Zwei Jahre in den USA Amerikas Angst, Amerikas Mut

Zwei Jahre war Veit Medick US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE. Mit seiner Familie lebte er in einem Vorort von Washington DC. Er lernte dort viel über die Psyche Amerikas - und über Deutschland.

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Ich bin neulich noch mal mit meinen Kindern durch unser Viertel gelaufen. Raus aus der Haustür, die vier Stufen runter. Rechts die Highland Avenue entlang hin zum Lynbrook Park. Ein schöner Park ist das, es gibt viele hohe Bäume, ein Basketballfeld, einen Spielplatz, eine weite grüne Wiese. Und ringsherum stehen diese amerikanischen Vorstadthäuser, die immer nach dem gleichen Prinzip gebaut sind: Driveway, Garage, Veranda, Vorgarten. Hier und dort hängt ein Sternenbanner vor der Haustür.

Ein Idyll, jedenfalls scheint es so.

Wir wollten auf dem Spielplatz ein bisschen schaukeln. Die Sonne schien, und es war warm. Nur war praktisch niemand zu sehen. Keine Menschen, keine fahrenden Autos, keine Kinder, die Bälle werfen oder mit dem Hund spazieren gehen. Die Wiese war leer, die Geräte auf dem Spielplatz auch. Eine Nachbarschaft als Stillleben, wie so oft.

Wir haben zwei Jahre in Bethesda gelebt, einem privilegierten, fast ausschließlich weißen Vorstadtbezirk ein paar Kilometer nördlich von Washington DC. Es war eine in vielerlei Hinsicht wunderbare und aufregende Zeit. Wir haben Geschichte live miterlebt. Wir mussten uns zurechtfinden in einer fremden Umgebung und haben festgestellt, dass wir das ganz gut können.

Meine Töchter sind mit der Zeit kleine Amerikanerinnen geworden. Sie singen jetzt Katy Perry und Miley Cyrus. Sie lieben Wohnwagen und sammeln Shopkins. Sie sagen "Ist das schön hier", wenn sie in einem Disney-Shop stehen, und fahren wir an einem Tag mal nicht mit dem Auto in die Tiefgarage unseres Supermarkts, glauben sie, es stimme etwas nicht. An ihnen kann man sehen, wie mächtig der amerikanische Lifestyle noch immer sein kann, wenn man nicht gegensteuert. Das kann nerven. Aber es ist auch niedlich, jedenfalls für einen überschaubaren Zeitraum.

Die Leere auf den Straßen

Ich habe gerne in unserem Viertel gewohnt. Wir haben tolle Nachbarn gehabt. Interessiert, neugierig, hilfsbereit. Es heißt oft, menschliche Beziehungen in den USA seien oberflächlich. Das haben wir so nicht erlebt.

Aber die Leere und das Sterile auf den Straßen haben mich immer irritiert. Es fehlte irgendetwas. Die Lebendigkeit, das öffentliche Leben, der Eindruck, dass das Viertel auch benutzt wird und nicht nur Kulisse ist. Unser Nachbar Craig sagt, viele Amerikaner blieben lieber daheim, weil sie bequem geworden seien. Unbeweglich. Durchs Internet, das einen alles bestellen lässt. Durch die Klimaanlagen, die das echte Wetter so schön verdrängen. Durch die Autos, die für viele ein zweites Zuhause sind. "Selbstgefällig sind wir", sagt Craig. Ist es das?

Ich habe vor einiger Zeit ein Buch gelesen von Barry Glassner, einem Soziologen. Glassner vertritt die These, dass Amerikaner in einer Kultur der Angst leben und eigentlich nichts dagegen unternehmen, sondern ihr Leben in einer Spirale der Paranoia immer schlimmer werden lassen. Ich habe häufiger an diese These gedacht. In Bethesda braucht man nicht vor allzu vielen Dingen Angst zu haben. Außer vielleicht vor Moskitos. Oder vor Unfällen. Aber auch eine Neurose reicht, um die eigenen vier Wände zum Schutzraum zu erklären. Bethesda kam mir häufig vor wie ein großer Schutzraum.

Schon richtig: Angst ist nicht neu in Amerika. Dieses Land hat immer schon irgendwie geglaubt, gleich komme die Apokalypse. Aber, mein Gott, wie ängstlich die USA doch geworden sind, im Kleinen wie im Großen. Man muss nur mal ein wenig hingucken. Die Desinfektionstücher in den Läden, um sich vor Keimen auf den Einkaufswagen zu schützen. Die leergefegten Regale in den Supermärkten vor mittelgroßen Unwettern. Die Zäune um die Spielplätze, die das Unheil verhindern sollen. Die Amok-Alarmanlagen in den Schulen. Die Hysterie in den Kabelsendern.

