NRA-Chef Wayne LaPierre Der Scharfmacher

Abwiegeln, ablenken, angreifen: Nach dem jüngsten Massaker sorgt der Chef von Amerikas mächtiger Waffenlobby für Entsetzen. Bei einem Mann kommt Wayne LaPierres Masche dagegen an: Donald Trump.

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Über eine Woche hatte Wayne LaPierre geschwiegen. Nach dem jüngsten Schulmassaker in Florida schickte er zunächst seine Sprecherin vor. Sie musste sich etwa in einer TV-Runde mit Schülern vom Publikum ausbuhen lassen. Sie musste erklären, was eigentlich kaum zu erklären ist: Warum es in den USA mehr Waffen geben soll und nicht weniger - trotz all der Anschläge und Massenmorde.

Der Geschäftsführer der National Rifle Association (NRA), einer der mächtigsten Lobbygruppen in den Vereinigten Staaten, wartete bis Donnerstag. Und er wählte eine für ihn weit angenehmere Umgebung für seinen Auftritt: die Conservative Political Action Conference in Maryland - das größte Jahrestreffen der amerikanischen Konservativen.

Es hätte ein Auftritt voller Demut werden können. Ein Moment der Selbstreflexion, nachdem ein junger Mann mit einem Sturmgewehr durch die Parkland-Highschool gezogen war und 17 Schüler und Lehrer erschossen hatte. Doch nicht mit Wayne LaPierre.

Waffen in Schulen: LaPierre mit NRA-Forderung vor Konservativen in Maryland
REUTERS

Waffen in Schulen: LaPierre mit NRA-Forderung vor Konservativen in Maryland

Der 68-Jährige machte das, was er seit Jahrzehnten tut: abwiegeln, ablenken - und vor allem attackieren. Klar beklage seine Organisation die Opfer, sagte LaPierre. Aber in Wahrheit würden doch andere jetzt den Fall instrumentalisieren: die "Eliten", die Demokraten. "Sie hassen die NRA", schimpfte LaPierre. "Sie hassen die individuelle Freiheit."

Nach dem Massaker hatte die Kritik an der Lobbygruppe wieder deutlich zugenommen. Schülerproteste fanden weltweit Beachtung. LaPierre sprach nun von "Sozialisten im europäischen Stil" und "Saboteuren", die bei den Demokraten die Kontrolle übernommen hätten. Seine Rede war ein Rundumschlag: gegen die "Mainstreammedien", gegen Liberale, gegen das FBI.

Bei einem Mann kommt so etwas gut an. US-Präsident Donald Trump nahm LaPierre und seine Leute in Schutz. Was viele nicht verstehen wollen, twitterte Trump, Wayne und die Leute, "die so hart bei der NRA arbeiten, sind großartige Menschen und großartige amerikanische Patrioten".

Trump und LaPierre ticken ähnlich

Es ist kein Zufall, dass Trump LaPierres Lobbytruppe bauchpinselt. Die NRA mit ihren fünf Millionen Mitgliedern hat früh seine Nähe gesucht. Dabei war Trump ursprünglich gar kein Waffenhardliner, er hatte sich früher sogar gegen Sturmgewehre ausgesprochen. Dann unterstützte die NRA Trumps Kampagne mit über 30 Millionen Dollar. Der Republikaner versprach im Wahlkampf eine waffenfreundliche Politik - und er erfüllte den wichtigsten Wunsch der NRA: Er machte mit Neil Gorsuch einen rechten Hardliner zum Obersten Richter. Damit sorgte er dafür, dass sich die NRA auch künftig auf die tendenziell waffenfreundliche Haltung des Supreme Courts verlassen kann.

Wenige Tage nach Trumps Amtsübernahme lud er LaPierre ins Weiße Haus. Die Bilder der beiden Männer, die sich zufrieden anlächeln, wurden berühmt. Es war der Triumph der NRA.

Trump, LaPierre
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Trump, LaPierre

LaPierre und Trump ticken ähnlich, sie lügen lieber, statt Fehler einzugestehen, sie setzen auf aggressive Attacken. LaPierre ist so etwas wie der politische Vorläufer von Trump. Seit Jahrzehnten gibt er den provokanten Polterer bei der NRA.

Dabei soll er einmal gesagt haben, sein Traumjob wäre der eines Eisverkäufers im Ostküsten-Bundesstaat Maine.

Stattdessen war LaPierre die meiste Zeit seines Lebens Lobbyist. Er arbeitete für konservative Gruppen, aber auch den Fisch- und Wildtierverband. 1977 kam er zur NRA, 1991 wurde der Katholik deren Geschäftsführer und Vizevorsitzender. Für seine scharfen Ausbrüche wurde LaPierre häufig belächelt - doch er hatte Erfolg.

Nach dem Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule in Connecticut im Jahr 2012 hatte er ebenfalls einen denkwürdigen Auftritt. Er erklärte damals: "Das Einzige, das einen schlechten Typen mit einer Waffe stoppt, ist ein guter Typ mit einer Waffe." LaPierre schob die Schuld für die Gewalt auf Videospiele, er forderte statt genereller Überprüfungen bei Waffenkäufen eine Datenbank für psychisch Kranke. Und er rief nach bewaffneten Sicherheitsleuten in Schulen - ein Gedanke, den Trump nun aufgriff.

"Verrücktester Mann auf Erden"

LaPierre schürte in der Öffentlichkeit die Sorge, die Demokraten wollten ein nationales Waffenregister einführen - eine angebliche Vorstufe, um der Bevölkerung die Pistolen und Gewehre wegzunehmen. In Wahrheit war solch ein Register in den geplanten Gesetzen ausdrücklich nicht vorgesehen. Präsident Barack Obama wütete damals über die falschen Darstellungen der Waffenlobby. In der Öffentlichkeit bekam LaPierre den Spitznamen "verrücktester Mann auf Erden".

Doch die NRA kommt mit solchen Lügen durch. Am Ende verhinderten die Republikaner im Senat eine Verschärfung des Waffenrechts. Bis heute ist es unangetastet geblieben.

LaPierre ist ein Scharfmacher, ein Angstmacher, er zeichnet ein düsteres Bild vom Amerika der Zukunft - von einem Land voller Kriminalität, dem man nur mit mehr Waffen etwas entgegensetzen kann.

Manchmal überzieht er so, dass es selbst Republikanern zu viel ist. 1995 warnte LaPierre vor "brutalen Regierungsschlägern". Ex-Präsident George Bush senior trat daraufhin aus der NRA aus. Doch schon bei seinem Sohn, der 2001 ins Weiße Haus einzog, stand die Lobbygruppe wieder hoch im Kurs. Für Donald Trump zählt sie zu den engsten Verbündeten.

Im Video: Das ist Dana Loesch, Sprecherin der NRA



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