Auftakt der US-Vorwahlen Boheiowa

Die US-Vorwahlen im Bauernstaat Iowa gelten als Omen für das Rennen ums Weiße Haus. Dabei sind sie eine enorme Geldverschwendung - und undemokratisch.

REUTERS

Von , Des Moines


Die Dame an der Mietwagentheke seufzt. 700 Reservierungen hat sie heute schon abgearbeitet, zu Raten ab 100 Dollar am Tag: "Wir verdienen an diesem Wochenende mehr als sonst in einem Monat."

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 5/2016
Amerikas Hetzer Donald Trump

Schließlich ist es das Wochenende, auf das sie vier Jahre gewartet haben. Das Wochenende vor den sogenannten Caucuses, jenem offiziellen Startschuss der US-Vorwahlen am Montag. Und wie immer ertönt dieser Startschuss in Iowa, dem Bauernstaat im Mittleren Westen.

Dessen Hauptstadt Des Moines ist voll geflaggt für den Super Bowl der Politik. "Willkommen, Kandidaten", steht auf den Bannern. Vor der Kapitolskuppel posieren bibbernde Reporter. Ein anderer hat sich am Performing Arts Center aufgebaut, da gastiert "Caucus! The Musical".

Musical oder Tragödie, es ist eine tolle Show. Wie kein anderes Volk bestimmen die Amerikaner ihre Präsidentschaftskandidaten, zuerst eben in Iowa mit seinen archaisch überlieferten Regeln. Staatskunde zum Anfassen: Das riecht nach Grassroots, Freiheit und Demokratie.

So fest verwurzelt ist die aufgeblasene Rolle Iowas im US-Wahlzirkus, dass man schon gar nicht mehr darüber nachdenkt.

Sollte man aber: In Wahrheit sind die Caucuses weitgehend zwecklos, eine enorme Geldverschwendung und, ja, geradezu undemokratisch - ein perfekt inszenierter Polit-Schwindel, dessen Opfer munter dabei mitmachen.

Ein Sieg in Iowa führt nicht automatisch ins Weiße Haus

Das gilt für das Wahlsystem wie für das, was dabei rauskommt: Diese Vorwahlen sind weder repräsentativ noch einer Demokratie würdig. Ihre Resultate sind oft ein Losentscheid, dessen Nutznießer - wenn überhaupt - allein durch den Medienhype zu höheren Weihen gelangen.

"Eine absolut furchtbare Art, Kandidaten für die Präsidentschaftswahl zu finden", befand der inzwischen verstorbene Essayist Christopher Hitchens bereits 2007. "Sie macht die USA zur Bananenrepublik." Doch geändert hat sich nichts, seit dieser politische Spiegeltrick erfunden wurde.

1972 war das, als Iowa durch Zufall an die erste Stelle im damals noch unbeachteten Vorwahlkalender rückte. Die Demokraten wollten ihrer murrenden Basis so mehr Mitsprache geben. Über die Jahre verfestigte sich dann der Mythos, dass Iowa ein Indikator für spätere Erfolge sei.

Obwohl die Statistik recht durchwachsen ist: Iowa brachte Präsidenten hervor (Barack Obama, George W. Bush), aber auch Caucus-Sieger, die dann schnell wieder abschmierten (Tom Harkin, Mike Huckabee).

Schon die Prozedur ist alles andere als wissenschaftlich - geschweige denn demokratisch. Wer wählen will, kann seine Stimme nicht einfach in einer Kabine abgeben, geheim und unbehelligt. Nein: Er muss um Punkt 19 Uhr in einem Gemeindesaal erscheinen, einer Sporthalle oder einer anderen Lokalität, um ein politisches Theater zu ertragen.

Diese Caucus-Abende sind mehrstündige Veranstaltungen, bei denen Vertreter der Kandidaten noch einmal trommeln, ob mit persönlichen Appellen oder selbstgebackenen Keksen. Danach müssen die Anhänger sich bekennen - in offener Abstimmung und unter den kritischen Augen von Freund wie Feind.

Nicht nur das killt die Wahlbeteiligung. Schnee und Eis halten Iowa um diese Jahreszeit fest im Griff. 2012 war's nicht ganz so kalt: 122.255 Stimmen gaben die Republikaner da ab. Wahlbeteiligung: 5,4 Prozent - ein Positivrekord!

