Krise in Venezuela Die Methode Maduro

Er wurde einst als tumber Ex-Busfahrer verspottet, der durch Zufall an die Macht gekommen ist: Doch allen Krisen zum Trotz hält sich Venezuelas umstrittener Staatschef Nicolás Maduro noch immer im Amt. Wie gelingt ihm das?

Maduro bei einer Militärveranstaltung in Turiamo
PRENSA MIRAFLORES HANDOUT/EPA-EFE/REX

Maduro bei einer Militärveranstaltung in Turiamo

Die Analyse von , Caracas


Seine Gegner haben Nicolás Maduro schon oft unterschätzt, und vor dieser Gefahr stehen sie jetzt auch wieder: Wenn es dem jungen Politstar Juan Guaidó nicht schnell gelingt, die Euphorie seiner Anhänger über einen vermeintlich unmittelbar bevorstehenden Machtwechsel in handfeste politische Ergebnisse umzumünzen, besteht die Gefahr, dass der venezolanische Frühling im ewigen Aufbruch erstarrt. Denn dass der Autokrat Maduro nicht nur über Sitzfleisch verfügt, sondern sich auch mit Machtspielen bestens auskennt, hat er schon oft bewiesen.

Bei seiner Amtsübernahme vor fünf Jahren wurde er als tumber ehemaliger Busfahrer verspottet, dem Chávez im Traum als Vögelchen erscheint. Viele sahen ihn als Übergangspräsidenten, der nur dank des frühen Todes seines bewunderten Vorgängers Hugo Chávez und der Gunst seiner kubanischen Freunde an die Macht gekommen war. Später hieß es, er werde bald Opfer einer Palastintrige seines Konkurrenten Diosdado Cabello, der Nummer zwei im Machtapparat. Schließlich wurde sein baldiges politisches Ende vorhergesagt, als er das Land wirtschaftlich in den Abgrund steuerte. Nichts davon ist eingetreten.

Eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit

Jetzt, in der größten Krise seiner Herrschaft, hat das große Generalszählen begonnen: Wie viele sind schon zu Guaidó übergelaufen? Welcher Offizier hat auf dem "Klassenfoto" mit Maduro ein böses Gesicht gemacht, wer wackelt als Nächster? Venezuela hat etwa 2000 Generäle, da muss schon ein ordentliches Sümmchen zusammenkommen, damit es für Maduro gefährlich wird.

In Krisensituationen hat Maduro immer eine erstaunliche Wendigkeit bewiesen. So auch diesmal: Man muss schon über eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit verfügen, um erst eine Handvoll spanischer Journalisten vorübergehend festnehmen zu lassen und zwei Tage später einem kritischen jungen Journalisten derselben Nation ein Interview zu geben, in dem man alles abstreitet und behauptet, dass Venezuela ein Vorbild an Pressefreiheit sei.

Eine Minderheit hält zu Maduro - und sie besitzt die Waffen

Es ist die alte Maduro-Taktik: Wenn es eng wird für ihn, sagt er: Seht her, ich bin doch gar nicht so schlimm! Während der großen Guaidó-Demonstration am Samstag hielten sich die gefürchteten Sicherheitskräfte des Regimes zurück.

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Venezuela: Wut auf den Straßen von Caracas

Auch aus Petare, einem der größten Armenviertel, wird seit einigen Tagen relative Ruhe vermeldet. Unmittelbar nach Guaidós spektakulärer Amtseinschwörung hatten dort die gefürchteten Greifkommandos der Polizei Demonstranten entführt und ermordet, in dem Slum kam es zu einer stundenlangen Schießerei zwischen Gangsterbanden, die die Demonstranten unterstützten, und der Polizei. Jetzt berichten Anwohner, dass die Sicherheitskräfte sich zurückgezogen haben.

Die große Mehrheit der Bevölkerung möchte zweifellos, dass Maduro so schnell wie möglich geht, das haben die Massendemonstrationen vom Wochenende bewiesen. Eine fanatische Minderheit hält allerdings weiter zu dem Machthaber. Und sie ist nicht zu unterschätzen - denn sie besitzt die Waffen.

Schon Chávez ließ zusätzlich zu den Streitkräften 100.000 Zivilisten bewaffnen, die Gewehre lieferte Russland. Sein Nachfolger Maduro stützt sich jetzt auf diese Milizionäre, ein Teil von ihnen war am Samstag zur Regierungskundgebung aufmarschiert. Ihre Schlagkraft ist zwar umstritten: "Die Milizen sind ein Bluff", behauptet ein Ex-General gegenüber dem SPIEGEL. "Die meisten Waffen existieren nicht, die Männer sind zum großen Teil schlecht ausgebildet."

