Geplatzter Atomgipfel Maximalforderungen statt Strategie

Der Nordkorea-Gipfel fällt vorerst aus. Was sind die Gründe? Korea-Experte Lars-André Richter beklagt ein fehlendes diplomatisches Gespür auf beiden Seiten - hofft aber dennoch auf eine Neuansetzung.

Kim Jong Un in Pjöngjang, Donald Trump in Washington
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Kim Jong Un in Pjöngjang, Donald Trump in Washington

Ein Interview von


Wochen hat es gedauert, bis Ort und Zeit für das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un standen - und offenbar nur wenige Tage, die Hoffnung auf einen historischen Moment zu zerstören. Das Weiße Haus veröffentlichte am Donnerstag einen Brief von Trump an Kim, in dem er das Treffen absagte.

Die Begründung fiel vage aus: "Enormer Zorn" und "offene Feindseligkeit" in der neuesten Mitteilung des nordkoreanischen Regimes. Das hatte zuletzt US-Vizepräsident Mike Pence "ignorant und dumm" genannt - weil er die nordkoreanische Regierung davor gewarnt hatte, Trump öffentlich "vorzuführen". Beide drohten mit einer Absage der Gespräche.

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Trump sagt Nordkorea-Gipfel ab: Ein Schritt vor, zwei zurück

Neben offenen Kampfansagen ("unsere gewaltigen nuklearen Fähigkeiten") schreibt Trump in seiner Mitteilung allerdings auch, wenn Kim es sich mit dem Gipfel noch einmal anders überlege, könne er sich jederzeit melden. Gibt es also doch noch Hoffnung? Lars-André Richter, Koreaexperte der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul, mit einer Einschätzung der aktuellen Entwicklungen.

Zur Person
  • Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
    Lars-André Richter leitet seit 2012 das Büro Korea der Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit in Seoul. Nach einem geisteswissenschaftlichem Studium in Tübingen, Leipzig, Paris und Berlin folgte die Promotion. Danach arbeitete Richter unter anderem für den Deutschen Akademischen Austauschdienst. Richter hat bereits ein Dutzend Mal Nordkorea besucht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Richter, der Ton zwischen Washington und Pjöngjang hatte sich in den vergangenen Tagen wieder verschärft. Ist die Absage des Gipfels dennoch eine Überraschung?

Lars-André Richter: Nach den Drohungen, die es in den letzten Tagen und Stunden von beiden Seiten aus gab, überrascht mich die Absage nicht mehr. Einen ersten Warnschuss gab es ja bereits vergangene Woche, mit der Absage eines innerkoreanischen Treffens. Trotzdem finde ich die Entscheidung bedauerlich.

SPIEGEL ONLINE: Was ist schiefgelaufen?

Richter: Normalerweise würde ein Treffen von dieser Tragweite erst nach einer langen, gründlichen Vorbereitung stattfinden. Diese hätte sich über Jahre hinziehen können. Das ganze stattdessen mit so wenig Vorlauf durchführen zu wollen, war wohl doch zu ehrgeizig. Manche Gesetze der Diplomatie lassen sich eben doch nicht einfach außer Kraft setzen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Trump möglicherweise überschätzt?

Richter: Beide Seiten haben keine klare Strategie für den Gipfel erkennen lassen. Stattdessen sind Maximalforderungen formuliert worden, auch wenn der Begriff Denuklearisierung vielleicht Interpretationsspielräume gelassen hätten. Dass Nordkorea seine Waffen nicht sofort abgeliefert hätte, lag auf der Hand. Was aber wäre passiert, wenn sich die USA übervorteilt gefühlt hätten? Hätte Trump dann nicht einen Militärschlag erwägen müssen, um sein Gesicht nicht zu verlieren? Das hätte die USA angesichts der vielen Konflikte weltweit aber vielleicht doch zu sehr strapaziert.

SPIEGEL ONLINE: Dabei hatte Nordkorea nur Stunden vorher mitgeteilt, sein Atomtestgelände zerstört zu haben.

Richter: Das Testgelände war vermutlich ohnehin schon unbrauchbar. Dieser Schritt war möglicherweise nicht mehr als eine symbolische Geste.

SPIEGEL ONLINE: Welche Reaktion könnte nun aus Nordkorea auf die Absage folgen?

Richter: Ich denke nicht, dass ein Gipfel damit endgültig vom Tisch ist. Trumps Absage ist auffallend höflich formuliert. Beide Seiten haben jetzt erst einmal Zeit gewonnen. Im Idealfall ist das Ganze nur verschoben. Und eben noch nicht völlig aufgehoben.

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scratchpatch 24.05.2018
1. Die Rechnung, bitte
Na ja, jetzt sind wir zurück in den Zeiten, in denen es darum ging, wer die größeren Raketen hat. Interessant auch, dass Trump in seiner letzten Ansprache betonte, dass Südkorea und Japan bereit seien, alle Kosten einer evtl. militärischen Aktion der USA zu übernehmen. Das wäre ja noch die letzte Hürde gewesen, die Trump vor dem Einsatz militärischer Gewalt abgeschreckt hätte. Wenn aber andere bezahlen, wer weiß.... Jedenfalls sehen wir, was uns bevorsteht, sollte sich eine Bedrohung für Europa ergeben. Dann wird erst mal geklärt, wer die Rechnung übernimmt.
ebieberich 24.05.2018
2. Mir kommen die Traenen
Der Brief ist nicht nur hoeflich, sondern herzzereissend, so als haette Melanie ihn verlassen. Es glaubt doch selbst Herr Richter nicht, dass das nicht schon vorher so geplant war. Was soll man denn erwarten, wenn man Kim mit Gaddafis Schicksal konfrontiert und dann nochmal nachlegt. Hurrah, wir ziehen wieder in den Krieg. Ueberall, gegen die "Schlitzaugen" und die "Mullahs". Das waere dann allerdings Trumps politischer Selbstmord selbst wenn seine Basis erstmal begeistert ist.
steveleader 24.05.2018
3. Hat im Zusammenhang...
mit Herr Trump überhaupt schon etwas konstruktives geklappt? Bisher habe ich den Eindruck das lediglich Aufkündigungen funktionieren aber das kann ja Jeder. Zurück in die Vergangenheit bekommt selbst die hohlste Birne hin.
dirk1962 24.05.2018
4. Trumps Verhalten erinnert mich stark
an ein Kleinkind im Sandkasten. Das sagt auch ständig .....ich will aber. Und wenn es das nicht bekommt, fängt es an zu plärren. Intellektuell bewegt sich ein Trump auf ähnlichem Niveau.
magier 24.05.2018
5.
Ich fand eigentlich die Aussage des Vizepräsidenten, dass Kim so enden würde wie Gadaffi, falls er nicht sofort die Atombomben hergäbe, eine gute Ausgangsbasis für ein Gespräch auf Augenhöhe und ohne Gesichtsverlust für die Beteiligten. ;-) So sind sie, die Politiker in Gottes eigenem Land. Dabei hat Kim sich ja die Atombomben gerade deshalb angeschafft, damit es ihm nicht so ergeht wie Gadaffi. Dessen Land wurde nämlich vom Westen bombardiert, als er auf die Atombomben verzichtet hatte. Er selbst wurde ermordet. Ich denke, der Dialog passte nicht mehr in die Strategie der neuen Scharfmacher im Team Trump. Jetzt geht es wieder auf dem Niveau weiter, wo es darum geht, wer den Größten hat.
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