Illegale US-Einwanderer Traum oder Tod

Eine Multimedia-Reportage von und , Texas


Traum oder Tod

Ein Mädchen, das durch den Rio Grande kam. Ein Rancher, der Leichen aufsammelt. Ein Mann, der Verdurstende rettet. Wer die Grenze zwischen Mexiko und den USA überwindet, kann ein neues Leben finden. Oder den Tod.

Eine Multimedia-Reportage von Sebastian Fischer und Sandra Sperber, Texas

Keyla wohnt in einem Palast. Das kleine, einstöckige Haus mit zwei Zimmern, fließend Wasser und Gasanschluss steht geduckt inmitten einer Ansiedlung in der Nähe des Highway 281. Ein Feldweg schlängelt sich zwischen den Hütten, 30 Kilometer hinter der Grenze, wo sich die Vereinigten Staaten noch anfühlen wie Mexiko. Aber eben doch die USA sind.

Hier leben ein paar von denen, die durchkamen.

"Das ist Luxus", sagt die 18-jährige Keyla, eine von etwa elf Millionen Einwanderern, die im amerikanischen Schattenreich leben, in der Illegalität. Vor zehn Jahren haben sie und ihre Mutter jeweils tausend Dollar gezahlt für den Trip in die USA. Kojoten werden die Leute genannt, die wissen, wie man rüberkommt. Mithilfe eines Schwimmreifens ist Keyla durch den Rio Grande gewatet und geschwommen, der im Südosten die Grenze zwischen Mexiko und den USA bildet.

Illegale Einwanderung, sagen die Behörden.

Ein besseres Leben, sagt Keyla.

Sandra Sperber

Sie sitzt auf dem Bett im eigenen Zimmer, in ihrem Palast. An der Wand hängen statt der üblichen Teenie-Poster die erreichten Schulabschlüsse. Das alles wäre drüben in Mexiko unmöglich gewesen, sagt Keyla. Kein Highschool-Diplom, kein eigenes Zimmer, keine Zukunft.

Aufstieg durch Bildung, das ist Keylas Traum. Im August hat sie es auf die Universität geschafft.

Video: "Ich habe seit 10 Jahren meine Familie nicht gesehen"

Sandra Sperber
Hundert Kilometer den Highway 281 hoch liegt der Checkpoint der US-Grenzwächter. Weit im Landesinneren, kurz vor Falfurrias, Landkreis Brooks. Der Highway 281 ist die eine von nur zwei Straßen, die in der Gegend nach Norden führen. Rundherum nur Ödnis, Sand, Büsche, Hitze. Wer nach Houston will, muss hier durch.

Und viele illegale Einwanderer wollen nach Houston. Dann von dort aus weiter die Ostküste hoch.

Am Falfurrias-Checkpoint haben sie eine Tafel mit den Erfolgsquoten fürs laufende Jahr angebracht: "Bisher beschlagnahmte Drogen: 82 Tonnen; bisher festgesetzte Ausländer ohne Papiere: 34.548." Hier gibt es unzählige Kameras, Spürhunde, das volle Programm.

Sandra Sperber

Deshalb versuchen die Kojoten mit ihren Gruppen den Checkpoint weiträumig zu umgehen. Links und rechts durch vertrocknete Ödnis, zu Fuß. Bis zu 500 Menschen aus Mexiko, Guatemala, Honduras oder El Salvador wagen sich auf diesen Gewaltmarsch. Nacht für Nacht.

Ein paar Meilen rund um den Falfurrias-Checkpoint liegen all jene Dinge in den Büschen, die die Immigranten auf dem Weg in ein besseres Leben zurücklassen. Denn sobald sie nach ihrem Fußmarsch die Straße jenseits der Kontrollposten erreichen, wo sie von Helfern aufgesammelt werden, lassen sie unnötige Klamotten, Wasserkanister, Hygieneartikel zurück. Sie werden sich im Kofferraum von Autos verstecken, unter Sitzbänken, auf Ladeflächen. Gepäck geht nicht.

Und dann gibt es jene, die es nicht geschafft haben, die nicht durchgekommen sind. Entkräftet, zurückgelassen, verdurstet. Ihre sterblichen Überreste finden sich ganz in der Nähe.

Lavoyger Durham hat in diesem Jahr schon sechs Leichen gefunden. Durham - Cowboyhut, weißes Hemd, schwarze Weste - managt die El Tule Ranch, die sich westlich des Highways 281 erstreckt. "Das hier", sagt er, "sind die Killing Fields von Brooks County."

Video: "Wir haben Glück, wenn wir die Toten finden"

Sandra Sperber
Auf dem Computerbildschirm von Eddie Canales sind die Toten zu sehen - oder das, was von ihnen übrig bleibt. Skelette; von Tieren ausgefressene Körper; entstellte Gesichter. Canales war ein Vierteljahrhundert Gewerkschafter, dann ist er nach Falfurrias gekommen und hat das South Texas Human Rights Center gegründet. Seitdem spürt er gemeinsam mit Pamela Bugansky, einer katholischen Nonne, den Toten nach.

Täglich die Anrufe aus Südamerika: Eltern auf der Suche nach ihrem Kind, eine Schwester vermisst ihren Bruder, ein Mann seine Frau. Sie hätten sich längst aus dem gelobten Land melden sollen. Was ist aus ihnen geworden? "Die meisten wollen einfach eine würdevolle Bestattung für ihre Liebsten", sagt Canales. In diesem Jahr hat er schon 53 Tote im Landkreis gezählt - "und das sind nur die, die gefunden wurden".

