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Luftangriffe in Syrien: Obama zieht in den Krieg

Von , New York

DPA/U.S. Navy

Kampfjets, Bomber, Tomahawks: In der Nacht haben die USA und arabische Verbündete die Terrormiliz IS erstmals auch in Syrien angegriffen. Die Offensive kommt pünktlich zum Beginn der Uno-Generalversammlung.

Um exakt 21.30 Uhr US-Ostküstenzeit schickt Konteradmiral John Kirby am Montagabend vom Pentagon aus einen Tweet in die Welt, der den Kampf gegen die Terrormilizen des "Islamischen Staats" (IS) auf eine neue Stufe hebt: "Einheiten des US-Militärs und von Partnernationen haben mit Angriffen auf IS-Ziele in Syrien begonnen und setzen dabei Kampfjets, Bomber und Tomahawk-Marschflugkörper ein."

In Nahost ist es da schon früher Morgen. Pentagon-Sprecher Kirby hat den Vollzug dessen gemeldet, was der US-Präsident vor zwei Wochen angekündigt hatte.

Rückblende: Er werde "nicht zögern", die IS-Terroristen sowohl im Irak als auch in Syrien zu attackieren, hatte Barack Obama damals in einer Rede an die Nation gesagt. Fast 200 Luftschläge haben US-Kampfjets seit Anfang August im Irak geführt, auf Wunsch der Regierung in Bagdad. In den vergangenen Tagen haben sie Unterstützung von den Franzosen bekommen. Am Wochenende weiteten die Amerikaner ihre Angriffe gegen die IS-Hochburg Mossul aus.

Syrien aber stellt eine neue Qualität dar. Diktator Baschar al-Assad ist nach US-Angaben weder um Erlaubnis gefragt noch über die Luftschläge vorab informiert worden - auch wenn dies das syrische Staatsfernsehen nun behauptet. Und: Die Amerikaner führen die Schläge nicht allein, sondern gemeinsam mit ausschließlich arabischen Verbündeten. Dabei handelt es sich dem US-Militär zufolge um Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Jordanien und das Emirat Katar - letzteres steht unter dem Verdacht, den IS mitfinanziert zu haben.

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Luftangriffe in Syrien: Schlag gegen den "Islamischen Staat"
Erwartungsgemäß nicht beteiligt an den Angriffen war indes Großbritannien. Die Diskussion um eine mögliche Beteiligung der britischen Streitkräfte an Luftschlägen in Syrien laufe noch, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Marschflugkörper und Tarnkappenjets

Die Attacken in der Nacht auf Dienstag seien "heftig" gewesen, berichtete CNN; dem IS habe ein "maßgeblicher Schlag" zugefügt werden sollen. Weitere Angriffe würden folgen - und die USA greifen dabei auf modernste Technik zurück: Neben Bombern und Marschflugkörpern kommen auch Tarnkappenjets des Typs F-22 "Raptor" zum Einsatz, die als die teuersten Jagdflieger der US-Luftwaffe gelten.

Bei den Angriffen sind der Nachrichtenagentur Reuters zufolge Dutzende IS-Kämpfer getötet und verwundet worden. Unter anderem seien zudem Stellungen der Nusra-Front attackiert worden, die dem Terrornetzwerk al-Qaida nahesteht, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte unter Berufung auf Augenzeugenberichte.

Weitere Ziele waren demnach mindestens 50 Orte in den Provinzen Deir al-Sor und Rakka. Die gleichnamige Großstadt im Norden Syriens gilt gewissermaßen als Hauptstadt des "Islamischen Staates". Die Terrororganisation kündigt umgehend Vergeltung an. Zudem machte sie Saudi-Arabien für die Luftangriffe mitverantwortlich, wie ein IS-Kämpfer der Nachrichtenagentur Reuters sagte.

