treffen in Pittsburgh. Mit "Interesse" und "großer Freude" habe sie verfolgt, wie viele politische Baustellen der neue Präsident angehe. Sie habe ein "elementares Interesse" an Erfolgen.

Höflich klingt das, nicht warm.

Wollen die beiden Regierungschefs am Freitag Zweifel am Zustand ihrer Beziehung ausräumen, würden wärmere Worte nicht schaden. Vielleicht sollte die Kanzlerin ihre Passagen für Chuck Hagel noch einmal nachlesen.



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