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US-Grenze zu Mexiko: Nicht willkommen

Eine Multimedia-Reportage von und , Texas

Nicht willkommen

Sie nennen US-Präsident Obama einen Lügner, tragen Tarnfleck und patrouillieren am Rio Grande: Ein paar Radikale campieren seit Monaten am Grenzzaun. Die Polizei in Texas hat andere Probleme.

Eine Multimedia-Reportage von Sebastian Fischer und Sandra Sperber, Texas

Wenige Wochen vor seiner Verhaftung klettert der US-Staatsbürger Kevin Massey am rötlich-rostigen Grenzzaun zu Mexiko entlang. "Seht ihr", ruft er aus etwa zwei Meter Höhe herunter, "so leicht kann man hier rübermachen." Der 48-Jährige ist zufrieden, rutscht herunter, reibt die vom Rost gefärbten Hände aneinander. Zu Tattoos trägt er Tarnfleck, schwarze Sonnenbrille, Totenkopf am Ringfinger und ein T-Shirt, auf dem "Border Patrol" steht.

Drüben, auf der anderen Seite, kommen ein paar Hundert Meter Wiese, dann der Rio Grande, also die natürliche Grenze, dann die Ortschaft Matamoros. Das liegt in Mexiko.

Kevin Massey, der sich nur "KC" nennt, campiert zu diesem Zeitpunkt mit seinen Leuten schon seit drei Monaten an dem Stück Eisenzaun in der Südostecke von Texas. Sie sagen: "Camp Lone Star."

Sandra Sperber

Ihr Ziel: illegale Einwanderer abschrecken. Denn die US-Regierung sichere die Grenze nicht, behauptet Massey. Und der Zaun helfe auch nicht, sagt er, das habe man ja gerade bei seinem Klettermanöver sehen können. Also gehen sie vorne am Fluss auf Patrouille, in Schichten, bewaffnet.

An ein mehreren Orten haben sich solche Privatmilizen gebildet, sie heißen "Texas Border Volunteers" oder "Minutemen" oder eben "Camp Lone Star". Landesweit werben sie bei Konservativen um Spenden - doch das große Geld blieb bisher aus. Massey ficht das nicht an: "Präsident Obama ist ein Lügner. Und solange er seinen Job nicht macht, übernehmen wir, das amerikanische Volk."

Vom Volk ist an diesem Nachmittag allerdings nicht so viel zu sehen.

Was anderswo Amtsanmaßung wäre, ist an diesem Grenzabschnitt erlaubt: Das Land ist in Privathand, Massey und Co. sind auf Einladung des Besitzers da. Die Beamten vom Grenzschutz können gegen die Privatmiliz eigentlich nicht vorgehen. Und so fährt Masseys Truppe an einem 16-Kilometer-Streifen der mehr als 3000 Kilometer langen Grenze mit einer Art aufgerüstetem Golfcart Patrouille - "Allrad!", freut sich Massey. Ob er manchmal Mitgefühl mit den Immigranten habe? "Absolut nicht." Wer illegal über die Grenze komme, sei nicht willkommen.

Gefahren sieht er überall: mexikanische Drogenkartelle, Ebola-Infizierte, islamistische Terroristen. Alle wollten sie nach Amerika rübermachen. Er weiß das genau. Im Camp weht die von der rechtskonservativen Tea-Party-Bewegung genutzte Fahne. Schlange auf gelbem Grund, darunter der Schriftzug: "Trampel nicht auf mir herum."

Massey zündet sich eine Zigarette an. Zeit für die Patrouille. Diesmal allerdings nicht im Allrad-Buggy, mit dem sie laut Zähler schon 3561 Kilometer auf ihrem Grenzabschnitt abgerissen haben, mehr als die Gesamtlänge der Grenze. Das Gefährt ist kaputt. Massey nimmt den Pick-Up-Truck.

Video: Kevin Massey jagt illegale Migranten

AFP
Entweder die Regierung schließe die Grenze oder es gebe Bürgerkrieg, sagt Massey. Er wartet darauf, dass sein Satz beim Zuhörer einschlägt. Allerdings weiß er dann nicht, wie dieser Bürgerkrieg letztlich aussehen werde: Vielleicht die Regierung gegen das Volk? Oder Terroristen gegen das Volk? Oder so. Man wird sehen. Seine Kumpels im Camp lassen ihn reden, er ist der Boss, er redet gern.

Dafür verzichtet Massey auf Corvette und Harley, die er daheim, ein paar Autostunden entfernt, in der Garage stehen hat. Sagt er. Seine Frau habe den Familienbetrieb im Griff, er kümmert sich hier schließlich um Amerika. Massey macht nicht den Eindruck, als sei er ungern hier. Wenn er und seine Leute in Tarnklamotten durch die Pampa fahren, dann wirkt das wie auf einem Abenteuerspielplatz. Manchmal geht es schief. Im August hat die echte Border Patrol auf einen vom Camp geschossen, glücklicherweise nicht getroffen. Man hielt den Mann im Gebüsch für einen Illegalen.

