Nach Angriff auf Venezuelas Staatschef Die Angst vor der Hexenjagd

Noch sind viele Details unklar, doch für Venezuelas Sicherheitsbehörden steht bereits fest: Der Angriff auf Staatschef Maduro war ein terroristischer Akt. Die Opposition fürchtet neue Repressionen.

Innenminister Nestor Reverol
REUTERS/ Ministry of Interior and Justice

Innenminister Nestor Reverol

Von , Mexiko-Stadt


Ein wenig wirkte Néstor Reverol am Sonntagmittag wie ein Oberlehrer, als er in einer "ersten Bilanz" die Ermittlungsergebnisse präsentierte, die Geheimdienst und Justiz binnen weniger Stunden zusammengetragen haben wollen. Sechs Verdächtige seien nach dem möglichen Anschlag auf Staatschef Nicolás Maduro festgenommen worden, sagte der Innenminister in dunklem Anzug und violetter Krawatte bei einem Auftritt im Regierungssender VTV. Und es klang weniger nach Erklärung, als mehr nach Belehrung, wie er da an seinem Pult stand.

Denn auch dem Minister war nicht entgangen, dass in Venezuela und dem Ausland erhebliche Zweifel an der Theorie eines Mordanschlags bestehen. Deswegen sagte Reverol mit ernster Stimme: "Es handelt sich um einen terroristischen Akt und einen fehlgeschlagenen versuchten Präsidentenmord". Die Ermittler hätten zudem mehrere Fahrzeuge beschlagnahmt und Beweismittel in verschiedenen Hotels sichergestellt. Wie die Polizei den vorgeblichen Attentätern auf die Spur kam, sagte Reverol hingegen nicht.

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Möglicher Anschlag auf den Staatschef: Panik in Caracas

Dafür zeigte er den Fernsehzuschauern zur Essenszeit eine Abbildung der Drohne, mit der angeblich am Samstagnachmittag der Angriff auf Maduro verübt werden sollte. Zwei M-600-Drohnen für industrielle Nutzung seien verwendet und jeweils mit einem Kilo C4-Sprengstoff beladen worden. Der Minister präsentierte auch eine Erklärung, warum zumindest eines der Fluggeräte gegen ein Gebäude an der Avenida Bolívar flog und dort detonierte: "Es wurde von der Präsidentengarde mit Störsignalen" auf seinem Weg zur Bühne abgelenkt. Am Samstag hatte die offizielle Version noch gelautet, die Präsidentengarde hätte die Drohnen abgeschossen.

Videos von einem zunächst festgenommenen Kameramann, die am Sonntag auftauchten, belegen in der Tat, dass es zwei Drohnen waren, die über und nahe der Bühne flogen, auf welcher der Präsident und seine Frau standen. Dies war am Samstagabend noch von Teilen vor allem der internationalen Presse unter Bezugnahme auf Augenzeugen in Zweifel gezogen worden.

Maduro selbst hatte nur wenige Stunden nach dem Anschlag erklärt, die Regierung des Nachbarlandes Kolumbien sei für die Attacke verantwortlich. "Ich habe keinen Zweifel, dass die Ultrarechte Venezuelas mit der Ultrarechten Kolumbiens konspiriert hat und Präsident Juan Manuel Santos hinter dem Komplott steckt", sagte Maduro. Auch die Washingtoner seien involviert - Kolumbien und die USA haben die Vorwürfe bereits zurückgewiesen.

Warnung der Opposition

Unterdessen warnen Opposition und auch Medienvertreter davor, dass die linksnationalistische Regierung den Vorfall dazu nutzen werde, die Repression gegen ihre Gegner nochmals zu erhöhen. Das Mitte-links-Oppositionsbündnis "Frente Amplio" (Breite Front) fürchtet, Maduro werde das mögliche Attentat als Vorwand einsetzen, diejenigen "zu kriminalisieren, die sich ihm auf demokratische Art und Weise" in den Weg stellen. "Er wird die Verfolgung verschärfen", hieß es in einer Stellungnahme der "Frente Amplio". Schon jetzt sind rund 200 oppositionelle Politiker in Venezuela in Haft, Dutzende andere sind ins Ausland gegangen.

Auch Journalisten, die bei Oppositionsmedien arbeiten, vermuten, dass die Verfolgung Andersdenkender insgesamt zunehmen werde und sich in eine Hexenjagd verwandeln könnte. " Es ist bekannt, dass es in den Streitkräften eine Gruppe Unzufriedener gibt, und Maduro hat Angst vor einem Putsch oder einem Attentat", sagt eine Journalistin dem SPIEGEL, die aus Sicherheitsgründen ihren Namen nicht nennen will. "Wir werden vermutlich eine Militarisierung des Landes sehen, eine Verschärfung der Kontrollen unter dem Vorwand des inneren Feindes und der allgemeinen Sicherheitslage". Die Drohnen-Explosion sei ein perfekter Vorwand dafür, glaubt die Journalistin.

