USA und Iran Plötzlich Partner

Kooperation statt Konfrontation? Während die Isis-Kämpfer im Irak vorrücken, kommt es zu einer vorsichtigen Annäherung zwischen den USA und Iran. Obama hat wenig Spielraum.

Irans Präsident Rohani: Einmarsch in den Irak?
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Irans Präsident Rohani: Einmarsch in den Irak?

Von und , Washington und Berlin


Es ging ein bisschen durcheinander in den letzten Tagen in Amerikas Hauptstadt. Denn der Vormarsch der Radikalislamisten im Irak schockiert die US-Politik, dringend wird nach Auswegen gesucht. Und so ist da plötzlich diese Diskussion um Iran, den alten Erzfeind. Ausgerechnet.

Warum? Weil Washington und Teheran nun einen gemeinsamen Gegner haben. Als mehrheitlich schiitischer Staat steht Iran mit der Terrorgruppe Isis ("Islamischer Staat in Syrien und im Irak") auf Kriegsfuß. Die Isis-Kämpfer sind radikale Sunniten, sie halten Schiiten für Irrgläubige, die den Tod verdienen. Zudem droht Isis damit, die irakischen Städte Nadschaf und Karbala zerstören zu wollen - sie gehören zu den wichtigsten Heiligtümern aller Schiiten. Gerade hat Irans Präsident Hassan Rohani einen Einmarsch in den Irak ins Spiel gebracht.

US-Außenminister John Kerry hatte zwischenzeitlich den Eindruck erweckt, als sei man sogar bereit zu militärischer Kooperation mit Teheran. Team Obama aber fing die Diskussion rasch wieder ein. Jetzt lautet die Ansage: Man redet in Sachen Irak gegenwärtig am Rande der Atomverhandlungen in Wien miteinander; die USA sind dort mit ihrem Vize-Außenminister Bill Burns recht hochrangig vertreten.

Besonders wichtig ist der US-Regierung die Betonung auf "am Rande". Und dass der Gesprächsgegenstand "nicht militärische Koordination" sei, so Josh Earnest, der Sprecher des Weißen Hauses. Auf die Verhandlungen im Nuklearstreit - die Frist läuft am 20. Juli ab - dürfe all dies keinen Einfluss haben. Dabei wird Iran genau diesen Deal anstreben: Den Amerikanern mit seinem Einfluss im Irak helfen, um dafür Zugeständnisse in Wien zu erlangen.

Geht das überhaupt für die USA: Zusammenarbeit mit einem Regime, das man als staatlichen Sponsor weltweiten Terrorismus betrachtet? Das den syrischen Bürgerkrieg schürt, Hisbollah stützt und den schiitisch-sunnitischen Gegensatz im Irak angeheizt hat? "Manchmal muss man Allianzen mit unangenehmen Nationen bilden, um den Sieg von etwas schlechterem zu verhindern", schreibt US-Außenpolitikexperte Fred Kaplan im "Slate"-Magazin. Es ist ein schmaler Grat, auf dem Obama da wandelt:

  • Option 1: Keine Kooperation mit Iran. Dann aber überließe Obama dem Teheraner Regime das Feld im Irak, würde ihm gar durch eventuelle US-Luftschläge indirekt noch den Weg bahnen; die Spaltung des Landes in einen schiitischen und sunnitischen Teil würde wohl vorangetrieben und Isis könnte sich in Rückzugsgebieten festsetzen, um von dort aus den Westen zu bedrohen.

  • Option 2: Vorsichtige Zusammenarbeit mit Iran mit dem Ziel, Isis zurückzudrängen, Teherans Einfluss sowohl zu nutzen als auch einzuhegen, sowie politische Aussöhnung im Irak zu ermöglichen. "Ausländische Akteure", so sagte es Obama-Sprecher Earnest, dürften auf keinen Fall Entscheidungen über Iraks Zukunft treffen. Klar, wer damit gemeint war: Teheran. Dieser Ansatz könnte nur dann funktionieren, wenn sich in der innenpolitischen Debatte in Iran moderatere Kräfte durchsetzen, die über die zunehmende Polarisierung zwischen Schiiten und Sunniten in der Region besorgt sind. Problematisch ist auch, dass die US-Verbündeten Saudi-Arabien und Israel besorgt auf eine solche iranisch-amerikanische Annäherung schauen würden.