Um einen Vermissten zu finden, stellt Canales Kontakt zu jenen aus der Gruppe des Kojoten her, die durchgekommen sind. Die Telefonnummern bekommt er aus Südamerika. Wann und wo ist jemand aus der Gruppe zurückgelassen worden? Wo können wir suchen? Gemeinsam mit Ranchern wie Durham und der örtlichen Polizei setzt er dann das Puzzle zusammen. Gerade arbeitet er am Fall des 20-jährigen Florencio.

Video: Wo Florencio starb

Sandra Sperber
Kleine Metallplatten markieren auf dem Friedhof von Falfurrias die Gräber jener, die Opfer ihres Traums geworden sind: "Unbekannter Mann", steht darauf. Oder: "Unbekannte Überbleibsel." Irgendjemand hat ein paar Plastikblumen arrangiert. Eddie Canales sagt, die Politik sei schuld. Weil ihr vornehmliches Ziel die Abwehr sei, lasse man den Einwanderern nur den Weg durch die Wüste: "Tod als Abschreckung."

Dagegen kämpft er an.

An zentralen Stellen hat Canales Wasser-Stationen aufgestellt, blaue Tonnen mit Rotkreuzfahne. Lavoyger Durham ist einer seiner Helfer. Auf seiner Ranch stand die erste Tonne. "Ich bin gegen illegale Immigration", sagt Durham. "Aber ich will nicht, dass diese Leute sterben."

Video: Letzte Rettung für die Verdurstenden

Sandra Sperber
Wieder den Highway 281 hinunter, zu Keyla. Dank ihrer guten Noten in der Highschool hat sie ein Stipendium fürs örtliche College bekommen, studiert Psychologie. Die Lage ist paradox: Einerseits ist Keyla weiterhin undocumented, hat also keine Papiere; andererseits haben die Behörden ihr infolge einer Exekutivanordnung des US-Präsidenten für die Kinder illegaler Immigranten eine Arbeitserlaubnis ausgestellt, mit der sie sich legal in den USA aufhalten darf. Verlassen kann sie das Land natürlich nicht, auf der Bescheinigung steht: "Berechtigt nicht zur Rückkehr." Keyla ist eine Geduldete. Über Jahre lebte sie mit der Angst vor Abschiebung.

"Es ist nicht fair, dass sie uns das antun", sagt Keyla. Sie meint die Politiker in Washington, die nicht vorankommen mit der Einwanderungsreform. (Lesen Sie hier über den politischen Streit). Immigranten wie sie würden arbeiten, Steuern zahlen, sogar im US-Militär dienen: "Es ist doch lächerlich, dass sie uns nicht unterstützen wollen, während wir die Gesellschaft voranbringen." Keyla ist enttäuscht.

Video: "Ich hätte von den USA mehr erwartet"

Sandra Sperber
Vor mehr als zehn Jahren schon versuchten sich Demokraten und Republikaner an einem Gesetz, das jenen Einwanderern ein Bleiberecht einräumen sollte, die sich Schulabschlüsse erarbeitet haben. Der Gesetzesentwurf, der DREAM abgekürzt wird, kam nie durch: "Development, Relief and Education for Alien Minors". Deshalb nennen sich Studenten wie Keyla Dreamer, Träumer.

Es sei nun auch an Amerikas Latino-Community, sich besser zu organisieren, sagt sie. Noch immer würden viel zu wenige wählen gehen. Bei der letzten Präsidentschaftswahl lag die Quote bei knapp unter 50 Prozent. "Sollte ich einmal wählen dürfen, werde ich andere Leute aus der Community anleiten und mitnehmen." Die USA, sagt Keyla, seien schließlich ein Land der Immigranten. Okay, sie habe das Rio-Grande-Tal noch nie verlassen, aber es gebe auch woanders Menschen wie sie, in Chicago oder in New York. Ganz sicher.

Leere Wasserkanister im Unterholz von Brooks County, zurückgelassen von illegalen Immigranten.

Ein Shirt, eine Jacke - ihre Besitzer sind vermutlich nach Norden weitergezogen.

An dieser Stelle haben illegale Einwanderer gelagert, hier wurden zwei Leichen entdeckt.

Alles, was nicht mehr gebraucht wird, bleibt zurück.

Die Chips waren wohl Proviant für den Gewaltmarsch.

Oder oben in Falfurrias, am Checkpoint. Ja, sagt der Rancher Lavoyger Durham, seine Mutter sei auch Mexikanerin gewesen. Früher sei er sogar gern rübergefahren nach Mexiko, wegen der Bars und der Frauen. Jetzt nicht mehr, zu gefährlich, die Drogenkartelle und so.

Durham ist Republikaner durch und durch, die früheren Präsidenten Bush waren schon zum Jagen auf seiner Ranch, Obama findet er schlimm. Wenn der nur wolle, könne er die Grenze selbstverständlich dicht machen, sagt Durham. Aber Obama wolle nicht. "Weil jeder, der hier rüberkommt, später demokratisch wählt, mit hoher Wahrscheinlichkeit." Am Ende solcher Sätze sagt Durham: "Punkt." Keine Diskussion.

Wenn aber er selbst jenseits der Grenze lebte? Würde er versuchen, in die USA zu gelangen? Durham denkt nicht lange nach. "Vermutlich, ja."


Sebastian Fischer und Sandra Sperber berichten seit 2011 für SPIEGEL ONLINE aus den USA. Beide leben als Korrespondenten in der Hauptstadt Washington D.C.



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