Die USA und ihre Partner Verhindern, dass die Welt auseinanderfällt

Die Nato in Gefahr, der Westen zerstritten: Nie war die Bedrohung für die globale Stabilität in den vergangene 70 Jahren größer. Den Feinden von Demokratie und Freiheit müssen wir uns entschlossen entgegenstellen.

"Wir müssen unsere Werte verteidigen"
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"Wir müssen unsere Werte verteidigen"

Ein Gastbeitrag von US-Gouverneur John Kasich


Die Vereinigten Staaten und ihre internationalen Verbündeten galten lange Zeit und völlig zu Recht als der Kern der "freien Welt". Jetzt sind sie mit der größten Bedrohung der globalen Stabilität seit Ende des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Sicherheitsallianzen wie die Nato, die uns mehr als sieben Jahrzehnte lang vor weiteren globalen Konflikten bewahrt haben, werden plötzlich infrage gestellt. Ich reise deshalb mit großer Sorge zur Münchner Sicherheitskonferenz.

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    John Kasich, 64, ist Republikaner und Gouverneur des Bundesstaates Ohio. Im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf war er einer der stärksten Rivalen von Donald Trump. Er präsentierte sich als Gegenentwurf zum Milliardär. Bis heute gilt er als einer der größten Kritiker Trumps. In den USA rechnen viele damit, dass er in vier oder acht Jahren einen neuen Anlauf zur Präsidentschaft unternimmt.

Von Amerika aus sehe ich, wie die Erosion unserer Bündnisse durch wachsende Spannungen auf der ganzen Welt verursacht und durch aufgebrachte Stimmen im eigenen Land angeheizt wird. Diese Kräfte bedrohen die Zukunft eines internationalen Sicherheitsrahmens, der den Vereinigten Staaten und ihren Partnerländern über einen langen Zeitraum hinweg Garant für eine stabile Welt und den freien Austausch von Ideen und Waren war. Angesichts dieser Stimmen beginnen viele Menschen hierzulande, im Nachhinein die Bündnisse und Beziehungen anzuzweifeln, welche uns in der Nachkriegszeit so große Dienste geleistet haben.

Zu viele meiner Landsleute ziehen es vor, sich auf zu Hause zu konzentrieren, statt unsere langjährigen Bündnispartner zu unterstützen. Und in vielen unserer verbündeten Nationen haben ähnliche Zweifel Wurzeln geschlagen.

Sichere und stabile Weltordnung

Warum bin ich beunruhigt - als Gouverneur eines US-amerikanischen Bundesstaats, der sich sonst in erster Linie mit Innenpolitik beschäftigt und sich um die Sicherung der öffentlichen Infrastruktur für die 11,7 Millionen Bewohner Ohios kümmert? Das hat damit zu tun, dass wir unsere Wirtschaft wiederbelebt und Arbeitsplätze in Ohio geschaffen haben, indem wir uns auf die Anforderungen und Vorteile einer globalen Wirtschaft eingestellt haben. Eine sichere und stabile Weltordnung, die Technologietransfers und den freien Austausch von Waren ermöglicht, ist von zentraler Bedeutung für das wirtschaftliche Wohlergehen meines Bundesstaats.

Die Sorgen, die ich jetzt habe, sind für mich nicht neu. Ich habe neun Amtsperioden im Kongress gedient und dabei 18 Jahre im Ausschuss des Repräsentantenhauses für die Streitkräfte gearbeitet. Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich schon längere Zeit befürchtet, dass es zu einer Krise unserer Bündnisse kommen könnte. Meine Sorge ist stark gewachsen durch jüngere Bedrohungen unserer Bündnisse, von innen wie von außen.

Warum sind diese Bündnisse so wichtig für Ohio und für ganz Amerika? Es geht hier um mehr als um die Sicherung unserer eigenen Grenzen und die Bewahrung unserer nationalen Identität, so wichtig diese auch sein mögen. Es geht auch darum, unsere gemeinsamen menschlichen Werte zu bewahren. Diese Werte haben die Vereinigten Staaten schon so lange am Leben erhalten: die Redefreiheit; die uneingeschränkte Achtung vor allen Menschen, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Sprache und Religion; freie Marktwirtschaft; die Freiheit des Handelns und Reisens.

