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USA gegen Iran: Planspiele für den nächsten Krieg

Von , Dubai

Immer schärfer werden die Vorwürfe der US-Regierung gegen Iran. Die Golfstaaten verschreckt die drohende Eskalation. Sie trauen weder den Amerikanern noch den Machthabern in Teheran.

Wie kompliziert und wie einfach das Verhältnis zwischen Iran und dem Irak ist, lässt sich alle paar Tage in Hadschi Umran beobachten, einem der Grenzübergänge zwischen den beiden Ländern: Immer, wenn in Bagdad ein neuer Ausnahmezustand verhängt wird, geht in Hadschi Umran das große gusseiserne Grenztor zu. Ein Peschmerga, ein kurdischer Soldat, bezieht mit seiner Kalaschnikow Posten vor dem Tor. Hermetisch abgeriegelt scheint dem ungeübten Auge nun die Grenze, nur die beiden Gesichter von Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Chomeini und seinem Nachfolger Ali Chamenei grüßen von einer Stellwand auf der anderen Seite herüber.

Flugzeugträger "USS John G. Stennis": Atommeiler Beshir in Reichweite der Schiffsartillerie
AP

Flugzeugträger "USS John G. Stennis": Atommeiler Beshir in Reichweite der Schiffsartillerie

Die iranischen und irakischen Schmuggler, die sich tagtäglich mit voll gepackten Tragegestellen auf dem Rücken die Passhöhe heraufquälen, sehen das anders. Sie nervt nur der Umweg, den sie jetzt nehmen müssen. Sie halten kurz inne vor dem verschlossenen Tor, grüßen mitunter, und gehen dann ohne Verzug links oder rechts am Posten vorbei. Keiner hält sie auf. Tief ausgetretene Trampelpfade führen an den Grenzübergängen zwischen Iran und Irak vorbei, das gilt in Hadschi Umran hoch im Nordirak, und es gilt erst recht im Süden, wo dies- wie jenseits Schiiten leben, arabische Stämme, die nicht einmal die Gemetzel des iranisch-irakischen Krieges auseinanderdividieren konnten.

Mit wachsender Lautstärke wirft Washington Iran vor, die Aufständischen im Irak mit Geld, Training und Waffen zu unterstützen. Bei einer Razzia der US-Armee in Bagdad wurden laut "Daily Telegraph" 100 Gewehre Steyr HS .50 des österreichischen Rüstungsbauers Steyr-Mannlicher entdeckt - die vermutlich aus einer Waffenlieferung stammen, die 2004 an das Mullah-Regime verkauft worden war. Britische Einheiten haben in Basra verdächtige Munitionskisten sichergestellt, US-Truppen in der Kurdenhauptstadt Arbil und in Bagdad iranische Agenten festgenommen. Und diese Woche haben sie zum ersten Mal auch einen konkreten Beweis vorgelegt: spezielle Granatwerfer, die, so der US-Militärgeheimdienst, aus iranischer Produktion stammen.

Der springende Punkt, für den es bislang allerdings keinen konkreten Beleg gibt: Diese Waffen kämen mit ausdrücklicher Billigung "höchster Regierungskreise" aus Teheran über die Grenze. Wer mag das bestreiten oder bestätigen, wenn er einmal gesehen hat, wie routiniert die Schmugglerkolonnen in Hadschi Umran ihrem Gewerbe nachgehen?

Teheran hat sich fürs Bestreiten entschieden. "Die USA haben eine lange Tradition im Beweismittelfälschen", sagte Irans Außenamtssprecher Mohammed Ali Husseini – ein Argument, mit dem die Amerikaner nach ihrem Geheimdienstdebakel im Irak zu rechnen hatten. US-Generalstabschef Peter Pace ist sehr vorsichtig: "Es ist klar, dass Iraner und iranisches Material verwickelt sind", sagte er gestern. "Aber ich würde von meinem Kenntnisstand aus nicht sagen, dass ich wüsste, dass die iranische Regierung darüber Bescheid weiß und sich mitschuldig gemacht hat." Mit solchen Feinheiten hat sich Außenminister Colin Powell im Frühjahr 2003 nicht aufgehalten.

Die Frage ist, welches der beiden Argumente in den kommenden Wochen mehr Wirkung entfaltet: Washingtons nicht ganz unplausible Behauptung, dass Iran sich im Irak massiv einmische, oder Teherans nicht ganz unplausibler Hinweis, dass Dia-Shows der amerikanischen Geheimdienste zurzeit mit Vorsicht zu genießen sind.