Die Eskalation des Kriegs gegen den IS findet just in jener Woche statt, in der in New York die Staats- und Regierungschefs der Welt zur Uno-Generalversammlung zusammenkommen. Das beherrschende Thema - das war schon vor den Angriffen vom Montag klar - ist der Kampf gegen den IS-Terror. Am Mittwoch wird Obama persönlich eine Sitzung des Uno-Sicherheitsrats leiten, bei der eine bindende Resolution in Sachen Foreign Fighters verabschiedet werden soll: Die verpflichtet alle Staaten, Bürger strafrechtlich zu belangen, die zu terroristischen Zwecken ins Ausland reisen. Nur ein US-Präsident hat in der Geschichte der Vereinten Nationen zuvor eine solche Sitzung geleitet: Obama selbst.

Blockademacht Russland

Seit Wochen haben sich Obama und US-Außenminister John Kerry bemüht, eine internationale Koalition gegen die Dschihadisten zu schmieden, wobei der US-Präsident eigene Bodentruppen im Irak oder in Syrien stets ausgeschlossen hat. Dass es nun mehrere arabische Staaten sind, die gemeinsam mit den USA zuschlagen; dass all dies flankiert wird durch die Bemühungen während der Generalversammlung in New York: Es zeigt, wie sehr sich Obama um einen multilateralen Ansatz müht. "Das hier ist nicht Amerika gegen den IS", hatte er bereits am Samstag gesagt: "Das ist die Welt gegen den IS." Ein Wir-gegen-die wie zu Zeiten von Vorgänger George W. Bush jedenfalls soll es nicht mehr geben.

Dennoch zweifeln viele in Amerika, ob der IS in Syrien auf diese Art und Weise dauerhaft zurückzuschlagen ist. Werden jene syrischen Oppositionellen, die man in Washington erst nicht ganz ernst nahm und nun hoffnungsvoll bewaffnet, am Boden sowohl gegen die brutalen Truppen Assads als auch gegen die IS-Terrorbanden bestehen können? Und: Welche völkerrechtliche Argumentation ist denkbar, um die Luftschläge der Amerikaner und Araber zu legitimieren? Schließlich hat Assads Regierung nicht zugestimmt. Und die Uno-Vetomacht Russland hält dem Diktator noch immer die Treue.

Es ist paradox: Selten hat die Welt so aufmerksam auf die am Mittwoch beginnende Uno-Generalversammlung geblickt wie in diesem Jahr. Denn selten waren die Herausforderungen so verdichtet wie im Jahr 2014, dem hundertsten Jubiläum des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs: In Westafrika wütet Ebola, in Nahost die IS-Terrormiliz, in Europa zertrümmert Wladimir Putin die Nachkriegsordnung, im November läuft die Frist für die Atomverhandlungen mit Iran ab. Die Welt im Chaos, irgendwie aus den Fugen geraten. Und, das hätte man fast vergessen, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat für diesen Dienstag ja auch noch zum Weltklimagipfel geladen.

"Das ist ein globaler Kampf, das geht uns alle an"

Große Aufgaben also. Dennoch wirkt die Uno gelähmt. In den vergangenen Jahren hat sie ihr Hauptquartier renoviert, alles glänzt, ist hergerichtet. Politisch und strukturell aber geht nichts voran. Russland mag am Mittwoch zwar Obamas Foreign-Fighter-Resolution zustimmen, aber ein gemeinsames Vorgehen, um den Bürgerkrieg in Syrien zu beenden - also Assad und den IS gleichermaßen zu schlagen - das ist utopisch.

Wie sehr Wunsch und Wirklichkeit in der Gegenwart auseinanderklaffen, das wird am Montag deutlich, als Bill und Hillary Clinton in New York zum Stelldichein in die heile Welt bitten: Seit einigen Jahren findet jeweils zu Beginn der Uno-Woche das Treffen der Clinton Global Initiative statt, also der Familienstiftung, die weltweit das Gute fördert: Wasserversorgung, Bildung, Gleichberechtigung und so weiter. Es ist ein schönes, optimistisches Bild von der Welt, das hier vermittelt wird: Etwas ist furchtbar schlecht und dann nehmen sich die Menschen der Sache so lange an, bis es gut ist.

