Amerika unter Trump Nichts wird gut

Die Woche geht zu Ende, die US-Wahlen sind abgehakt: neuer Präsident, neue Regierung, na ja, das Leben geht weiter. Wirklich? So zu denken ist blinder Egoismus.

Demonstration gegen Donald Trump
AFP

Demonstration gegen Donald Trump

Ein Kommentar von , New York


Ganz in der Nähe unseres Büros in Manhattan gibt es einen Weihnachtsmarkt. Er heißt "Winter Village", denn wer will jetzt schon von Weihnachten sprechen? Man kann da allerhand Krimskrams kaufen und Crêpes essen und zwischendurch auf einer Pop-up-Eisbahn Schlittschuh laufen.

Ein adrettes Pärchen sitzt am Rande und redet, wie gerade die meisten New Yorker, über Politik. Der Mann beruhigt seine Freundin: "Alles wird gut."

So beginnt sie, die Normalisierung, die Verharmlosung, die Akzeptanz - in den Medien, in der Politik und auf dem Weihnachtsmarkt: Donald Trump? Der ist doch gar nicht so schlimm. Der ist doch eigentlich ganz vernünftig. Ganz normal.

Doch nichts ist normal hier in diesen Tagen.

Es ist auch zehn Tage später nicht normal, dass 60 Millionen Amerikaner einen Rechtspopulisten zum Präsidenten gewählt haben, dessen rassistische, antisemitische, fremden-, frauen- und schwulenfeindliche Rhetorik plötzlich vergessen und vergeben scheint. Egal, ob's dir mies geht, ob du dich übergangen fühlst, arbeitslos bist oder pleite: Nichts entschuldigt, einen Demagogen zu ermächtigen - nach dem Motto, ach, das ist doch alles nur Wahlkampfgetöse.

Nein, es wird nicht gut

Es ist nicht normal, weiter zu "hoffen", dass ein 70-Jähriger sich noch ändern wird. Dass Trump nicht der sein wird, der er immer war. Dass er über Nacht klug, belesen, maß- und respektvoll wird. Dass er plötzlich auch diejenigen Latinos und Muslime wertschätzt, die zufällig nicht für ihn arbeiten. Dass er sich künftig von weisen Geistern leiten lässt, statt von seinem kleptokratischen Clan. Dass er nicht mehr lügt, wenn es ihm nutzt, sondern nur noch die Wahrheit sagt.

Es ist nicht normal, dass der mächtigste Präsidentenberater, der jedes Detail der US-Politik steuern soll, fortan Steve Bannon ist. Ein Mann, der aus seinem Antisemitismus nie einen Hehl gemacht hat, der als Führer der Alternativen Rechten "Alt Right" gilt - ein Mäntelchen für alle möglichen Hassgruppen, darunter die wiederauferstandenen Lynchhorden des Ku-Klux-Klans, die Trumps Wahl als einen "Schritt in die richtige Richtung" bejubeln.

Es ist nicht normal, dass Hunderte Amerikaner diese Wahl als Anlass, ja, Ermutigung sehen, Ausländer, Muslime und Minderheiten anzugreifen. Fast 500 Übergriffe gegen die Schwächsten der Gesellschaft wurden seit dem Wahltag gemeldet, viele mit dem Schlachtruf: "Jetzt ist Trump Präsident!"

Es ist nicht normal, dass Trump-Berater Kris Kobach, Innenminister von Kansas, ein "Melderegister" für Einwanderer einer ganz bestimmten Religion vorschlägt. Und dass Trump auf die Frage, wie sich eine solche Datenbank von der Meldepflicht für Juden im Dritten Reich unterscheide, mehrfach nur sagte: "Sag du es mir!"

Es ist nicht normal, dass NSA-Chef Michael Rogers offen bestätigt, Russland habe die Präsidentschaftswahlen durch Hacks manipuliert - "eine bewusste Anstrengung eines Nationalstaats, eine spezifische Wirkung zu erzielen".

Es ist nicht normal, dass sich im Wahlkampf viele Amerikaner via Facebook "informierten" statt durch die etablierten Medien - und dass die meisten von ihnen dann Donald Trump wählten.

Es ist nicht normal, dass Sarah Palin neue US-Innenministerin werden könnte.

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New York: Widerstand gegen Trump

Nichts davon ist normal. Besser gesagt: Nichts wäre vor dem 8. November 2016 normal gewesen. Doch jetzt gehört es zum "new normal", wie all die Homestorys aus dem Trump Tower. Wie nett Autokraten doch sein können!

Schwamm drüber, vorwärts, Schluss mit der Panik: Das zu sagen, können sich aber nur diejenigen leisten, die das Privileg genießen, nicht von Trumps Rechtswende betroffen zu sein - das sind vor allem Weiße. Die keine Angst haben müssen vor Gewalt, Diskriminierung, Ausgrenzung, Ausweisung. Die sich in ihrem Wohlstandsmus "sicher" fühlen, während andere - in deren Haut sie sich nicht hineinversetzen können - nun täglich um ihre Existenz fürchten.