Aber als Drohkulisse funktionieren sie: Wenn Maduro vor einem "Bürgerkrieg" warnt, bezieht er sich dabei vor allem auf die Milizen und die "Colectivos", bewaffnete und mit Motorrädern ausgestattete Schlägertrupps, die bedingungslos zu ihm stehen.

Video: Luftwaffengeneral läuft zur Opposition über

REUTERS

Militärexperten sehen allerdings eine ganz andere Gefahr: Sie fürchten, dass nur ein Teil des Militärs zu Guaidó überläuft. Dann könnte es zu Kämpfen zwischen den Abtrünnigen und regierungstreuen bewaffneten Gruppen kommen. Im schlimmsten Fall würden sich auch noch die kolumbianische Guerilla ELN, die in Venezuela von den zahlreichen illegalen Goldminen profitiert, sowie die zahlreichen bewaffneten Verbrechergangs in den Machtkampf einschalten. Das Resultat wäre ein Dauergemetzel zwischen verschiedenen Warlords, ähnlich wie sie jahrzehntelang das benachbarte Kolumbien terrorisierten.

"Wer die Regierung kritisiert, wird am nächsten Tag festgenommen"

Dass bislang weniger Soldaten zu Guaidó übergelaufen sind als von der Opposition erhofft, hat mehrere Gründe: Die unteren Ränge der Streitkräfte leiden zwar genauso unter der Versorgungskrise wie die meisten Zivilisten, aber statt zu meutern, quittieren sie lieber den Dienst. Etwa 60 Prozent der Soldaten lassen sich vorzeitig pensionieren, setzen sich ins Ausland ab oder schlagen sich mit anderen Jobs durch, berichtete ein ehemaliger Bataillonskommandeur dem SPIEGEL. Von 500 Soldaten seines Bataillons seien nur 220 zum Dienst angetreten.

In jedem Bataillon gebe es zudem acht bis zehn Spitzel, die dem gefürchteten Geheimdienst und den Vorgesetzten über jede verdächtige Äußerung eines Soldaten Bericht erstatten: "Wer die Regierung kritisiert, und sei es auch nur in einem Tweet oder auf Facebook, wird am nächsten Tag festgenommen." Seine Familienangehörigen würden bedroht, Aufmüpfige oft gefoltert.

Hinzu kommt, dass viele Offiziere in illegale Aktivitäten wie Drogenhandel und Devisengeschäfte mit Lebensmittelimporten verstrickt sind. Wenn Maduro fällt, müssen sie um ihre Pfründe fürchten.

Maduro lässt Ultimatum verstreichen

Guaidó und seine Anhänger setzen ihre Hoffnungen daher vor allem auf die internationale Gemeinschaft. Doch Maduro zeigt sich von diplomatischen Sanktionen wenig beeindruckt: Das Ultimatum von sieben europäischen Staaten, das am Sonntag auslief, ließ er verstreichen; er rief keine Präsidentschaftswahlen aus, wie die Europäer gefordert hatten. Es hilft ihm, dass die EU nicht mit einer Stimme spricht: Ausgerechnet Italien, die Heimat der Vorfahren von Millionen Venezolanern, hat sich der Initiative nicht angeschlossen.

Nach den Massendemonstrationen vom Wochenende wird sich der Schauplatz des venezolanischen Machtkampfs nun an die Grenzen verlagern: In der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta sowie in einer brasilianischen Grenzstadt und auf einer Karibikinsel, wahrscheinlich Curação, sollen Sammelpunkte für die humanitäre Hilfe errichtet werden, die vor allem die USA bereitstellen wollen. Wie die Medikamente und Lebensmittel ins Land gelangen sollen, ist allerdings unklar. Maduro lehnt es ab, die Grenzen für humanitäre Hilfe zu öffnen, er sieht darin eine Art trojanisches Pferd für eine Militärintervention der Amerikaner.

Guaidó hofft, dass venezolanische Soldaten den Befehl verweigern und die Hilfstransporte ins Land lassen werden. Das wäre ein klares Signal, dass die Streitkräfte Maduro fallenlassen.