Neulich ist eine Studie darüber erschienen, was US-Bürger besonders fürchten. Es ist alles dabei. Terror und Persönlichkeitsdiebstahl. Korrupte Firmen und finanzieller Ruin. Tornados und Ehebruch. Man kann das erklären. Amerika gewinnt keine Kriege mehr. Andere Länder haben plötzlich auch viel Macht. Alles ist wahnsinnig schnell geworden. Die Angst vor äußeren Gefahren kann an die Psyche gehen. Keine Frage.

Es gibt auch eine innere Angst. Viele Amerikaner trauen Politik und Eliten nicht mehr. Sie fragen sich, an was sie eigentlich noch glauben sollen, wenn die großen wirtschaftlichen Daten stimmen, die Scheine in ihrem Portemonnaie aber immer weniger werden. Viele meinen, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen zu müssen. Auch das kann anstrengend sein.

Amerikas Angst kann anstecken

Donald Trump hat meisterhaft verstanden, zu welchem Verkaufsschlager die Angst geworden ist - und zwar in vielen Lebensbereichen. In der Politik, auf dem Immobilienmarkt und in den Medien auch. Wir hatten zu Hause die "Washington Post" abonniert. Meine Frau hat alles gelesen, auch den Lokalteil. Sie hat dann gesagt: Lass uns nicht durch Prince William County fahren, da gibt es ständig Shootings. Ich habe sie erst belächelt. Bis ich gemerkt habe, dass auch ich vorsichtiger geworden bin. Ich gehe zum Beispiel nicht mehr gerne in ein Stadion, in dem es keine Sicherheitsschleusen gibt. Albern? Ja. Aber Amerikas Angst kann anstecken.

Und es stimmt, oft bringt einen dieses Land zur Verzweiflung. Selbst wenn man in der Blase lebt. Alle reden von Sicherheit und dann schaffen es die Amerikaner nicht mal, die eigenen Waffen vernünftig zu kontrollieren. Alle reden von Freiheit und dann müssen in unserem Schwimmbad ein paar Straßen nördlich Mädchen schon als Baby einen Bikini tragen. Kaufte ich eine Flasche Wein, musste ich sie in einer dunklen Tüte verstecken, bis ich zu Hause war.

Neulich sind wir von der Polizei angehalten worden, weil ich angeblich die Spur nicht eingehalten hätte. Was, wenn ich den Strafzettel nicht unterschriebe, wollte ich wissen. Dann nehme ich Sie halt fest, sagte der Beamte. Geh' nicht ins Gefängnis, Papa, rief meine Tochter. Man kann sich ziemlich beobachtet fühlen in den USA. Und unfrei.

Ganz egal, Hauptsache neu

Das Land geht den Bach runter, sagen jetzt viele. Trump, die Ungerechtigkeit, die Schulden in China. Kann sein. Sicher bin ich mir nicht.

Januar 2016: Gegenüber von uns stand ein Haus. Wenn wir aus dem Fenster schauten, konnten wir sehen, dass es irgendwie nicht mehr so richtig dazugehörte. Klein und alt war es, ein wenig dreckig und kaputt. Der Garten war ungepflegt. Irgendwann kam der Bulldozer. Innerhalb von einer Stunde gab es das Haus nicht mehr. Innerhalb von zwei Monaten stand am gleichen Fleck einfach ein neues. 6 Schlafzimmer, 4 Bäder, 1,6 Millionen Dollar. Driveway, Garage, Veranda, Vorgarten. Dort lebt jetzt eine Familie, die glücklich aussieht. Jedenfalls, wenn sie sich mal zeigt.

Verdrängung? Klar kann man das so sehen. Aber für mich war die Sache mit dem Haus immer auch eine Metapher dafür, wie das Land tickt. Und wie wir ticken, wir Deutschen. Wir wären anders vorgegangen. Wir hätten wahrscheinlich versucht, am Haus herumzuschrauben, ein paar neue Fenster einzusetzen und es anzumalen. Irgendwie muss es gerettet werden. Opa hat doch schon drin gewohnt.

Wenn man in einem anderen Land lebt, lernt man auch seine eigene Kultur viel besser kennen. Wir trennen uns ungerne von alten Dingen. Wir bewahren und optimieren. Wir sind nicht so gut in der Kategorie: Wir machen jetzt mal alles einfach ganz neu.

Amerikaner sind unheimlich gut darin. Wenn sie von etwas die Nase voll haben, holen sie den Bulldozer. Autos müssen dran glauben, Häuser, Theorien, Thesen, Sport-Ikonen, Berufe, Firmen, Politiker. Ganz egal, Hauptsache neu. Auf dem Mond waren wir schon. Dann ist jetzt der Mars dran. General Motors geht es schlecht. Dann bauen wir halt Tesla.

Ich glaube, auch Hillary Clinton ist in gewisser Weise ein Opfer dieser Mentalität geworden. Sie war zu lange dabei. Die Amerikaner waren gelangweilt von der Aussicht, sie könne Präsidentin werden und haben einfach jemand anderen gewählt. Obwohl sie wussten, dass das eine Hochrisikooperation werden könnte. Oder vielleicht gerade deshalb?