Sie ist längst unterwegs, die vermeintliche Normalisierung, die in Wahrheit eine Verharmlosung ist. Keiner hält sie auf. Denn es ist ein gemeinsamer Egoismus, der sie vorantreibt. Der Egoismus derer, die Trump gewählt haben. Und der anderen, die ihn selbstgefällig unterschätzt haben - und ihn jetzt als stille Mitläufer zum Durchregieren befähigen. Alles wird gut? Vielleicht für manche. Aber zu welchem Preis?

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Seite 1
3847234462 18.11.2016
1.
Gibt es auch nur eine einzige antisemitische Aussage Trumps? Immerhin ist auch seine Tochter Jüdin. Und irgendeinen Beweis dafür, dass Bannon aus seinem Antisemitismus "nie einen Hehl" gemacht hat? Die einzige Aussage in diese Richtung stützt sich auf die Aussage seiner Frau und stammt aus dem Scheidungskrieg. Nach dem Prinzip "Aussage gegen Aussage" kann man das nicht verwenden. Wer daraus "keinen Hehl" macht, von dem müsste es tonnenweise antisemitische Äußerungen geben!
arthurspilgrims 18.11.2016
2. Verharmlosung.....
...Thema verfehlt! Hier geht es um etwas ganz anderes: Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Jetzt hilft es nicht den Widerstand zu schüren, sprich Panik zu machen. Das wäre Hetze "a la Trump". Abwarten. Ruhe bewahren und davon absehen Unruhe zu verursachen. On der Ruhe liegt die Kraft? nicht in der anhaltenden Unterstützung Ungewissheit zu nähren. Eine ruhige besonne Hand ist jetzt gefragt.
C. Schmidt 18.11.2016
3.
Langsam hab ich den Eindruck, dass ein großer Teil der Journalisten von Trump nur nach dem Prinzip der Stillen Post gehört hat. Man kann Trump viel vorwerfen, aber er hat weder etwas Antisemitisches noch etwas Schwulenfeindliches gesagt. Nicht mal die Rassismus-Vorwürfe sind so klar, wie es oft dargestellt wird (im Endeffekt hat er sich nur darüber beschwert, dass viele illegale Einwanderer aus Mexiko auch Kriminalität ins Land bringen - was andere Präsidenten vor ihm (inklusive Clinton und Obama) ebenfalls schon sagten). Ansonsten hat er viel Lob über Minderheiten und Einwanderer abgelassen, wie das halt für einen Präsidentschaftskandidaten so üblich ist.
Natan_der_Weise 18.11.2016
4. Parallelwelt
Manchmal habe ich das Gefühl, dass die europäischen Politiker und vor allem die Medien in einer Parallelwelt leben. Den gesamten Wahlkampf über und seit einer Woche noch verstärkt schallt es aus allen Richtungen Anti-Trump-Parolen. Ich bin um kein Trump-Fan, aber die einseitige Berichterstattung ist mehr als beschämend! Hätte der Spiegel auch so losgehetzt wenn Clinton gewonnen hätte? Ich bin mir sicher, niemand hätte mehr über Libyen, ihre Meinung zu Russland, die E-Mail-Affäre oder ihre Nähe zur Wallstreat gesprochen. Dieser Wahlkampf war äußerst traurig, wie kann man nur diese beiden Kandidaten aufstellen? Anstatt die ganze Zeit auf Trumps Wähler zu schimpfen, sollte man sich eher mit deren Motiven auseinandersetzen. Es ist unbeschreiblich, was der Neoliberalismus in diesem Land angerichtet hat, schonmal drüber nachgedacht SPON? Naja so ist das leider in einer Demokratie, die "Dummen" dürfen auch mitwählen. Wahrscheinlich bringen die reißerischen Überschriften die besten Gewinne... the show must go on
franke08 18.11.2016
5. Clinton wäre wesentlich gefährlicher
Die mit Vehemenz vorgetragene Trump Hysterie kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Was war denn die Alternative? Eine eiskalte Kriegstreiberin unter deren Führung es eine Flugverbotszone in Syrien gegeben hätte? Einem Land in dem Amerika ohne jegliche Legitimierung ist? Das hätte in nullkommanichts in einen russisch amerikanischen Krieg geführt. Eine Frau die sich für eine militärische Antwort gegenüber angeblich russischen Hackerangriffen ausgesprochen hat? Eine Wahnsinnige! Nein Frieden und Verständigung mit Russland ist nicht ihr Ding, sie möchte eskalieren und genau dies würde zum Untergang Europas führen. All die negativen Eigenschaften werden in deutschen Medien absichtlich ausgeblendet und verschwiegen. Seriöse Berichterstattung geht anders.
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