Venezuela Militär tötet "Staatsfeind Nr. 1"

Der venezolanische Rebellenführer Oscar Pérez wollte Präsident Maduro stürzen, im Juni kaperte er einen Hubschrauber und feuerte Granaten auf Regierungsgebäude. Jetzt haben ihn Soldaten getötet.

Oscar Pérez (Archivbild)
AFP

Oscar Pérez (Archivbild)


Monatelang forderte er die Regierung im krisengebeutelten Venezuela heraus - jetzt haben Soldaten den abtrünnigen Polizeipiloten Oscar Pérez getötet. Der Anführer der Aufständischen sei bei einem Militäreinsatz nahe der Hauptstadt Caracas ums Leben gekommen, teilte Innenminister Néstor Reverol mit.

Einsatzkräfte hatten die Rebellen am Vortag in der Siedlung El Junquito eingekesselt. Insgesamt sieben Aufständische kamen bei dem Einsatz ums Leben, sechs wurden festgenommen.

Hunderte Polizisten und Soldaten hatten das Versteck der Gruppe umstellt. Es kam zu heftigen Feuergefechten. Auch zwei Angehörige der Sicherheitskräfte wurden getötet, hieß es. Angeblich soll es auch zu Granatenbeschuss gekommen sein.

"Sie wollen uns ermorden"

Pérez, der vor seinem Widerstand einer Spezialeinheit der Polizei angehört hatte, teilte noch am Montag aus dem Versteck mit: "Sie wollen nicht, dass wir uns ergeben, sie wollen uns ermorden."

Während der stundenlangen Gefechte hatte sich der seit Monaten im Untergrund lebende Pérez mehrfach über soziale Medien gemeldet. In einem Video war er schwer blutend und bewaffnet zu sehen.

Der frühere Elitepolizist hatte immer wieder zum Sturz des sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro aufgerufen. Der Staatschef wiederum bezeichnete Pérez als "Terroristen".

Kampf gegen Sozialismus

Nach Abschluss der Militäraktion gratulierte Maduro den Sicherheitskräften. "Die Ermittlungen haben uns erlaubt, eine Zelle dieser Gruppen zu zerschlagen, die planten, eine Autobombe vor der Botschaft eines bekannten Landes detonieren zu lassen", sagte er vor der Verfassungsgebenden Versammlung. "Wer den Weg des Terrorismus wählt und die Waffen gegen das Volk richtet, dem antworten die Streitkräfte. Habt daran keinen Zweifel."

Pérez hatte Ende Juni 2017 erstmals von sich reden gemacht: Als Pilot der Polizeieinheit CICPC beschoss er mit einem gekaperten Hubschrauber das Innenministerium und feuerte Granaten auf den Obersten Gerichtshof. Verletzte oder größere Schäden gab es nicht. Maduro sprach von einem "Putschversuch und Terrorakt". Die Gruppe um Pérez soll zudem Kasernen angegriffen und Waffen gestohlen haben.

Auf dem Höhepunkt der Proteste gegen Maduro im Sommer vergangenen Jahres demütigte Pérez die Regierung, als er mitten in Caracas auf einer Demonstration auftauchte und umringt von seinen Anhängern Interviews gab. Pérez sah sich als Anführer zur Befreiung Venezuelas vom Sozialismus.

In einem Manifest hatte Pérez seine Rebellengruppe als eine "Koalition von Militärs, Polizisten und Zivilisten" bezeichnet, tatsächlich war sie aber wohl eher klein. Nichtsdestotrotz bezeichnete die Regierung ihn als "Staatsfeind Nr. 1".

Venezuela vor dem Kollaps

Nach Misswirtschaft und gesunkenen Öleinnahmen steht Venezuela vor dem Kollaps - trotz seiner gigantischen Ölreserven. Es gibt die höchste Inflation der Welt, Normalbürger bekommen in Supermärkten kaum noch Lebensmittel. Zuletzt nahmen landesweit Plünderungen zu. (Einen Report zur dramatischen wirtschaftlichen Lage in Venezuela lesen Sie hier.)

