Vendetta in Nahost Zweimal Israel und zweimal Palästina

Wenn die alte marxistische These zutrifft, dass alles erst viel schlimmer werden muss, bevor es besser werden kann, dann stehen dem Nahen Osten wunderbare Zeiten bevor. Schlimmer kann es kaum noch kommen, also müsste es bald wieder aufwärts gehen. Aber ein doppeltes Dilemma macht die Hoffnungen auf Frieden zunichte.

Von Henryk M. Broder


Ein palästinensischer Junge auf der Flucht, nachdem er einen israelischen Panzer mit Steinen beworfen hat
REUTERS

Ein palästinensischer Junge auf der Flucht, nachdem er einen israelischen Panzer mit Steinen beworfen hat

Wahrscheinlicher als die marxistische These ist, dass der Nahostkonflikt einem anderen Muster folgt: dem einer Vendetta in Sizilien, wo am Ende keiner mehr weiß, worum es eigentlich geht, aber das Hauen, Stechen und Morden nicht aufhört, weil keine Seite als erste aufgeben mag. Rational ist der Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern lange nicht mehr zu erklären. Denn erstens handelt es sich um einen relativ kleinen, überschaubaren Krawall in der Provinz, und zweitens wissen beide Seiten genau, wie dieser Konflikt gelöst werden kann. Entweder man teilt die Macht im Lande, oder man teilt das Land.

Da ein binationaler Staat vom Mittelmeer bis zum Jordan mit Israelis und Palästinensern nicht machbar ist (und, wie binationale Experimente zeigen, auch nicht empfehlenswert), kommt nur eine Teilung des Landes in Frage. Im Prinzip sind sich die Israelis und die Palästinenser darüber auch einig, aber eben nur im Prinzip. In Wirklichkeit denken beide, sie könnten durch Aussitzen bessere Ergebnisse erzielen und wollen nicht wahrhaben, dass sie sich am Ende beide auf der Verliererseite wiedertreffen werden. Genau genommen haben beide schon verloren, sie haben drei Generationen dem Konflikt geopfert, und weil Opfer immer gerechtfertigt werden müssen, werden weitere Generationen geopfert werden, damit die vorausgegangenen Opfer nicht umsonst waren.

Eine kurze Weile, zwischen der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens 1993 und der Ermordung von Jizchak Rabin 1995, sah es so aus, als könnte dieser Teufelskreis mit Vernunft und gutem Willen durchbrochen werden. Aber dann wählten die Israelis Bibi Netanjahu zum Ministerpräsidenten, nachdem die Palästinenser ihre Entschlossenheit, den Konflikt fortzusetzen, mit einer Serie von Terroranschlägen bekundet hatten. Die Geschichte wiederholte sich, nachdem Ehud Barak in das Amt kam. Was immer er Arafat anbot, dem "Präsidenten“ war es nicht genug. Barak, nicht nur erfolglos, sondern auch blamiert, wurde abgewählt, nun stehen sich Scharon und Arafat gegenüber, eine schrecklichere Combo kann es nicht geben.

Scharon als Kapitän, Arafat als Alien

Das erste Amtsjahr Scharons, der Frieden und Sicherheit versprochen hatte, war das blutigste in der Geschichte Israels, wenn man die Toten der Kriege nicht mitzählt. So wenig Frieden und so wenig Sicherheit gab es noch nie. Auf der anderen Seite gab es noch nie so viel Elend und so viel Gewalt - und so viel Bereitschaft, weiterzumachen.

Scharon spielt den Kapitän Bligh von der "Bounty“, nur dass kein erster Offizier da ist, der ihn entmachten würde, bevor das Schiff auf Grund läuft. Arafat spielt den Alien, der bei der Landung auf der Erde die Kontrolle über sein Raumschiff verloren hat, aber immer noch mit "Kommandeur“ angesprochen werden möchte. Er hat vor kurzem in der "New York Times" einen Artikel veröffentlicht (beziehungsweise unter seinem Namen schreiben lassen), in dem er "Verständnis“ für die demografischen Bedenken der Israelis äußert und einen "Kompromiss“ in der Frage der palästinensischen Flüchtlinge vage in Aussicht stellt.