Aber irgendwann bittet Bill Clinton den jordanischen König Abdullah II. auf die Bühne. "Berichten Sie uns doch mal was Positives aus Nahost!", muntert der Ex-Präsident den König auf. Im Publikum lachen sie. Und Abdullah sagt, na ja, er habe früher immer gesagt, dass es schlimmer nicht werden könne. Das sage er jetzt nicht mehr. Dann redet er über die Flüchtlingsproblematik. Und über den IS: "Das ist nicht mehr nur ein Kampf, den wir im Nahen Osten führen, das ist ein globaler Kampf, das geht uns alle an."

Wenige Stunden später fliegt die arabisch-amerikanische Koalition ihren ersten Einsatz in Syrien. Darunter auch jordanische Kampfjets.

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1. Es gibt kein Entrinnen
stowolle 23.09.2014
Das Staatsgebiet Syriens bietet den unheiligen Gotteskriegern des barbarischen "IS" mit Beginn der Luftschläge keinen sicheren Raum mehr. Das letzte Resort des "IS" wird für die islamistischen Mörder und Vergewaltiger zum Gateway in die Hölle. Die Beteiligung der arabisschen Staaten ist ein Signal.
2.
opossum15 23.09.2014
Der Irrsinn in dieser Welt potenziert sich tagtäglich. Zuerst hat man die "Freiheitskämpfer" in Syrien mit allem unterstützt und jetz merkt man plötzlich, dass diese tollen Freiheitskämpfer Köpfe wie am Fließband von amerikanischen bzw. britischen Torsos abtrennen. Wenn mich nicht alles täuscht war Assad gegen eine Einmischung von außen, auch was diesen tollen Angriff der USA jetzt angeht. So eine Tomahawk kann ja schließlich auch aus Versehen den Präsidentenpalast von Assad treffen. Schließlich bleibt nach westlicher Denkensart festzuhalten, ein Referendum auf der Krim ist eine Annexion und die Luftschläge in Syrien nur die Bestrebung Frieden und Demokratie zu verbreiten.
3. Polemische Verwerfung
pirmence 23.09.2014
"Obama zieht in den Krieg" - das ist einmal mehr das typ. US-Bashing das ingnorant alle Umstände leugnet um einen Claim zu creieren. Das das Barbarentum des IS hier der Auslöser ist wird an die Seite gestellt. Gut das sich wenigstens die USA um diese Art des Faschismus kümmern während andere stumpf und gelähmt zusehen. Besonders die Türkei ist hier unerträglich in ihrer Passivität die damit noch dazu die IS unterstützt und die Kurden schwächt. Am besten das wir und die anderen ihr noch dabei helfen sollen. Eine Farce das ganze. Bravo USA!
4. Terrorgefahr im Westen steigt nun
MichaelGoldberg 23.09.2014
Es gibt wohl keine Alternative zum Vorgehen gegen IS. Zu lange wurde abgewartet. Nun werden ganz sicher bald Terroristen in EU und Amerika Anschläge und Geißelnahmen versuchen. Das ist so sicher wie das Allah-u-akhbar in der Moschee.
5. Unterschied?
der-denker 23.09.2014
Wo der Unterschied zur Koalition der Willigen von Bush liegen soll wird nicht klar, und wird auch nicht wirklich begründet. Die USA versuchen immer möglichst viele andere in ihre Kriege hinein zu ziehen. Der Unterschied bei diesem Krieg ist allerdings der dass er nun tatsächlich notwendig ist. Die Is-Idioten wollen nun mal partout als Märtyrer ins Paradies und werden zu diesem Zweck so lange Menschen quälen bis jemand ihren Wunsch erfüllt.
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