Dies sind die Werte, die wir mit unseren Verbündeten teilen. Es sind die Werte, die andere verachten und denjenigen vorenthalten, über die sie herrschen.

Die Gefahr, dass sich Geschichte wiederholt

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs stellten diese Werte und deren moralische Maßstäbe das Fundament des internationalen Sicherheitsnetzes dar. Die Nato war ein Teil davon; sie hat dazu beigetragen, einen globalen Krieg zu vermeiden und hat ihren Partnern umfassende wirtschaftliche Vorteile durch freien Handel verschafft. Die Geschichte hat schon öfters einen leichtfertigen Umgang mit solchen Vorteilen gesehen, die Folgen waren immer negativ. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges und nochmals in den dunklen Tagen vor dem Zweiten Weltkrieg etwa wurden wir Zeugen von Regionalkonflikten, die schnell zu globalen Konflikten eskalierten und das Leben von Millionen und Abermillionen von Menschen forderten. Dabei wurden große Teile der Welt in Schutt und Asche gelegt.

Heute besteht die reale Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt - als Folge der erosiven Kräfte, die ich oben erwähnte: eine schwächelnde Nato und wachsende Konflikte in Gebieten wie Georgien, der Krim und im östlichen Teil der Ukraine. Immer wiederkehrende Unruhen und blutige Auseinandersetzungen im Mittleren Osten. Die dunklen Sturmwolken, die sich in Nordkorea und im Südchinesischen Meer zusammenballen. All das unter dem Schatten des internationalen Terrorismus. Aufrufe zur Auflösung der Bündnisse, zu Isolationismus und zu Handelsbeschränkungen lassen uns erahnen, dass die Welt, so wie wir sie kennen, auseinanderfällt.

Chinesische Soldaten im Südchinesischen Meer
REUTERS/Stringer

Chinesische Soldaten im Südchinesischen Meer

Jeder Einzelne unserer Bündnispartner ist sicherer, wenn Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit weltweit befürwortet werden. In Ländern wie der Ukraine besteht eine tiefe Sehnsucht nach diesen Werten. Wir müssen diese Sehnsucht fördern und dürfen sie nicht ignorieren.

Die Vorstellung, dass wir an Sicherheit im eigenen Land gewännen, wenn wir die Unterstützung für eine freiheitliche Ukraine aufgeben und uns damit eine bessere Beziehung mit Russland erarbeiten, ist falsch und naiv. (Russland streitet immer noch seine inakzeptable Einmischung in unsere Präsidentschaftswahl ab). Diese Vorstellung ist unvereinbar mit unseren gemeinsamen Idealen und führt dazu, dass unsere Bündnispartner unsere Entschlossenheit anzweifeln. Putin respektiert ausschließlich Stärke. Dies ist einer der Gründe, weshalb ich die Forderung nach schärferen Sanktionen gegen Russland und Putins inneren Kreis unterstütze.

"Eine zweite Chance bekommen wir nicht"

Es gibt eine weitere Ursache für meine Sorge. Unsere einst wachsamen Bündnisse haben es versäumt, sich den drängendsten Problemen zu stellen: Herausforderungen wie der Flüchtlingskrise, Grenzsicherheit, Netzsicherheit und der Austausch von nachrichtendienstlichen Informationen angesichts des Terrorismus. Wir müssen diese Schwächen beheben, aber wir müssen dies auf eine Weise tun, die es unseren Bündnissen erlaubt, sich weiterzuentwickeln, nicht dadurch, dass wir die grundlegenden Werte, die uns miteinander verbunden und die den Frieden durch viele Jahrzehnte hindurch erhalten haben, über Bord werfen.

