US-Wahlkampf in Las Vegas Zocken bis zuletzt

Die US-Demokraten wollen bei den Midterm-Wahlen den Senat zurückerobern. Die Chancen: immer schlechter. Im Spielerstaat Nevada offenbart sich ihr ganzes Dilemma.

REUTERS

Aus Las Vegas, Nevada, berichtet


Jacky Rosen rappt. Die 61-jährige Kongressabgeordnete klettert auf die Bühne, umklammert das Pult, begrüßt ihr Publikum und rezitiert dann rhythmisch:

" Ain't no party like a Democratic Party
'Cause a Democratic Party don't stop! "

Die paar Hundert Casino- und Hotelangestellten, die sich auf dem Parkplatz hinter dem Gewerkschaftshaus versammelt haben, klatschen verhalten. Viele kennen Rosens etwas peinlichen Sprechgesang. Sie beginnt die meisten Aufritte so. Andere wissen, dass dies der abgewandelte Text eines Hits des schwarzen Rappers Coolio von 1996 ist, also kaum taufrisch, vom Problem der kulturellen Aneignung ganz zu schweigen.

Immerhin, sie bemüht sich.

Ein Oktobermorgen in Las Vegas, unweit vom "Strip", der feuchtfröhlichen Casino-Meile. Während andere ihren Rausch ausschlafen, servieren die Demokraten Kaffee aus Pappkartons, um Stimmung zu machen für ihre Kongresskandidaten. Allen voran Jacky Rosen.

Wüstenwahlkampf mit Millionen

So viel hängt an dieser Frau, die Blau trägt, die Farbe ihrer Partei. Rosen sitzt erst seit 2017 im Repräsentantenhaus, doch jetzt will sie in den Senat aufsteigen, indem sie den Republikaner Dean Heller schlägt. Sie muss ihn schlagen: Die einst guten Chancen der US-Opposition, den Senat zurückzuerobern, sind nur noch gering - aber ohne Nevada, ohne einen Sturz des Platzhirschen Heller, sind sie gleich null.

"Alles steht auf dem Spiel", ruft Rosen heiser. "Ich brauche eure Hilfe."

Die braucht sie wirklich. Der Weg der Demokraten zum Ziel - zur politischen Kastration von US-Präsident Donald Trump - führt durch den Wüstenstaat Nevada, weshalb dies auch eines der teuersten Rennen der Midterm-Wahlen ist. Rosen und Heller haben schon 33 Millionen Dollar verfeuert, im Endspurt dürften es noch mehr werden, trotzdem liegen sie Kopf an Kopf. Mal führt sie, mal er, seit Wochen.

Dabei wäre Heller leichte Beute: Von den 35 Senatssitzen, die am Dienstag zur Disposition stehen, ist kein Sitz so bedroht wie der von Heller. Als einziger Republikaner muss er einen Wahlkreis verteidigen, der 2016 an Hillary Clinton ging.

Deshalb konnten sich die Demokraten lange gute Hoffnung machen. Aber nun ist diese Hoffnung so klein wie die Wahrscheinlichkeit, den Casino-Safe des Luxushotels "Bellagio" zu knacken.

Zu brav und zu blass für die Krawall-Ära

Denn der Spielerstaat Nevada, den sie auch "Battle Born" nennen, im Kampf geboren, offenbart eine zentrale Schwäche der Demokraten. Eine Schwäche, die ihnen, allen Umfragen ungeachtet, vielleicht sogar einen Erfolg im Repräsentantenhaus vermiesen könnte: Viele Kandidaten sind zu brav und blass für diese Krawall-Ära.

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Jacky Rosen ist auf dem Papier eine gute Kandidatin. Die Enkelin jüdischer Immigranten aus Österreich und Russland jobbte einst im "Caesars Palace", wo sie Zockern Drinks servierte. Sie gehörte Nevadas größter Gewerkschaft an, leitete eine Synagoge, schaffte es ohne Erfahrung auf Anhieb ins Repräsentantenhaus und kann die klassischen Demokraten-Themen im Schlaf aufsagen: Schutz für Einwanderer, bessere Krankenversicherung, mehr Geld für Lehrer.

Latinos - die wahlentscheidende Minderheit

Sie rackert sich ab. Besucht Altersheime und ein Lager mit Migrantenkindern an der Grenze. Diskutiert mit schwarzen Aktivisten und asiatischen Ladeninhabern. Posiert - obwohl sie kein Spanisch spricht - beim Fiesta Las Vegas Festival und lässt sich bei ihren Reden von mexikanischen Mariachi-Bands begleiten, weil sie weiß, dass Latinos die wahlentscheidende Minderheit Nevadas sind.

"Sie ist meine Kandidatin", sagt Geoconda Argüello Kline, die Geschäftsführerin der Casino-Gewerkschaft, die 1979 als Kind aus Nicaragua in die USA kam und Trumps Rhethorik abstoßend findet. "Einwanderer sind keine Kriminellen. Wir leisten jeden Tag unglaubliche Beträge für dieses Land."

Das sagt auch Rosen bei einer hitzigen Fernsehdebatte mit Heller. Anschließend bemüht sie sich auf den eiskalten Flur des Lokalsenders KLAS-TV, um den gerade mal sechs wartenden Reportern zu versichern: "Ich habe die Debatte gewonnen, weil ich weiß, was ich tue." Heller hingegen ist längst auf dem Weg zum Flughafen, um Trump, der sich im Norden angesagt hat, zu empfangen.

