Einbürgerung am US-Nationalfeiertag Vergesst Trump - wir sind Amerika

Das Thema Einwanderung zerreißt die USA. Zugleich vereidigen die Behörden täglich Tausende neue Staatsbürger - am heutigen Nationalfeiertag besonders viele. In den Zeremonien lebt das heile Amerika.

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Von , New York


Sie hat lange gewartet. Fanny Cruz war neun, als sie mit ihrer Mutter aus Mexiko kam. 14 Jahre später sitzt sie nun endlich in der Zentralbibliothek von Manhattan, in der einen Hand ein US-Sternenbanner, in der anderen einen braunen Umschlag mit Dokumenten. Ein Ausweis hängt um ihren Hals: "Einbürgerungskandidatin."

"Das ist so wichtig für mich", sagt Cruz strahlend. "Ich bin sehr stolz darauf, Amerikanerin werden zu können." Warum? "Der American Dream. Chancen, Möglichkeiten, die Mischung der Kulturen. Wo ich herkomme, gibt es das nicht."

US-Präsident Donald Trump mag Einwanderer dämonisieren und beschimpfen. Doch zugleich gibt es Szenen wie diese, fernab seiner Twitter-Tiraden und der humanitären Tragödie an Amerikas Südgrenze: Jeden Tag werden trotzdem Tausende Migranten mit großem Pomp zu neuen US-Staatsbürgern vereidigt.

Vor allem an diesem 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag, an dem die USA ihren 242. Geburtstag feiern: Mehr als 14.000 Menschen lassen sich allein in dieser Feiertagswoche zu Amerikanern machen. Überall im Land gibt es Einbürgerungszeremonien, oft begleitet von den traditionellen Fourth-of-July-Feuerwerken - darunter in Landgerichten, auf Flugzeugträgern, auf der Wiese vor George Washingtons einstiger Plantage und in der New York Public Library.

Zeremonie in der New Yorker Bibliothek
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Zeremonie in der New Yorker Bibliothek

200 sind an diesem schwülen Morgen in den Marmorpalast mitten in Manhattan gepilgert, jetzt sitzen sie aufgeregt in einem Auditorium. Sie tragen dunkle Anzüge oder Jeans, Rolex oder farbenprächtigen Stammesschmuck. Eine Frau kommt in einer Burka, ein Mann in Turnschuhen, die zum Sternenbanner auf der Bühne passen.

Sie stammen aus 50 Ländern, von Albanien über Mali bis Vietnam. Die meisten (86) sind aus der Dominikanischen Republik, sie haben auch das lauteste Jubelkontingent mitgebracht. Dahinter finden sich Bangladesch (13) und China (11). Sogar ein Staat, der unter Trumps Einreiseverbot fällt, ist vertreten - der Jemen.

Weiße Gesichter sind eindeutig in der Minderheit. Der demografische Wandel, gegen den Trump und die Republikaner immer brutaler ankämpfen, wird in den Einbürgerungshallen unaufhaltsam verankert. Überall wedeln Fähnchen mit den Stars and Stripes.

Was gefällt ihnen hier? "Die Freiheit, zu sein, wer ich bin", sagt Meimei Li aus China, die ihren dreijährigen Sohn auf dem Arm hat.

Meimei Li
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Meimei Li

"Ich will meinem Land dienen können", sagt Dervan Victorin, der einzige aus St. Lucia, einem Karibikstaat ohne Militär. Victorin hat bei der US-Armeereserve angeworben, was sie hier mit großem Beifall begrüßen.

Wer sie fragt, was sie lieben an diesem Land, das es ihnen so schwer macht, beschwören sie alle meist ähnliche Ideale - Ideale, die in den letzten Monaten verloren gegangen zu sein scheinen. America the Beautiful. Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Ideale oder Klischees: Die USA waren immer schon ein Mosaik aus Platitüden, die sich gleichermaßen belegen wie widerlegen lassen. Egal: Wir sind Amerika, sagen sie.

Die Klischees, die Touristen wie Einwanderer ungebrochen anziehen, trotz Trump, sind das Kernstück dieses Rituals. Zu Patriotensongs flimmert ein Filmchen über die Leinwände, voller amerikanischer Schlüsselreize: Freiheitsstatue, Ellis Island, Grand Canyon, New Yorker Skyline, Martin Luther King Memorial, Washington Monument, Los Angeles, Mount Rushmore, ein Cowboy. "Welcome, new citizens."

Dann spricht Trump. Zwar besucht der Präsident, anders als seine Vorgänger, an diesem Nationalfeiertag keinen Einbürgerungseid persönlich, wohl aus Angst vor Protesten. Doch er bequemt sich via sicherem Videoeinspieler dazu. Die US-Staatsbürgerschaft sei "sehr, sehr besonders", sagt er und endet mit einem Appell, der aus seinem Mund bitter klingt: "Liebe, Chancengleichheit und Hoffnung."

