US-Verhandlungen mit Taliban Die Kapitulation des Westens in Afghanistan

Nach zwölf Jahren Krieg, Tausenden Toten und erbitterten Kämpfen wollen die USA mit den Taliban über Frieden reden. Für den Westen zählt dabei nur eines: der geräuschlose Rückzug. Doch für Frauen und Minderheiten am Hindukusch brechen dunkle Zeiten an.

Afghanische Frauen: Alle Taliban-Gruppierungen treten ihre Rechte mit Füßen
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Afghanische Frauen: Alle Taliban-Gruppierungen treten ihre Rechte mit Füßen

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Hamburg - Was wurde damals über Kurt Beck gespottet! Die Union äußerte sich entsetzt, Afghanistans Außenminister Spanta warf ihm Ahnungslosigkeit vor. Im April 2007 hatte der damalige SPD-Chef eine Friedenskonferenz für Afghanistan angeregt, an der alle am Hindukusch relevanten Gruppen beteiligt werden müssten - auch die Taliban.

Sechs Jahre später wird Becks Idee in die Tat umgesetzt. Am Dienstag eröffneten die Taliban feierlich ihr Verbindungsbüro in Katars Hauptstadt Doha. In dem Golfstaat wollen die Islamisten Friedensgespräche führen - mit der afghanischen Regierung und dem Weißen Haus. Hamid Karzai ziert sich noch, doch die Verhandlungen zwischen Taliban und US-Regierung sollen in den nächsten Tagen aufgenommen werden.

Geheimgespräche zwischen den Konfliktparteien laufen schon seit einigen Jahren, mehrfach trafen Vermittler auch in Deutschland zusammen. Doch nun werden die Taliban erstmals seit Beginn des internationalen Militäreinsatzes am Hindukusch 2001 offiziell mit am Verhandlungstisch sitzen. Bei den bisherigen Afghanistan-Konferenzen, die seither in unregelmäßigen Abständen abgehalten wurden, waren die Extremisten noch außen vor geblieben.

Gibt es "gemäßigte Taliban"?

Doch nun haben sich die Vorzeichen geändert. Die USA und ihre Verbündeten planen den halbwegs geordneten Abzug ihrer Kampftruppen aus dem Krisenstaat. Zeitgleich mit der Eröffnung des Taliban-Büros verkündete Karzai, dass die afghanische Armee offiziell die Verantwortung für die Sicherheit im gesamten Land von der internationalen Isaf-Schutztruppe übernommen hat. Bis Ende 2014 sollen die knapp hunderttausend ausländischen Soldaten aus Afghanistan abziehen, nur Militärausbilder sollen zurückbleiben.

Die Nato-Staaten wollen dann zumindest kein völliges Chaos hinterlassen. Von den hehren Zielen, die 2001 vom Westen für Afghanistan ausgegeben wurden - Demokratie, Menschenrechte, verantwortliche Regierungsführung - haben sich die Isaf-Staaten ohnehin längst verabschiedet. Solange die Taliban künftig darauf verzichten, ihren Herrschaftsbereich zum Rückzugsraum für internationale Terroristen zu machen, dürfen sie dort schalten und walten, haben die USA signalisiert.

Die oft geäußerte Unterscheidung zwischen "gemäßigten" und "radikalen" Taliban verläuft heute genau entlang dieser Grenze - zwischen jenen, die mit Hilfe von al-Qaida ein islamisches Weltreich errichten wollen, und jenen, denen die Macht in Kabul reicht.

Sie alle treten die Rechte von Frauen und Minderheiten mit Füßen. So zeichnet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schon jetzt ein düsteres Bild für die Zukunft der Frauenrechte in dem Land. Auch Amnesty International beklagt umfangreiche Verstöße gegen die Menschenrechte. Vor allem Frauen und Mädchen seien immer wieder Gewalt ausgesetzt, so der Jahresbericht der Organisation.

Taliban düpieren Karzai

Besonders im Grenzgebiet zu Pakistan im Osten des Landes haben die Taliban de facto die Kontrolle längst übernommen und bauen auf, was sie für eine gerechte islamische Ordnung halten. Diese setzen sie auch mit dem Schwert durch. Erst in der vergangenen Woche köpften die Extremisten in der Provinz Kandahar zwei Kinder, die sie beschuldigten, für die afghanischen Sicherheitskräfte zu spionieren. Einen Tag später verübten sie vor dem Obersten Gericht im Herzen Kabuls den schwersten Anschlag seit mehr als einem Jahr.

Wie schlimm es um die Sicherheitslage steht, belegt eine Studie der Bundeswehr von Ende Mai. Demnach stieg die Zahl die Anschläge auf Truppen und Zivilisten im Jahr 2012 um rund 25 Prozent.

Entsprechend selbstbewusst treten die Taliban inzwischen auf. Bei der Eröffnung ihrer Vertretung in Doha posierten ihre Vertreter unter einem Banner mit dem Schriftzug "Islamisches Emirat Afghanistan". Diese Bezeichnung trug das Land bereits zwischen 1996 und 2001, als die Taliban in Kabul die Kontrolle innehatten. Für Karzai war der Auftritt ein Affront - die Aufständischen präsentierten sich ungeniert als Parallelregierung, mit der sich der Präsident nun über die Verteilung der Macht verständigen solle.