Tag um Tag wächst für Obama der Druck - von innen und außen. Den Einsatz von Bodentruppen im Irak hat er ausgeschlossen, die kriegsmüde US-Bevölkerung würde das auch kaum mitmachen. Luftschläge werden weiter erörtert, doch ist das Pentagon wegen möglicher ziviler Todesopfer zögerlich. Die alten Bush-Krieger um William Kristol, den Herausgeber des Neocon-Blatts "Weekly Standard", wollen den Einsatz von Bodentruppen erwogen wissen und lehnen eine Kooperation mit Iran ab.

Für Iraks Regierung derweil ist Teheran der wichtigste Partner, um die eigene Sicherheit zu garantieren - nicht Washington. "Wir haben es mit einer existenziellen Bedrohung zu tun, wir werden also mit wem auch immer zusammenarbeiten, um dieser Gefahr zu begegnen", zitiert das US-Magazin "The Daily Beast" Iraks Washington-Botschafter Lukman Faily mit Blick auf Iran. Und für dessen Präsidenten Rohani gilt ohnehin: Die radikale sunnitische Gefahr steht mit Isis direkt im eigenen Hinterhof.

Wie ernst Iran diese Bedrohung nimmt, zeigt auch, dass sofort General Kassim Soleimani nach Bagdad geschickt wurde, Chef der für Auslandseinsätze zuständigen Elitetruppe der iranischen Revolutionsgarden. Er ist Teherans verlässlichste Waffe: Soleimani hat schon in Syrien mitgeholfen, das Blatt wieder zugunsten von Diktator Assad zu wenden. Mit seinen Beratern hat er die marode syrische Armee zur schlagkräftigen konfessionellen Truppe umgekrempelt, konfessionelle Milizen ausgebildet und sie auch mit seinen eigenen Leuten unterstützt.

Wie in Syrien will es der Revolutionsgardist nun wohl auch im Irak halten, offenbar sind bereits Mitglieder der Revolutionsgarden im Irak im Einsatz.

