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30. August 2006, 13:53 Uhr

USA

Rumsfeld warnt vor Terror-Appeasement

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat islamistischen Terror als "neuen Typ von Faschismus" bezeichnet. Eindringlich warnte er davor, den gleichen Fehler zu machen wie gegenüber den Nazis. Auch in den dreißiger Jahren sei die Beschwichtigungspolitik gescheitert.

Salt Lake City - Wer den Kurs der Regierung um Präsident George W. Bush kritisiere, habe nichts aus der Geschichte gelernt. Mit dieser These trat US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Salt Lake City vor die Veteranen der "American Legion", eine Veranstaltung im Vorfeld des fünften Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September.

Minister Rumsfeld: "Neuer Typ Faschismus"
AP

Minister Rumsfeld: "Neuer Typ Faschismus"

Er verglich die Situation heute mit den dreißiger Jahren, als die Vereinigten Staaten die Möglichkeit gehabt hätten, die Nationalsozialisten in Deutschland zu stoppen, aber viel zu spät eingegriffen hätten. Eine Zeit, in der sich laut Rumsfeld "Zynismus und eine moralische Konfusion" in den westlichen Demokratien verbreitet hätten. Politiker, die den Krieg vorausgesehen und vor Hitler gewarnt hätten, seien damals einfach ignoriert worden.

"Ich wiederhole diese Geschichte, weil wir wieder einmal vor ähnlichen Herausforderungen stehen, mit unseren Bemühungen, den Aufstieg eines neuen Typs von Faschismus zu verhindern", sagte Rumsfeld und fragte gleich darauf: "Können wir wirklich davon ausgehen, dass bösartige Extremisten sich beschwichtigen lassen?" Ohne bestimmte Kritiker zu nennen, betonte er: "Es fällt auf, dass viele nicht aus den historischen Lektionen gelernt haben."

US-Regierungsvertreter haben den Begriff des "appeasement" in Anspielung auf die fehlgeschlagene Beschwichtigungspolitik des englischen Premierministers Neville Chamberlain gegenüber Nazi-Deutschland in der Vergangenheit bereits häufiger verwendet, um den harten Kurs der Bush-Administration im Anti-Terror-Kampf zu rechtfertigen. Der US-Präsident selbst führte den Begriff vor dem Irak-Krieg an.

Rumsfeld war zuletzt wegen der ausbleibenden Erfolge im Irak stark unter Druck geraten. Der Minister hatte den Feldzug am Golf jedoch stets vehement verteidigt und Kritikern vorgeworfen, dafür zu sorgen, dass die moralische Unterstützung der US-Amerikaner für den Einsatz im Irak schwinde.

"Unser Kampf ist zu wichtig, die Folgen sind zu ernst, als dass wir uns den Luxus leisten könnten, zur 'Amerika zuerst'-Mentalität zurückzukehren", sagte Rumsfeld vor den Veteranen der "American Legion". "Können wir es uns wirklich leisten, zur destruktiven Sichtweise zurückzukehren, dass Amerika - und nicht der Feind - die wahre Quelle der Probleme auf dieser Welt ist?"

Rumsfelds deutliche Worte an die Adresse der Regierungskritiker standen im Kontrast zu den eher moderaten Tönen, die zuvor Außenministerin Condoleezza Rice vor der "American Legion" angeschlagen hatte. Rice hatte eingestanden, dass viele Fragen zum Irak-Krieg gerechtfertigt seien. Doch auch sie verteidigte die US-Strategie im Irak: Es gebe nur die Alternative, dort zu bleiben oder gewaltsamen Extremisten den Sieg in der Region zu überlassen. "Wir werden die Extremisten zu Mäßigung und demokratischen Reformen ermutigen", sagte Rice laut der Zeitung "Los Angeles Times".

US-Demokrat Edward M. Kennedy, Senator von Massachusetts, dessen Vater Joseph vor dem Zweiten Weltkrieg US-Botschafter in London war und von Rumsfeld in einer Rede am Montag kritisiert worden war, ging den Verteidigungsminister scharf an: "Rumsfeld ist der letzte, der uns Geschichtslektionen erteilen sollte, nachdem er sie in den vergangenen sechs Jahren selbst ignoriert hat", sagte Kennedy der "LA Times" zufolge. "Als Ergebnis seiner Fehler fühlen wir Amerikaner uns heute weniger sicher."

agö/Reuters

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