Apropos Trump: Ob sie für ein Impeachment sei, wird Rosen auf dem kalten Flur gefragt. "Warten wir ab, wie die Ermittlungen ausgehen", weicht sie aus.

Anders als die progressiven Stars ihrer Partei, etwa Beto O'Rourke in Texas, empfiehlt sie sich eben als Moderate, die mit allen kann - ein Muss in diesem Staat, der mal rechts, mal links wählt. "Ich habe mitgeholfen, 50 Gesetze durchzubringen", sagt sie. Alles an ihr ist ausgewogen: Ihre Stimme (monoton), ihre Reden (emotionslos), ihre Miene (zum Halblächeln gefroren).

Ihr Rivale klammert sich hingegen an Trump wie an einen Rettungsring. Heller, 58, war mal dezidiert gegen den US-Präsidenten, inzwischen ist er dezidiert für ihn, wie das so ist bei den Republikanern. "Trumps Erfüllungsgehilfe", sagt Rosen. "Flip-Flopper."

Erst gegen, dann für Trump

Obwohl er das kaum nötig hätte. Im Gegensatz zu Rosen ist Heller ein Polit-Veteran, seit 1990. Auch wenn er seinen aktuellen Job den Skandalen anderer verdankt - sein Vorgänger hatte eine Affäre, eine spätere Gegnerin stolperte über finanzielle Mauscheleien. Doch seither konnte sich Heller im Senat als unabhängige Stimme profilieren, was ihm auch viele Latino-Unterstützer sicherte.

Dann kam Trump. Im Präsidenschaftswahlkampf 2016 erklärte Heller stolz, er sei "99 Prozent gegen Trump". Als nach Trumps Wahlsieg die Partei und die Basis nach rechts drifteten, driftete auch Heller und ist jetzt 100 Prozent für Trump.

Seitdem steigt Hellers Stern.

In der Nacht nach der TV-Debatte fliegt er in den Nachbarstaat Arizona, nur um sofort mit Trump zurück nach Nevada zu fliegen, damit er gemeinsam mit dem die Gangway der "Air Force One" herabsteigen kann, für die Kameras winkend.

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Diesen teuren Stunt hat Heller schon mal vollführt, letztes Jahr nach der Massenschießerei in Las Vegas: Um die Wahlhilfe des Präsidenten zu erbitten, düste er sogar bis nach Washington und dann mit Trump für dessen Kondolenzbesuch wieder zurück.

"Alles, was Sie anfassen, wird zu Gold"

Es lohnte sich. Am selben Tag, als Rosen auf dem Gewerkschaftsparkplatz rappt, reist Trump auf Wunsch Hellers ans andere Ende Nevadas, in den entlegenen Wüstenort Elko - sicheres Terrain, hier gewann er vor zwei Jahren 80 Prozent der Stimmen. Tausende Fans folgen dem Ruf, Trump zu huldigen. Der redet zwar nur von sich selbst, doch Heller ist froh, dass er wenigstens dabei sein darf.

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Midterms: Wahlkampfendspurt in Nevada

"Alles, was Sie anfassen, wird zu Gold", schmeichelt er Trump in der alten Goldgräberstadt. Zur Belohnung schickt Trump später sogar seine Tochter Ivanka, die selten Wahlkampf macht, nach Nevada, um für Heller zu werben.

Obama als Wahlkampfhelfer in Nevada

Doch auch Rosen bekommt hochkarätige Unterstützung: In einer Sporthalle der University of Nevada nimmt Barack Obama sie in den Arm. Der letzte Präsident bleibt der größte Hit der Demokraten - was die Mängel der neuen Garde nur hervorhebt: Er hält einen flammenden Appell für Anstand und überstrahlt Rosen.

Ähnlich geht es Rosen auf dem Gewerkschaftsparkplatz. Da assistiert ihr Ex-Vizepräsident Joe Biden. Der 75-Jährige wirkt müde, seine Rede verläuft sich immer wieder in Anekdoten. Aber auch er erntet viel mehr Jubel als Rosen.

Zum Schluss dudelt ein alter Discohit aus den Lautsprechern, er könnte die Hymne der Demokraten in diesen letzten Wahlkampftagen sein: "I will survive."

insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
muellerthomas 02.11.2018
1.
Dass die Dems dewn Senat gewinnen, war von Anfang an unwahrscheinlich - es geht aber um die Mehrheit im Kongreß und da sieht es weiterhin sehr gut aus.
mozifm 02.11.2018
2. Kulturelle Aneignung
Ist es ihnen nicht peinlich von „kuktureller Aneignung“ zu sprechen wenn ein Zitat in einer europäischen Sprache „kritisiert“ werden soll?
Watschn 02.11.2018
3. Trump: 'I love Nevada...'
I'll eat Nevada... Vermutl. wird es so kommen. Dems Chancen für den Senat: None. Für das House: ? Wait and see...
dieter77 02.11.2018
4. Peinlich
Wir wissen ja bereits, dass Pitzke einfach nur von US Zeitungen abschreibt. Aber anscheinend kann er jetzt nicht mal mehr das: die Chancen der Demokraten auf Senatssitze haben sich in den letzt Tagen deutlich verbessert, insbesondere in Arizona und Texas.
Trollflüsterer 02.11.2018
5.
Zitat von mozifmIst es ihnen nicht peinlich von „kuktureller Aneignung“ zu sprechen wenn ein Zitat in einer europäischen Sprache „kritisiert“ werden soll?
Ich verstehe zwar immer noch nicht wirklich was sie meinen bzw. kritisieren, denn der Text ist völlig ok, aber wenn was falsch ist, dann "kuktureller".
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