Nächstes Problem: die Auszählung. Vor vier Jahren erklärte Iowa erst Mitt Romney zum Sieger, dann Rick Santorum und dann - gar keinen. Die Ergebnisse aus acht der 1774 Wahlkreise waren "verschwunden".

Und doch soll Iowa ein Omen sein, ein Abbild der nationalen Stimmung in der exakten Mitte des Kontinents. Dabei ist kaum ein Bundesstaat weniger repräsentativ als Iowa mit seinen 3,1 Millionen Einwohnern - hier gibt es mehr Ältere und Weiße als im US-Durchschnitt und die Menschen in Iowa sind christlich-konservativer als die meisten Landsleute.

Viel Geld bringt nicht automatisch viele Stimmen

Trotzdem sind rechtzeitig zum Caucus mehr als 1600 Journalisten aus aller Welt eingefallen - so viele wie noch nie. Das liegt auch an Donald Trump. Die Hotels sind seit Wochen ausgebucht, trotz astronomischer Preise.

Enorme Summen werden verschwendet. Seit Monaten tingeln die Kandidaten durch Iowa, Rick Santorum schaffte sogar alle 99 Bezirke. 70 Million Dollar haben die Bewerber in TV-Spots gesteckt. Davon profitieren Sender und Agenturen - doch nicht unbedingt die Politiker selbst. Jeb Bush investierte 15 Millionen Dollar in den Fernsehwerbung, in den Umfragen liegt er bei vier Prozent.

Das alles kann der Dame an der Mietwagentheke aber egal sein. Am Dienstag wird die Karawane wieder weiterziehen. "Ich werde ab vier Uhr früh hier stehen", sagt sie. "Und ich werde versuchen, zu lächeln."

Animation: Wie funktionieren die US-Vorwahlen?

DER SPIEGEL
US-Vorwahlen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
shran 30.01.2016
1.
"Dabei sind sie eine enorme Geldverschwendung" Ob es eine enorme Geldverschwendung ist hängt natürlich vom Standpunkt des Betrachters (Bürger/Politiker/Spender) ab. Undemokratisch ist es auf jeden Fall. Demokratische Alternativen kenne ich aber bisher keine sinnvollen. Oder wäre es z.B. demokratisch private Spenden komplett zu verbieten und jeder Partei über 5% den gleichen Betrag von Staatsseite für Wahlkampf zu geben ?? Es wäre auch nicht wirklich demokratisch die Wahlkampfmittel proportional zu den Wählerstimmen zu verteilen weil dadurch die Gründung neuer Parteien erheblich erschwert wird. Bzgl. US Wahlkampf empfehle ich zu Transparenzzwecken "Who Owns Your Presidential Candidate?" auf Zerohedge. Spenderlisten sind aber u.U. nicht mehr ganz aktuell.
demophon 30.01.2016
2. Geldverschwendung
Und trotzdem diese Veranstaltung eine riesige Geldverschwendung und völlig undemokratisch ist, fährt Marc Pitzke extra nach Iowa um von dort zu berichten. Das Resultat der Abstimmung sagt in der Tat überhaupt nichts aus, es gibt dem Gewinner nur Momentum, mehr nicht.
autopoiesis 30.01.2016
3.
Um die Frage, weshalb die USA Vorwahlen abhalten, ist ganz einfach zu beantworten: Die Vereinigten Staaten sind im Gegensatz zu Deutschland keine Parteienoligarchie, sondern eine Demokratie.
potsdam1968 30.01.2016
4. Was ist daran so schlecht?
In Deutschland werden die Kandidaten aller Parteien - bestenfalls - in den Hinterzimmern irgendwelcher Landgasthäuser bestimmt. Oder einfach durch Proporz und Beziehungen gesetzt. Die Amerikaner haben immerhin die Chance, auf die Auswahl Einfluss zu nehmen. Dass sie diese oftmals nicht nutzen ist eine andere Sache.
dermirko 30.01.2016
5. Undemokratisch?
Interessant, wie der Autor hier von fehlender Demokratie spricht. Wenn man sich mal die Definition von "Demokratie" anschaut, wird man merken, dass in diesem Artikel mal wieder viel Polemik steckt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.