Flüchtlinge im Mittelmeer
DPA

Flüchtlinge im Mittelmeer


Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Geschichte ihre traurigen Lektionen wiederholt. Jetzt ist für uns die Zeit gekommen, uns auf unsere Einheit und Solidarität zu besinnen. Wir müssen die Funktionstüchtigkeit unserer eigenen Demokratien erneuern. Wir müssen in uns selbst wieder den Mut finden, auf internationaler Ebene für unsere Werte einzustehen. Diese Werte haben unser gemeinsames Sicherheitsnetz getragen. Wir haben sie leider leichtfertig als selbstverständlich gegeben betrachtet.

Die Geschichte lehrt uns, dass es mutiger Entschlossenheit bedarf, um unsere wertebasierten Bündnisse zu erhalten. Wie können wir erwarten, dass dieses Wertbündnis überlebt - ohne gemeinsame Verpflichtung zur Freiheit?

Aus diesem Grunde ist es wichtig, dass die Vereinigten Staaten im Konfliktfall den baltischen Ländern und der Ukraine, die unter dem Schatten Russlands leben, Hilfe garantieren. Russische Einschüchterungsversuche gegenüber unseren Nato-Partnern und anderen freien Nationen dürfen nicht toleriert werden.

US- und Nato-Flaggen in Litauen
AFP

US- und Nato-Flaggen in Litauen


Wir müssen von Neuem lernen zusammenzuarbeiten, anstatt dem Sirenengesang falscher Propheten zu folgen. Wir müssen unsere gegensätzlichen Meinungen respektieren und eine gemeinsame Diskussionsgrundlage suchen. Wir müssen uns erneut unseren gemeinsamen Werten verpflichten, die uns helfen, unsere gemeinsame Humanität zu bekräftigen.

Die Münchner Sicherheitskonferenz 2017 bietet den führenden Persönlichkeiten unserer Bündnispartner eine außergewöhnliche Gelegenheit, unsere Bündnisse mit frischer Energie und neuem Zielbewusstsein zu stärken, indem wir uns wieder den Werten verpflichten, auf die einst jene Bündnisse des Vertrauens gegründet wurden.

Wenn wir nicht den Mut aufbringen und zusammenstehen, um unsere Werte zu verteidigen, werden wir keinen Erfolg haben. Eine zweite Chance bekommen wir nicht.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
bienchen-maja 17.02.2017
1.
Die Nato ist nicht in Gefahr.... .
paulvernica 17.02.2017
2. kein bißchen Selbstkritik
Nichts von G.W.Bush und seinen ungerechtfertigten Angriffskrieg auf den Irak. Nichts von einer immer stärker werdenden Kluft zwischen arm und reich in den USA. Nichts von rassistischen Übergriffen durch weisse Polizisten auf Schwarze. Nichts von Steuernvermeidern wie amazon facebook und anderen. All das möchte er zementieren. Nein Danke.
faustus-von-zeuch-strasse 17.02.2017
3. Wie, die Nato soll jetzt Saudi-Arabien oder die Philippinen überfallen?
"Den Feinden von Demokratie und Freiheit müssen wir uns entschlossen entgegenstellen" Könnten Sie bei Gelegenheit mal fragen, wo er die sieht?
sunisland 17.02.2017
4. Die größte Gefahr für Demokratie und Freiheit..
.. wurde heraufbeschworen, als man - gegen jede Versprechung - Rußland mit der Nato immer weiter auf den Pelz gerückt ist. Ich erinnere mich noch an die Rede Putins vor dem Bundestag (in dehr gutem Deutsch übrigens), da hatte man das Gefühl, der kalte Krieg sei nun endgültig vorbei. Wenn ich dann noch dran denke, was die Amerikaner den nahen Osten destabilisiert haben.. Sorry, aber die aktuellen gefahren hat Trump bestimmt nicht heraufbeschworen!
reflektiert_ist_besser 17.02.2017
5. genau so
Den Feinden von Demokratie und Freiheit müssen wir uns entschlossen entgegenstellen. genau so.
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