Doch auch unter den Taliban sind die Verhandlungen mit der afghanischen Regierung umstritten. Bislang hatten sie Gespräche mit Karzais Vertretern stets abgelehnt, weil der Präsident in ihren Augen ohnehin nur eine Marionette der Amerikaner ist.

Taliban sollen afghanische Verfassung anerkennen

Besonders das mächtige Haqqani-Netzwerk hat den Gesprächen nur halbherzig seine Unterstützung zugesagt. Dieser Zweig der Taliban, der für viele Anschläge in Afghanistan und Pakistan verantwortlich gemacht wird, hat auch einen US-Soldaten in seiner Gewalt. Seit Juni 2009 befindet sich Bowe Bergdahl in der Gefangenschaft der Extremisten - nun verlangen sie die Entlassung afghanischer Guantanamo-Häftlinge im Austausch für seine Freilassung.

Auf Seiten der Taliban wurde die Gesprächsinitiative maßgeblich von der sogenannten Quetta-Schura vorangetrieben. Dieses Gremium, das hauptsächlich von Pakistan aus agiert, gilt als Führungsriege der Bewegung. An seiner Spitze soll noch immer Mullah Mohammed Omar stehen - jener Mann, den die USA und die afghanische Nordallianz 2001 von der Macht in Kabul vertrieben.

Möglich, dass er dort bald wieder sitzt. Denn am Ende der Verhandlungen soll eine afghanische Regierung stehen, an der die Taliban beteiligt sind. Dafür müssten diese sich zur afghanischen Verfassung von 2004 bekennen, fordern Karzai und Obama. Die Islamisten erkennen jedoch nur eine Schrift als Verfassung an, die 1300 Jahre alt ist: den Koran. Das macht eine Verständigung schwer.

Ein Erfolg der Gespräche wird maßgeblich von Pakistan abhängen. Regierung und Militär in Islamabad, allen voran der Geheimdienst ISI, üben noch immer großen Einfluss auf die Taliban aus. Pakistan hat mehrfach erklärt, seine "legitimen Interessen in Afghanistan" müssten auch nach einem Abzug der Isaf-Truppen geschützt werden. Die Verhandlungen in Doha werden daher zu einem Durchbruch führen, wenn Afghanistans großer Nachbar mit den Ergebnissen zufrieden ist.

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bayern2004 20.06.2013
1. optional
Die Russen haben es nicht geschafft und der Westen schafft es auch nicht!! Dies ist eine andere Kultur und dies soll man mal auch akzeptieren, auch wenn sie sich gegenseitig umbringen!
caligula4ever 20.06.2013
2. Auf einmal ist hier auch von den möglichen Opfern eines
Rückzuges die Rede. Hat nicht gerade der SPON, links und grün von nix anderem schwadroniert als von der Überflüssigkeit deutscher, amerikanischer und sonstiger Truppen in diesem kulturell dem dekadenten Westen so überlegenen Staat. Weinen wir noch ein paar Krokodilstränen und ab dafür.
derbochumerjunge 20.06.2013
3. Deutsche Generale
Dann wird eben kapituliert und die deutschen Soldaten sind - gemessen an der Dauer des Feldzugs - einigermaßen glimpflich davon gekommen. Zum Glück ist es deutschen Generalen heutzutage nicht mehr so einfach möglich, ihre Soldaten blindwürig zu verheizen wie in den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts.
glen13 20.06.2013
4.
Zitat von sysopREUTERSNach zwölf Jahren Krieg, Tausenden Toten und erbitterten Kämpfen wollen die USA mit den Taliban über Frieden reden. Für den Westen zählt dabei nur eines: der geräuschlose Rückzug. Doch für Frauen und Minderheiten am Hindukusch brechen dunkle Zeiten an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/usa-und-afghanistans-regierung-verhandeln-mit-den-taliban-in-doha-a-906850.html
Die USA und deren Verbündete verkaufen die Ärmsten der Armen, die ein wenig Hoffnung hatten, an die Taliban. Es ist nur ekelhaft. Warum sollte man dafür nicht hassen?
Kurt2.1 20.06.2013
5. .
Zitat von sysopREUTERSNach zwölf Jahren Krieg, Tausenden Toten und erbitterten Kämpfen wollen die USA mit den Taliban über Frieden reden. Für den Westen zählt dabei nur eines: der geräuschlose Rückzug. Doch für Frauen und Minderheiten am Hindukusch brechen dunkle Zeiten an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/usa-und-afghanistans-regierung-verhandeln-mit-den-taliban-in-doha-a-906850.html
Kapitulation trifft es wohl nicht wirklich. Hätte man sein Ziel beibehalten, hätte man alles kurz und klein gehauen und diese Schlagzeile gäbe es nicht. Man hat aber stets das zu erreichende Ziel verändert und wollte, (welch eine Einfalt) die Demokratie nach AFG tragen. Das konnte nicht gelingen. Das Beste ist wohl, raus aus dem Land und keine Nachrichten mehr von dort. Lasst sie alleine in die Neuzeit kommen. Es wird einige schmerzliche Jahrthunderte brauchen, aber am Ende mag es gelingen. Dasselbe gilt für die anderen Länder, die einen Gottesstaat einer Demokratie vorziehen.
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