Ende Oktober ist Kevin Massey verhaftet worden. In den USA haben die Bürger zwar das Recht, Waffen zu tragen, aber das gilt nur für jene, die keine Straftat begangen haben. Massey hat laut lokalen Medien einen Einbruch auf dem Konto, Ende der Achtziger. Daran haben sich die Behörden jetzt erinnert. Nach einer Woche im Gefängnis von Brownsville konnte ihn seine Frau gegen Kaution herausholen, doch er darf jetzt keine Waffen mehr tragen. Und nicht mehr ins Camp. Der Zaun ist erst mal tabu für Kevin Massey.

Sandra Sperber

Sechzig Kilometer nördlich vom Rio Grande tritt Elias Pompa seinen Dienst im Landkreis Brooks an. Pompa ist Polizist. Und doch auch irgendwie Grenzschützer, hier im Hinterland. Die Lage ist kompliziert, keine Spur von Abenteuerspielplatz.

Denn Brooks County ist der Korridor, durch den hier die meisten illegalen Einwanderer aus Südamerika nach Norden zu kommen suchen: gut 150.000 pro Jahr. (Lesen und sehen Sie hier mehr über die Immigranten.)

Der Polizist Pompa schiebt eine Zehn-Stunden-Schicht, allein in einem Landkreis, der so groß ist wie das Saarland. Mehrere Hundert Meilen ist der 36-Jährige an einem solchen Tag mit seinem Chevrolet Tahoe unterwegs, pickt hier und da einen Illegalen auf, reicht eine Flasche Wasser. Er hat immer ein paar Flaschen extra dabei. Pompa hat Mitleid. Er liefert die Einwanderer bei der Border Patrol ab - und ist desillusioniert.

Video: "Nachts kommt man besser nicht alleine her"

Sandra Sperber
Die eigentlichen Grenzschützer fahren nicht so intensiv Streife wie er. Sie sind Spezialisten, betreiben vor allem die Checkpoints. Elias Pompa ist das Mädchen für alles. Mit nur fünf Kollegen teilt er sich die Schichten auf. Zwei von ihnen sind überhaupt erst eingestellt worden. Was soll man da machen?

Pompa zuckt die Schultern.

Manchmal funktioniert sein Funkgerät nicht, auch das Handynetz hat große Lücken in dem ländlichen Landkreis mit nur 7000 Einwohnern. "Es ist schön hier", sagt er. "Aber nachts willst du in dieser Gegend nicht unterwegs sein."

Sein Blick pendelt während der Streifenfahrt in stetem Rhythmus von links nach rechts. Plötzlich bremst er ab, schaut ins Gebüsch: "Hat sich da was bewegt?" Er achtet auf die Straßenlage der anderen Autos: Wie tief liegt der Wagen, federt er anders als üblich? Daran könne man erkennen, ob sich Menschen darin verstecken. Verfolgungsjagden auf den Straßen von Brooks County gehören zu Pompas Alltagsgeschäft. Dutzende der auf diese Weise gestoppten und beschlagnahmten Autos sind neben der Polizeistation aufgereiht.

Video: Wie Schleuser ihre Autos tarnen

Sandra Sperber
Der Einfallsreichtum der sogenannten Kojoten, die Einwanderer gegen mehrere Tausend Dollar über die Grenze schleusen, ist groß. Einmal, sagt Pompa, sei ihnen ein Polizei-Chevy aufgefallen: "Der war perfekt lackiert, Schwarz und Weiß, die Nummernschilder waren echt. Aber etwas stimmte nicht."

Irgendwann ging ihnen auf, dass die Türöffner nicht wie üblich schwarz lackiert, sondern silberfarben waren. Dann stoppten sie die vermeintlichen Kollegen.

Pompa freut sich über einen solchen Coup. Und all die anderen enttarnten Schmuggler-Autos. Weil jeder Wagen, der hier auf dem Parkplatz steht, einen Erfolg für die sechs Polizisten vom Brooks County bedeutet. Endlich mal ein Erfolg, etwas Vorzeigbares. Pompa will gar nicht mehr weg von diesem Parkplatz. Ein Foto von ihm vorm Polizeiwagen? "Ich lasse mich sehr gern fotografieren." Er zeigt auf einen roten Dodge, einen Kleinwagen: "Da haben sie Gummikeile zwischen die Federbeine geklemmt." Warum? Damit er unter dem Gewicht nicht so tief hänge.

"Den habe ich entdeckt", sagt mit Stolz der Polizist Elias Pompa, der eben noch so verloren erschien.

Auf der Scheibe des Dodge ist verzeichnet: "Nummer 807".


Sebastian Fischer und Sandra Sperber berichten seit 2011 für SPIEGEL ONLINE aus den USA. Beide leben in der Hauptstadt Washington D.C.

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