Womöglich wird es jedoch gar nicht erst zu diesem Konflikt kommen: Der Fuchs Maduro soll einen seiner Vertrauensmänner mit loyalen "Colectivos" an die kolumbianische Grenze entsandt haben. Wenn Lastwagen mit Hilfsgütern versuchen über die Grenze zu fahren, werden sie womöglich nicht auf die venezolanische Armee stoßen, sondern auf bewaffnete Zivilisten.

insgesamt 141 Beiträge
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thequickeningishappening 04.02.2019
1. 2000 Generäle
Die USA haben ca 900. Normalerweise ist Ein General Divisionskomandeur. In Venezuela (bei ca 85.000 Mann in Den Streitkräften) kaemen gerade mal 42 Soldaten auf Einen General (Das macht Normalerweise Ein Leutnant als Zugführer). Da muessen wohl noch Einige ueber laufen bis es weh tut.
blödbacke 04.02.2019
2. Warum ihm das gelingt?
Warum ihm das gelingt? Na, ganz einfach: massive Korruption plus falsch verstandene Solidarität!
behindtheborderline 04.02.2019
3. Trump geht es doch nur ums Öl
die Armut der Menschen interessiert ihn doch überhaupt nicht. alles Show. Und die devoten Europäer dackeln wie schon immer treudoof hinterher, bei der absolut naiven Forderung Maduro solle abdanken, Guaidó wäre ab sofort Präsident, so ganz ohne Wahlen, von Trumps + EUgnaden sozusagen. Da lachen aber die Pferde vor der Apotheke. Das ist aber wirklich mehr als lächerlich was sich hier die scheinbar Mächtigen der westl.Welt da zusammenträumen. Natürlich ist Maduro korrupt, das sind andere Schlimme wie der philipp.Präsident aber auch, dem aber Trump gern die Hand schüttelt, weil er Drogensüchtige erschiessen lässt wie Hasen. Auf Venezuela waren die USA doch schon immer scharf wg. Rohstoffen, haben es aber bis heute nicht geschafft das Land mit typ. amerikan. imperialist.Ausbeutung zu korrumpieren und mit Schuldenspirale abhängig zu machen. Falls sie jetzt einmarschieren werden sie nicht unbedingt als Befreier gefeiert werden, da bin ich mir sicher. Jeder der die lateinamerik. Geschichte kennt, weiss, wie es den Ländern mit amerikan.Ausbeutung und CIA im Land ergangen ist. Sie stürzten noch in grössere Armut. Stichwort..United fruit Company
fatherted98 04.02.2019
4. Warum?
....nun....das liegt wohl eindeutig an dem Regime vor der Übernahme durch Hugo Chavez. Die Korruption war vorher genauso groß, die Einnahmen aus Öl und Co. wanderten in die Taschen der reichen Oberschicht (so wie es eben üblich ist in Süd- und Mittelamerika). Dann kam Chavez der die Rohstoffe verstaatlichte und wirklich Armen ging es viel besser als vor....Gesundheit, Bildung, Wohnung....natürlich lag vieles im Argen....aber man kümmerte sich....doch auch Chavez und Co. verfielen der Korruption und als dieser starb und Maduro übernahm, verrottete das System. Nur die Menschen die vorher eben gar nichts hatten und danach wenigstens ein bisschen...halten Maduro in Angedenken an Chavez noch die Treue....aber auch dieser Rückhalt bröckelt an Gesichts der katastrophalen Versorgungslage. Mit Guidano kommen übrigens die alten Ausbeuter wieder zurück....besser wird es für die Mehrheit der Bevölkerung dadurch nicht werden....evtl. die Versorgung wird halbwegs wieder da sein....aber Armutsbekämpfung und Bildung für die unteren Schichten kann man dann abschreiben.....tja...entweder Pest oder Cholera....wie so oft in diesen Tagen.
könig dickbauch 04.02.2019
5. Wer ist hier ilegitim?
Maduro wurde gewählt, das kann man gut finden oder nicht. Die Legitimität seiner Wahl ist nicht zweifelhafter als die vieler anderer "Staatschefs", mit denen auch unser Land gerne Geschäfte macht. Seit Chavez hat sich die Analfabetenquote halbiert, genauso wie die der Armen, ebenfalls steht das Land bei den Einschulungszahlen gut da, vor Allem im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Nachbarländern. Das sind Zahlen von UN-Organisationen, nicht eigene Propaganda. Das sollte man wissen, wenn man sich darüber wundert, wieso sich Maduro so lange halten konnte und noch kann. Viele Menschen würden ihn wieder wählen, so seltsam uns das erscheinen mag. Das Venezuela Thema ist, liegt einzig an seinen riesigen Erdölvorkommen. Demokratische Verhältnisse nach unserer Definition zu fordern ist scheinheilig und verlogen. In Lybien sehen wir, wie viel besser das Leben für seine Bewohner geworden ist, seit der böse Diktator aus dem Weg geschafft wurde.
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