Und bei der Frage, ob es sich um ein Attentat auf Präsident Maduro gehandelt hat oder es doch ein inszenierter Anschlag war, um von den gravierenden Problemen des Landes abzulenken, schwankt auch die Journalistin: "Beiden Seiten ist so etwas zuzutrauen". Man müsste halt wissen, wer am Ende die Drohnen mit Sprengstoff gefüllt habe. "In Venezuela ist das Surreale und Undenkbare ja schon lange Realität". Auch der Meinungsforscher Luis Vicente León hält einen Angriff auf Maduro nicht für ausgeschlossen: "Die Regierung muss die Implosion und ihre inneren und äußeren Feinde fürchten". "An einen Staatsstreich oder ein Attentat zu denken, ist nicht weit hergeholt," betont León.

Jedenfalls hat der Vorfall vom Samstag die Verletzlichkeit der Regierung und seiner Streitkräfte gezeigt, was für Experten wiederum gegen eine Inszenierung spricht. "Es war ein sehr mächtiges Symbolbild", sagte der politische Beobachter Dimitris Pantoulas gegenüber der BBC: "Der Schrecken, der Ehefrau Cilia Flores in die Glieder fährt, die Personenschützer, die Maduro mit Schutzmatten zudecken und vor allem die Dutzenden von Soldaten, die angesichts der Explosion" wie Hasen davonrennen, zeigten einen verletzlichen Präsidenten und nicht die Streitkräfte, auf die der Präsident immer vorgibt zu bauen. Streitkräfte, die angeblich auch in der Lage wären, einen Angriff der USA zurückzuschlagen.

Unterdessen will die Opposition die Gunst der Stunde nutzen und die Regierung mit einem Generalstreik zusätzlich unter Druck setzen. "Frente Amplio" und das alte große Oppositionsbündnis MUD planen einen Ausstand, um gegen die Wirtschaftslage zu protestieren. Ein Datum steht aber noch nicht fest. Wie so oft, kann man sich im Anti-Maduro-Lager auf nichts Konkretes einigen.



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steingärtner 06.08.2018
1. Natürlich
Die Ermittlungen nach einem Mordanschlag nennt man jetzt Hexenjagd.
marialeidenberg 06.08.2018
2. Diktatoren lernen, aber nur von einander
Diesmal war es das Vorbild des RTE, von dem Maduro gelernt hat, wie man eine beliebig große Zahl von Oppositionellen mit dem Vorwurf 'Staatsstreich' unschädlich macht. Denn das leuchtet auch dem Dümmsten ein: Wer dem Präsi ans Fell will, der gehört erschossen.
Commentatore 24 06.08.2018
3. Warum läßt die Welt diesen Irren gewähren
In der arabischen Welt fühlt "die Welt" sich verpflichtet für "Werte" zu kämpfen. Warum stoppt die Welt nicht diesen Staatsverbrecher?
mwroer 06.08.2018
4.
Zitat von steingärtnerDie Ermittlungen nach einem Mordanschlag nennt man jetzt Hexenjagd.
Nein die nennt man Ermittlungen. Angst dagegen kann man vor einer Hexenjagd haben die unter dem Vorwand von Ermittlungen durchgeführt wird. Siehe Türkei - oder halten Sie die Verhaftungswellen nach dem Putschversuch (ob real oder inszeniert) für das Ergebnis von Ermittlungen? Wenn ein paar Stunden nach einem solchen Ereignis schon alle möglichen Tatverdächtigen zur Stelle sind und die Spur der Hintermänner bis in die USA verfolgt wurde ... dann behaupte ich jetzt einfach mal ganz kühn dass die schon vorher feststanden, egal was passiert. Im Allgemeinen braucht alleine die Spurensicherung und Analyse schon wesentlich länger - es sei denn man weiß schon vorher was passiert sein soll :)
marialeidenberg 06.08.2018
5. Das Titelbild (Demonstration einer Attentats-Drohne)
erinnert verzweifelt an Colin Powell, der dem UNO-Sicherheitsrat Zeichnungen (artist's impressions) mobiler, irakischer Giftgasfabriken vorlegte, was - wie man weiß - zur Rechtfertigung des 3. Golfkrieges herhalten musste. Maduro, Du hast die falschen Vorbilder (Fidel/Hugo Chavez, RTE und nun auch noch George Dabbeljuh).
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