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insgesamt 8 Beiträge
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ihawk 18.06.2014
1. Der Begriff Terrorismus
Der Begriff Terrorismus wurde seit G.W.Bush überstrapaziert ... und das rächt sich jetzt indem es politische Entscheidungsfreiheit stark einschränkt. Andererseits sollten die USA mit dieser Doppelzügigkeit keine Probleme haben, da sie gerade in letzter Zeit keine Probleme damit hatten "Terroristen" in Syrien und in der Ukraine zu finanzieren - damit stehen sie dann eigentlich auf gleicher Augenhöhe mit dem Iran.
harald_haraldson 18.06.2014
2. Plötzlicher Partner
so wie die Taliban und diverse immer wieder zwischen "Freund und Feind" wechselnde halbseidene Gruppen bzw Regime. Was für eine bigotte und heuchlerische Veranstaltung..
tandorai55 18.06.2014
3. Das geostrategische Dilemma der USA
ist ihre vorgeblich moralisch operierende, eigene Werte als allgemeingültig setzende Weltpolitik. Unter der Flagge von Menschenrechten und Demokratie wurde allerdings eine einseitige, ausschließlich auf eigene Interessen abhebende, expanisonistischte Machtpolitik betrieben. Auf der einen Seite kooperiert man mit dem ölreichen, machthungrigen Terrorfinanzier Saudi-Arabien, einer der rückständigsten, am stärksten durch fundamentalen wahabitisch/sunnitischen Islam geprägten Regionalmacht. Auf der anderen Seite erklärt man die ebenfalls theokratische, jedoch bei weitem nicht gleichartig rückwärtsgewandte Regionalmacht Iran zum Erzfeind. Nur, weil deren Regierung eine klare, selbstbestimmte Abgrenzungspolitik verfolgt. Das Dilemma der USA hat jedoch auch etwas Gutes: Endlich wird Washington zu Kompromissen gezwungen und muß nach klaren, für alle Beteiligten nachvollziehbaren Regeln der Diplomatie handeln. Die Zeiten des "wer nicht für uns ist, ist gegen uns", dürften vorbei sein. Vielleicht entsteht jetzt endlich wieder eine Balance der Macht, auch wenn es zur Zeit drunter und drüber geht. Sicher, die USA haben das Desaster durch ihre Irak-Kriege ausgelöst und sind aktuell am Erstarken der ISIL - in trauter Einigkeit mit der Türkei und den Saudis - mit verantwortlich. Darüber nur zu lamentieren und mit dem Finger zu zeigen, ist allerdings müßig - Lösungen müssen her. Aber gemach: Denn sieht man von den problematischen Ausfällen der Ölförderung ab, ist der Religionskonflikt innerhalb des levantinisch/persischen Islams für das niedergehende Abendland durchaus auch von Vorteil, könnte es doch den fanatischen Eiferern beider Parteien nur schwer noch entschiedenen Widerstand entgegensetzen.
coolerusername 18.06.2014
4. Saudi Arabien
"Geht das überhaupt für die USA: Zusammenarbeit mit einem Regime, das man als staatlichen Sponsor weltweiten Terrorismus betrachtet? Das den syrischen Bürgerkrieg schürt" Genau das gleiche gilt für Saudi Arabien. Nur das die mit deutlich mehr unkontrollierbaren und Radikaleren Gruppen zusammen arbeiten. Nicht nur Privatpersonen, auch der Staat unterstützt(e) ISIS durch Waffenlieferungen (Panzerfäuste). Über die Rolle anderer Staaten will ich garnichts wissen. Jedenfalls sind deutsche Anti Panzer Waffen in den Händen von ISIS. (Ehemals an Syrien geliefert. Bei Waffen ist es doch klar das die im Bürgerkrieg die Besitzer wechseln.)
derfreitag 18.06.2014
5. Einseitige Ansicht
Zitat von sysopREUTERSKooperation statt Konfrontation? Während die Isis-Kämpfer im Irak vorrücken, kommt es zu einer vorsichtigen Annäherung zwischen den USA und Iran. Obama hat wenig Spielraum. http://www.spiegel.de/politik/ausland/usa-und-iran-annaeherung-der-erzfeinde-im-irak-isis-konflikt-a-975974.html
Wissen die Redakteure etwa nicht , das die USA schon jahrelang mit Saudi Arabien ,dem Finanzier der weltweiten Terrorismus zusammen arbeiten? Der Iran hat nun mal nicht die Situation in Syrien zu verantworten. Anführer der Revolte in Syrien waren Sunniten aus Saudi Arabien. Und auch die Medien sind nicht unschuldig an der ganzen Entwicklung im nahen Osten. Sie tragen ganz klar eine große Mitschuld an der Katastrophe. Die mediale Verzerrung bzgl Syrien war enorm. Besonders schlimm war es bis ende 2012. In diesem Zeitraum war die Propaganda unerträglich. Dabei geht es gar nicht so sehr um die streuung eindeutiger Falschinformationen, sondern um die betriebene Suggestion. Oppositionsbelastende Informationen und Ereignisse wurden systematisch ignoriert. Tatsachen wurden verdreht und diplomatische Bemühungen der Gegenseite wurden banalisiert oder herruntergespielt. Die Standpunkte und Details russisch-amerikanischer Gespräche, die Beschlüsse im UN-Sicherheitsrat und der Arabischen Liga oder anderweitige diplomatische Alternativen wurden in den Medien sogut wie nie aufgearbeitet. Stattdessen berief man sich in sogut wie jedem Artikel auf eine ominöse „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte".
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