Sie haben noch Träume

Die Bereitschaft, alles ständig infrage zu stellen, kann gefährlich enden. Aber ich bewundere sie auch. Sie macht das Land kreativ, dynamisch, anregend. Sie sorgt dafür, dass Amerika sich häutet und wandelt. Das wird auch Donald Trump noch zu spüren bekommen. Nach der Wahl von Barack Obama dachten wir: Das ist das wahre Amerika. Jetzt fürchten wir, die USA sind Trump. Es ist alles nicht so einfach. Es geht hier ziemlich schnell hin und her. Und Trump ist spätestens 2024 weg. Was dann kommt, weiß niemand. Vielleicht mal ein König, wer weiß.

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USA: Zwei Jahre Suburbia

Es wird ja viel geträumt in Amerika. Immer noch. Trotz allem. Mein Nachbar Mark ist eigentlich Maler. Seit ein paar Jahren ist er Psychologe. Mark hat einen Text geschrieben, von dem er glaubt, er werde die Neurowissenschaft revolutionieren. Ich verstehe davon nichts. Aber irre ist, dass ich es nicht einmal ausschließen würde, wenn ich ihn so erzählen höre.

Im Wahlkampf habe ich Zoltan Istvan getroffen. Zoltan wollte auch Präsident werden. Er glaubt an ein ewiges Leben und will zum Roboter werden, um dem Tod eins auszuwischen. Er ist nicht verrückt, es gibt im Silicon Valley auch andere, die so denken. Zoltan hatte keine Chance auf den Wahlsieg, und ich bin nicht sicher, ob das mit dem Roboter jemals etwas wird. Aber der Enthusiasmus, mit dem er durchs Land reiste, imponierte mir.

Neulich war Straßenfest bei uns in der Gegend. Lisa, eine Frau Ende 40, organisiert die Feier zweimal im Jahr. Sie sammelt Unterschriften und geht zur lokalen Verwaltung, um die ganze Straße sperren zu lassen. Sie hat eine Facebook-Gruppe aufgebaut und wacht über ein kleines Budget. Lisa hat einen normalen Job, aber um ihren Block in Bethesda kümmert sie sich, als sei das ihre eigentliche Berufung.

Beim Straßenfest, das auch unserem Abschied gewidmet war, waren plötzlich alle draußen. Die Kinder ritten auf einem Pony über die Kreuzung. Dann machten sie Gymnastik auf der Straße. Wir tranken Bier in unseren Vorgärten, spielten Spiele und speisten fürstlich. Ich habe meine Nachbarschaft auf einmal als sehr lebendig empfunden.

Das hat gutgetan.

Zum Autor
Veit Medick ist Politikredakteur bei SPIEGEL ONLINE und war seit August 2015 USA-Korrespondent in Washington.

E-Mail: Veit.Medick@spiegel.de

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insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
mathias.hoelzer 20.07.2017
1. Bekannt
Das mit den leeren Vororten und Strassen geht mir ähnlich ähnlich, wenn ich aus Asien oder Lateinamerika nach Deutschland zurück komme. Dort ist viel mehr los und viel mehr Leben findet "auf der Strasse" statt.
Ökofred 20.07.2017
2. Sehr schöner Artikel.. aber..
Es gibt einen kleinen Widerspruch: Einseits Ängste (auch vor Neuem und schnellem Wechsel), andrerseits den selber ständig stattfinden lassen.... wie geht das zusammen? Aber vlt erklärt das, wie Phänomene wie Trump unud Tesla im selben Land existieren können.
GungaDin 20.07.2017
3. Ein guter, persönlicher Artikel
Aber Herr Medick hat vergessen zu erwähnen, vielleicht auch dem Wohnort geschuldet, welche Übermacht religiöse Gruppen in den USA haben. Und wie diese Macht genutzt wird, Wissenschaft zu leugnen, und alle Fragen des Lebens in den religiösen Kontext zu pressen.
spon-facebook-10000565671 20.07.2017
4. Unfrei
Ich lebe derzeit in den USA. Eher unfreiwillig. "man fühlt sich nicht frei und beobachtet" trifft es perfekt. Regeln über Regeln und (ist das ein Oxymoron?) gleichzeitig Willkürlichkeit. In Deutschland gibt es Abstufungen. Kein ordentlicher Bürger kann wegen einer versehentlichen Ordnungswidrigkeit in Schwierigkeiten geraten. Das ist hier anders. Man stelle sich nur vor man würde in einem Land leben in dem 50 % der Menschen pro AfD sind. Ich freue mich für Herrn Medick, dass er zumindest in einer Region gewohnt hat, in dem der Anteil an gebildeten und liberalen Bürgern extrem hoch ist.
yang0815 20.07.2017
5. schön geschrieben
Danke dafür.
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