Spekulationen über den Angreifer: Israel oder die USA?

Irans und Iraks Nachbarn sehen die Zuspitzung, die sich am Golf abzeichnet, mit verständlicher Sorge: Sie trauen weder dem Expansionskurs Irans, vor allem nicht Teherans Unnachgiebigkeit in der Nuklearfrage, noch Amerikas Strategie im Irak. Drei Szenarien gehen seit Wochen in immer neuen Variationen durch die Meinungsseiten und politischen Blogs am Golf: ein bevorstehender Militärschlag Amerikas, eine israelische Attacke wie im Juni 1981 auf den irakischen Atomreaktor Osirak und – das ist die Hoffnungsvariante – ein Einlenken eines der Kontrahenten, vorzugsweise des Iran, bevor die Drohkulisse endgültig in offenen Konflikt ausartet.

Nicht Amerika werde den Schlag gegen Iran führen, lautet eine der Spekulationen, zu schwach sei die Bush-Administration dafür innenpolitisch. Schwach sei zwar auch die Regierung Ehud Olmerts in Israel, doch für Israel sei ein nuklear bewaffneter Iran eine existentielle Bedrohung – und ein israelischer Angriff im Augenblick daher wahrscheinlicher als ein amerikanischer. Mit Interesse wird am Golf eine Studie von Sicherheitsanalysten der niederländischen Finanzgruppe ING hin- und hergemailt, die genau dieses Szenario durchspielt: "Die internationalen Finanzmärkte gehen davon aus, dass ein israelischer und/oder amerikanischer Angriff auf Iran unwahrscheinlich ist. Kriegerische Rhetorik aus Israel und der amerikanische Aufmarsch am Golf deuten allerdings darauf hin, dass ihnen womöglich ein Schock bevorsteht."

Nicht Israel, sondern die USA betrieben diesen Aufmarsch, sagt Mohammed al-Naqbi vom Gulf Negotiation Centre in Abu Dhabi, und über das Stadium der psychologischen Kriegsführung sei die Entwicklung längst hinaus: "Aus amerikanischer Sicht ist alles für einen Krieg vorbereitet", so Naqbi. "Wie ein Schlafwandler" bewege sich die Bush-Administration auf den nächsten Konflikt zu. Mit dem Beginn der Operationen rechne er im März oder April, kurz nachdem die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) ihren nächsten Iran-Bericht vorlege – und Admiral William Fallon, der neue Chef des US Central Command, sich mit seinem Job vertraut gemacht habe.

Flugzeugträger kreuzen vor Irans Küste

Stünden sie vor einer endgültigen Entscheidung, würden einige Golfstaaten wohl tatsächlich eher die Gefahr eines Krieges in Kauf nehmen als langfristig mit einem nuklear bewaffneten Iran zu leben, sagt die Analystin Nicole Stracke vom Gulf Research Centre in Dubai. So weit sei es allerdings noch lange nicht. Viele Beobachter am Golf unterschätzten das diplomatische Korsett, in das die USA im Falle Irans eingebunden seien – und überschätzten zugleich die militärischen und operativen Möglichkeiten der Supermacht am Golf: Ein übereilter Angriff auf Iran würde nicht nur Israel und Amerikas Verbündete am Golf in Gefahr bringen, sondern in erster Linie die 160.000 US-Soldaten im Irak, die dort mit unmittelbaren Vergeltungsmaßnahmen extremer iranischer Gruppen zu rechnen hätten. "Ich glaube nicht, dass Amerika einen Militärschlag unternehmen oder Israel für eine solche Aktion grünes Licht geben wird, solange der direkte Einfluss Irans im Irak nicht wenigstens eingedämmt ist."

Derzeit kreuzen die beiden US-Flugzeugträger "Dwight D. Eisenhower" und "John C. Stennis" vor der Küste Irans. Manchmal sind sie so nahe, dass die Hafenstadt Bushehr mit ihrem Atommeiler im Bereich ihrer Schiffsartillerie liegt. "Es kann kein gutes Gefühl sein für die Iraner", sagte Admiral Michael Miller, Kommandeur der Trägergruppe "USS Reagan", die im vergangenen Juni ihre Manöver im Golf abschloss. "Es würde mich nervös machen, wenn, sagen wir mal, iranische Flugzeugträger so nahe vor der Küste Kaliforniens operierten." Das allerdings sei ein ganz hypothetischer Vergleich: "Wir sind hier, um das Gleichgewicht der Mächte in dieser Region zu wahren", sagte der Admiral.

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