Die Siedlungsfrage - Israel mangelt es an Einsicht

An dieser Frage waren die Verhandlungen in Camp David im Herbst 2000 zwischen Arafat und Barak gescheitert. Das "Recht auf Rückkehr“ der inzwischen vier Millionen heimatlosen Palästinenser war für Arafat nicht verhandelbar. Nun würde Arafat mit sich auch über die Flüchtlinge reden lassen. Leider hat er den Artikel keiner palästinensischen Zeitung zum Nachdruck angeboten, so dass der Eindruck bleibt, er halte Fensterreden, die sein eigenes Volk nicht hören soll.

Umgekehrt hat sich in Israel die Einsicht immer noch nicht durchgesetzt, dass die Siedlungen in den besetzten Gebieten, also Gaza und Westbank, geräumt werden müssen, dass man nicht ungestraft 35 Jahre lang Besatzungsmacht spielen darf, ohne dass die Besetzten irgendwann beschließen, es den Besatzern heimzuzahlen. Dabei gibt es freilich ein Argument, auf das sich die Israelis zu Recht berufen. Der Konflikt wäre auch dann nicht zu Ende, wenn sich Israel auf den Großraum um Tel Aviv zurückziehen würde. Nicht die israelische Präsenz in Hebron, Ostjerusalem und im Jordantal ist die Provokation, die einer friedlichen Lösung im Wege steht, sondern die israelische Präsenz im historischen Palästina. Bis 1967 gab es kein "Großisrael“, es gab aber auch keinen palästinensischen Staat in den von Israel nicht besetzten Gebieten, die von Ägypten und Jordanien verwaltet wurden. Im ersten Camp-David-Abkommen von 1979 zwischen Ägypten und Israel wurde auch eine palästinensische "Autonomie“ festgeschrieben. Hätten die Palästinenser dieser Lösung zugestimmt, hätten sie heute höchstwahrscheinlich ihren Staat, klein, entmilitarisiert und vermutlich mit Jordanien föderiert, kein allzu pompöses Szenario, aber weit besser als die jetzige Situation.

Es gibt im israelisch-palästinensischen Verhältnis eine seltsame Parallelität, die den Verdacht begründet, beide Seiten wollen den Konflikt gar nicht beenden. Israel will seinen eigenen Staat haben, aber auch ein wenig Israel in den palästinensischen Gebieten. Rund 200.000 Siedler, die meisten aus den USA eingewandert, bestehen auf ihrem "Recht“, zwischen Hebron und Nablus, Jerusalem und Jericho leben zu dürfen. Umgekehrt wollen die Palästinenser ihren Staat in dem Gebiet haben, das Israel räumen muss, aber auch in Israel selbst, indem sie darauf bestehen, dass die Flüchtlinge, die 1948 vertrieben wurden, mit ihren Kindern und Enkeln dorthin zurückkehren sollen, woher sie vertrieben wurden. Zweimal Israel geht nicht, zweimal Palästina auch nicht. Solange Israel die besetzten Gebiete nicht räumt und solange die Palästinenser ihr Recht auf Rückkehr nicht aufgeben beziehungsweise in ein Recht auf Entschädigung umdefinieren, wird der Konflikt nicht gelöst werden, egal was die Amerikaner, die Europäer oder die Marsmenschen unternehmen werden, um die Israelis und die Palästinenser zur Vernunft zu bringen.

Dabei wäre es so schön, wenn dieser Konflikt gelöst würde, nicht nur damit die Israelis und die Palästinenser endlich normal leben können, sondern damit sich die restliche Welt auch anderen wichtigen Problemen zuwenden kann: der Frage, wem gehört Kaschmir, dem Recht der Kurden und der Armenier auf Selbstbestimmung und dem Frieden in Irland. Schalom allerseits!



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