Nothilfen für Arme und Kranke "Die Soldaten entscheiden über Leben und Tod Hunderttausender Venezolaner"

In Venezuela sind laut Interimspräsident Guaidó Hunderttausende vom Tode bedroht - Nothilfen aus dem Ausland sollen sie retten. Der Oppositionsabgeordnete Miguel Pizarro erklärt, welche Rolle das Militär dabei spielt.

Soldaten bei einer Zeremonie
REUTERS

Soldaten bei einer Zeremonie

Ein Interview von


Die ersten Lieferungen mit Hilfsgütern für Venezuela sind vor einigen Tagen in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta eingetroffen. Weitere Lastwagen mit Medikamenten, Ausrüstungen für Kliniken und Lebensmitteln sind unterwegs. Nach Plan des venezolanischen Oppositionsführers Juan Guaidó sollen sie so schnell wie möglich über die Grenze gebracht und vor allem an Krankenhäuser und Notleidende verteilt werden.

Laut dem selbsternannten Präsidenten sind zwischen 250.000 und 300.000 Menschen in Venezuela vom Tod bedroht, wenn sie nicht umgehend versorgt werden, darunter befänden sich hungernde Kinder und chronisch Kranke. Guaidó appellierte noch einmal an die venezolanischen Grenzsoldaten, sich nicht durch Tun oder Unterlassen am Tod dieser Landsleute schuldig zu machen.

Machthaber Nicolás Maduro aber ist entschlossen, die Hilfsgüter nicht passieren zu lassen. Er nennt die Aktion der Opposition eine "Show", fürchtet eine Invasion und verneint, dass es in Venezuela eine humanitäre Krise gibt.

Miguel Pizarro ist Abgeordneter im venezolanischen Parlament und organisiert die Nothilfen aus dem Ausland. Im Interview berichtet er, wie die Lieferungen ablaufen sollen und wie er das Militär überzeugen will, sie durchzulassen.

SPIEGEL: Herr Pizarro, die ersten Hilfslieferungen sind bereits in Kolumbien. Die Erwartungshaltung der Menschen in Venezuela steigt stetig. Wie wollen sie in den kommenden Tagen vorgehen?

Miguel Pizarro: Wir teilen das in Etappen auf. Gegenwärtig sind wir dabei, die Sammelstellen einzurichten. Eine ist in Cucutá in Kolumbien, wo bereits viele Medikamente und Lebensmittel angekommen sind. Dann wird in den kommenden Tagen noch eine Sammelstelle in Brasilien installiert, wo genau können wir nicht sagen, weil noch nicht alle diplomatischen Protokolle erfüllt sind. Für eine dritte suchen wir noch den Ort. Wenn in den Zentren genügend Hilfsmittel eingegangen sind, um unserer leidenden Bevölkerung Linderung zu verschaffen, werden wir die zweite Etappe angehen. Das ist die dann Frage, wie wir die Hilfe nach Venezuela reinbringen.

SPIEGEL : Gibt es Plan A und Plan B?

Pizarro : Plan A ist der einfachste Weg. Wir alle hoffen, dass die Streitkräfte verstehen, dass es hier nicht um Politik, sondern um Leben oder Tod geht. Und sie müssen entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen. Wir hoffen, dass sie sich auf die Seite der Bürger stellen.

Zur Person
  • SPIEGEL ONLINE
    Miguel Pizarro, 30, ist Abgeordneter der venezolanischen Nationalversammlung für die Partei "Primero Justicia". Pizarro stammt aus dem Armenviertel Petare der Hauptstadt Caracas und leitet die "Sonderkommission zur Koordinierung der Humanitären Nothilfe".

SPIEGEL : Und wenn nicht...

Pizarro : Dann sind wir bereit, Hunderttausende Freiwillige zu mobilisieren, die uns unterstützen. Wir werden sehr behutsam vorgehen, uns aber nicht von dem Weg abbringen lassen, den wir uns vorgenommen haben. Denn es gibt nur den einen: Die Hilfe muss ins Land. Die internationale Gemeinschaft kann sicher sein, dass wir alles dafür tun werden. Unsere größten Feinde sind die Ermüdung und die falschen Hoffnungen.

SPIEGEL : Wo sollen die ersten Hilfsmittel hingehen?

Pizarro: Das steht alles in einem Master-Plan, den Spezialisten unserer Kommission gemeinsam mit den wichtigsten Nichtregierungsorganisationen Venezuelas erarbeitet haben. Priorität haben die grenznahen Gebiete und die Andenregion, die Krankenhäuser dort und die notleidende Bevölkerung. Nach und nach arbeiten wir uns dann Richtung Hauptstadt vor.

SPIEGEL : Internationale Hilfsorganisationen kritisieren, dass Guaidó die Humanitäre Hilfe auch als politisches Instrument einsetzt, um den Rückhalt der Armee für Maduro aufzuweichen, und die Soldaten vor die Wahl stellt, loyal zu sein oder die Hilfe zu blockieren. War das nicht ein Fehler?

Venezolanische Soldaten an der Grenze zu Kolumbien
AP

Venezolanische Soldaten an der Grenze zu Kolumbien

Pizarro : Nein. Hier geht es ja gar nicht um einen Staatsstreich gegen Maduro. Eine Aktion der Streitkräfte könnte ja gar kein Putsch sein. Es wäre genau das Gegenteil: die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung. Maduro ist unrechtmäßig an der Macht, weil er nicht in fairen und freien Wahlen gewählt wurde. Aber die Soldaten sollen ja gar kein politisches Problem lösen. Sie sollen sich nur auf die Seite der Problemlösung stellen. Sie entscheiden über Leben oder Tod Hunderttausender Venezolaner. Klar ist, dass die Militärs ein Schlüsselfaktor sind. Sie sollten verstehen, dass Maduro das Problem ist und wir die Lösung dafür sind.

SPIEGEL : Wie viel Zeit bleiben Maduro und seiner Regierung noch an der Macht?

Pizarro : Ich will mich an Ratespielen nicht beteiligen. Aber eines hat sich im Vergleich zu den Protestwellen in der Vergangenheit verändert. Die Zeit ist auf unserer Seite und nicht auf der des Regimes. Jeden Tag haben sie weniger Geld in der Staatskasse, jeden Tag haben sie mehr Abweichler in ihren Reihen. Jeden Tag sind sie ein bisschen schwächer. Und umgekehrt nimmt der Druck der Straße zu, wird die Internationale Begleitung mehr und wächst in der Bevölkerung die Hoffnung auf den ersehnten Wechsel. Wir wollen aber eine Lösung, die so wenig traumatisch wie möglich ist. Damit wir als Venezolaner die Zukunft unseres Landes gestalten können. Aber wann es soweit ist, kann ich nicht sagen. Das entscheiden die Humanitäre Hilfe, die militärische Frage und die Geldknappheit der Regierung. Je schneller es geht, desto eher ist dieses Elend vorbei.



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