Wie die auf Konfliktstudien spezialisierte Organisation "Observatorio Venezolano de Conflictividad Social" (OVCS) in Caracas mitteilte, wurden 2017 insgesamt 9787 Demonstrationen und andere Arten von Protestaktionen gezählt. Das OVCS steht der Opposition nahe, offizielle Zahlen liegen nicht vor. Die Organisation zählte auch im neuen Jahr bereits 386 Demonstrationen sowie 107 Plünderungen und Plünderungsversuche.

dbate Video: Mein Leben unter Maduro

dbate.de

cop/dpa



insgesamt 7 Beiträge
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Ossifriese 16.01.2018
1. Täter und Opfer
Rebell oder Terrorist? Terrorist oder Rebell? Jeder wird hier seiner Meinung gemäß eine Einstellung haben. Für SPON ist die Sache klar: Rebell. Ich frage mich aber ernsthaft, ob es so einfach ist, Gewalt als Rebellion zu bezeichnen. Denn letztlich, wie die Mehrheitsverhältnisse in dem zur Zeit gebeutelten Land tatsächlich sind, ist ziemlich unklar. Vielleicht hat die "Opposition" eine Mehrheit, vielleicht doch noch Maduro, aber ein Bürgerkrieg wäre das Letzte, was Venezuela braucht.
Fakler 16.01.2018
2. Etwas spaet...
...berichtet der Spiegel darueber aber immerhin. Dass Pérez tot ist war schon gestern ziemlich sicher. Die Opposition ist fuer Maduro nicht so gefaehrlich weil das Leben in Venezuela eh auf Sparflamme laeuft (geringe wirtschaftliche Produktivitaet). Sie hat nicht die Kraft Maduro zu verjagen.
jack_casablanca 17.01.2018
3. Venezuela leidet unter der schlimmsten Tyrannei in der Geschichte Late
Niemals in der Geschichte des Landes hatten wir so viel Hunger erlitten, und wir waren auch nicht so unsicher in der unmittelbaren Zukunft wie jetzt. Die enorme Inflation verhindert, dass wir kurzfristig (2 Monate) sparen. Zu der Inflation kommt der schwere Mangel an allem hinzu, insbesondere an Lebensmitteln. Inzwischen nutzen Maduro und seine kommunistischen Handlanger das Land als Plattform für den Drogenhandel. Der Ölpreis ist zu dieser Zeit NICHT niedrig, aber es ist nicht genug für sie. Seine Fähigkeit zur Zerstörung erweitert alles.
freddygrant 17.01.2018
4. Schuld sind immer die Anderen!
Der "Schlächter Maduro tötet den terroristischen Staatsfeind Nr. 1 Perez"! Was sind das für Zustände in einem der ölreichsten Staaten der Welt? Warum tritt Maduro als langjähriger Verursacher der Wirtschafts- und Staatskrise seines Landes nicht sofort zurück und polarisert weiter sein Land und Volk zwischen Staatsterror und und wachsendem Unmut bis zum Aufstand seiner Bürger? Mindestens u.a. die UN müßte nachdrücklich auf diese pseudosozialistische Administration einwirken um in Venezuela und der Region die staatliche Ordnung und inneren Frieden herzustellen!
cwoller 17.01.2018
5.
Zitat von jack_casablancaNiemals in der Geschichte des Landes hatten wir so viel Hunger erlitten, und wir waren auch nicht so unsicher in der unmittelbaren Zukunft wie jetzt. Die enorme Inflation verhindert, dass wir kurzfristig (2 Monate) sparen. Zu der Inflation kommt der schwere Mangel an allem hinzu, insbesondere an Lebensmitteln. Inzwischen nutzen Maduro und seine kommunistischen Handlanger das Land als Plattform für den Drogenhandel. Der Ölpreis ist zu dieser Zeit NICHT niedrig, aber es ist nicht genug für sie. Seine Fähigkeit zur Zerstörung erweitert alles.
Aha, kommunistisch inzwischen schon. Das Land ist nicht mal sozialistisch, aber hauptsache mit so "alternativen Fakten" für Propaganda missbrauchen. Der Privatsektor von Venezuela vereinnahmt über zwei Drittel - und die schlimmsten Versorgungsprobleme finden innerhalb dieser zwei Drittel statt. Ergibt anders ja auch keinen Sinn. Wäre das sozialistisch, hätte das Volk ja die Macht darüber - und das Volk geißelt sich dann selbst? Das Ganze ist schlichtweg ein neues 2002, dieses Mal etwas anders im Verlauf, weil das damals ja nicht geklappt hat. Damals war man zu gierig, hat es zu schnell durchgezogen und das Volk gegen sich gehabt, wodurch der Putschversuch gegen den zwei Mal in Folge völlig demokratisch gewählten Chavez keine Chance hatte. Deswegen versucht man dieses Mal erst das Volk zugrunde zu richten und halt so, dass es die Übernahme als Rettung akzeptiert. Nicht neu. Der Trick ist wirklich uralt. Aber ist immer praktisch, wenn man auf genug Support zurückgreifen kann, um es dennoch als die große, eine, reine Wahrheit zu verkaufen.
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