Videobotschaft des Präsidenten
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Videobotschaft des Präsidenten

Treffendere Worte findet der Bibliotheksdirektor Tony Marx. Nach der obligatorischen Werbung für sein Haus ("Büchereikarten am Seitentisch") erklärt er den Neubürgern, "wie man Bestandteil dieser Demokratie wird". Etwa so: "Wenn ihr merkt, dass das Land in eine Richtung geht, mit der ihr nicht einverstanden seid, dann müsst ihr euch engagieren - in der Wahlkabine oder auf der Straße."

Dafür haben alle zuvor eine Gebühr von 730 Dollar gezahlt und einen Test absolviert, bei dem manche Politiker durchfallen würden. Wie viele Zusätze hat die US-Verfassung? Welche klären das Wahlrecht? Wer verfasste 1788 die Federalist Papers?

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US-Einbürgerung: Meimei Li wird Amerikanerin

Ende vergangenen Jahres stauten sich beim US-Einbürgerungsamt USCIS fast 730.000 unbearbeitete Anträge, fast doppelt so viele wie 2015. Was aber auch daran liegt, dass die Regierung neuerdings weniger auf Service achtet als darauf, "Betrug auszurotten".

Schließlich überreicht ein USIC-Abteilungsleiter jedem Einzelnen sein USA-Zertifikat, was zu einer langen Prozession führt, wie beim Abitur oder einer Kommunion. "Jetzt", sagt Fanny Cruz aus Mexiko, "kann ich mir alle Träume erfüllen."

In diesem Moment lässt eine Eilmeldung die Smartphones im Saal summen. Trump will die Gleichstellung von Minderheiten an US-Schulen wieder abschaffen.

America the Beautiful?



insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
misterknowitall2 04.07.2018
1. War eigentlich immer so
denn die USA sind ein Einwandererland. Schon immer gewesen. Selbst diejenigen, die jetzt gegen Ausländer hetzten haben einen Migrantenhintergrund, selbst D.T. In 2 Jahren ist Trump Geschichte. Dann schwenkt das Fähnchen wieder in eine andere Richtung.
oldman2016 04.07.2018
2. Jetzt die Geldfrage
Zitat aus dem Artikel: "Dafür haben alle zuvor eine Gebühr von 730 Dollar gezahlt und einen Test absolviert, bei dem manche Politiker durchfallen würden." Ich halte dies für bemerkenswert, was den neuen Staatsbürgern in den USA abverlangt wird. In diesem Zusammenhang sollte erneut darauf hingewiesen werden, dass alle in den USA geborene Kinder auf Grund des Terrritiorialsprinzip die US-Staatsbürgerschaft erlangen und damit Bleiberecht erlangen. Das ist für viele Migranten der Punkt mit der größten Anziehungskraft.
emobil 04.07.2018
3.
Zitat von oldman2016Zitat aus dem Artikel: "Dafür haben alle zuvor eine Gebühr von 730 Dollar gezahlt und einen Test absolviert, bei dem manche Politiker durchfallen würden." Ich halte dies für bemerkenswert, was den neuen Staatsbürgern in den USA abverlangt wird. In diesem Zusammenhang sollte erneut darauf hingewiesen werden, dass alle in den USA geborene Kinder auf Grund des Terrritiorialsprinzip die US-Staatsbürgerschaft erlangen und damit Bleiberecht erlangen. Das ist für viele Migranten der Punkt mit der größten Anziehungskraft.
Was Trump und die "Neue Rechte" auch abschaffen wollen. Wenn da nur die verflixte Verfassung (14. Zusatzartikel) nicht wäre...
schlob 04.07.2018
4. Trump hat Recht-wie immer
Im Zeitalter des Flugtourismus ist dieses Recht ein Unding.Hochschwangere Frauen besteigen das Flugzeug,um in den USA niederzukommen.- Ich glaube,das gibt es nicht einmal in Deutschland. - Das würde eine völlig neue Form der Eroberung eines Landes ermöglichen.
dilido 04.07.2018
5. "Dafür haben alle zuvor eine Gebühr von 730 Dollar gezahlt und einen
Test absolviert .... Genau darum geht es. Die Menschen die SPON beschreibt, sind legal eingewandert. Haben Sprachkurse und "Citzienship"kurse besucht. Geld dafür ausgegeben. Ein großer Unterschied zu den Menschen, die versuchen illegal ins Land zu kommen. Trump hat mit keinem Wort legale Einwanderung/Einwanderer kritisiert. "In diesem Moment lässt eine Eilmeldung die Smartphones im Saal summen. Trump will die Gleichstellung von Minderheiten an US-Schulen wieder abschaffen." Wir haben 2018. Was unterscheidet ein in Armut lebendes weißes/asiatisches Kind von einem schwarzen/latino? Weshalb sollen noch heute weiße/asiatische Kinder benachteiligt werden? Weshalb soll ein schwarzes Kind mit wohlhabenden Eltern einem in Armut lebenden weißen Kind beim Unizugang bevorzugt werden?
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