Venezuelas Staatschef Maduro "Heute hat man versucht, mich zu töten"

Auf Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro ist offenbar ein Mordanschlag verübt worden. In seiner Nähe explodierten mit Sprengstoff bestückte Drohnen. Maduro beschuldigt Kolumbiens Präsident. Medien zweifeln an der Theorie.

Von , Mexiko-Stadt


Der mögliche Mordanschlag auf Venezuelas Präsident Nicolás Maduro während eines militärischen Festaktes war kaum drei Stunden vorüber, da trat das vermeintliche Opfer schon im Präsidentenpalast Miraflores vor die Kameras und nannte Täter, Hintermänner und Geldgeber der Tat. "Heute hat man versucht, mich zu töten", beteuerte der linksnationalistische Präsident am Samstagabend während einer halbstündigen Rede, bei der er konfus wirkte und sich mehrfach widersprach. Maduro machte direkt die scheidende Regierung des Nachbarlandes Kolumbien verantwortlich.

"Ich habe keinen Zweifel, dass die Ultrarechte Venezuelas mit der Ultrarechten Kolumbiens konspiriert hat und Präsident Juan Manuel Santos hinter dem Komplott steckt." Zudem befänden sich die Finanziers des Attentats im US-Bundesstaat Florida. "Einige derjenigen, die das Attentat verübt haben, sind bereits festgenommen", behauptete Maduro in seiner Ansprache vor hohen Militärs und Mitgliedern seiner Regierung.

Im Video: Möglicher Anschlag auf Venezuelas Staatschef bei Parade

Später ergänzte Generalstaatsanwalt Tarek Willam Saab gegenüber dem Nachrichtensender "CNN en español", die Festgenommenen seien geständig. Details würden aber erst am Montag bekannt gegeben. Wie die Justiz die Täter angeblich so schnell dingfest machten konnte, sagten weder Maduro noch Saab.

Dieser erzählte aber, wie sich der Anschlag abgespielt haben soll, denn er stand auf der Bühne neben der Präsidentengattin Cilia Flores. Demnach seien während eines Festaktes zu Ehren der Bolivarischen Nationalgarde GNB auf der Avenida Bolívar im Herzen von Caracas um 17.41 Uhr Ortszeit zwei mit Sprengstoff bestückte Drohnen zur Explosion gebracht worden. "Ich sah eine Drohne und dachte erst, es sei eine Kamera, die den Akt filmen würde", erzählte Saab. "Dann aber explodierte sie in unmittelbarer Nähe der Bühne."

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Möglicher Anschlag auf den Staatschef: Panik in Caracas

Noch gibt es mehr Fragen als Gewissheiten im Zusammenhang mit den beiden Detonationen, durch die auch sieben Mitglieder der GNB verletzt wurden und die Panik bei Tausenden Soldaten und Nationalgardisten sowie den Personenschützern Maduros auslösten.

Fernsehaufnahmen zeigen, wie dessen Frau und andere hohe Regierungsvertreter nach der ersten Explosion ängstlich zum Himmel blicken. Als dann eine zweite Detonation zu hören ist, schirmen die Sicherheitsleute den Präsidenten und seine Frau hinter schusssicheren Platten ab und führen ihn von der Bühne.

Zweifel und Bekennerschreiben

Bereits kurz nach den Explosionen stellten einige regierungskritische Medien die offizielle Version infrage und zitierten angebliche Augenzeugen wie Feuerwehrleute, die behaupteten, es habe sich nicht um mit Sprengstoff bestückte Drohnen gehandelt, sondern um die Explosion eines Gastanks in einem der Gebäude an der Avenida Bolívar.

Die spanische Zeitung El País zitiert einen Soldaten, der sich zum Zeitpunkt der Explosion nur wenige Meter neben Maduro befunden haben soll. Er habe keine Drohne gesehen, außerdem auch keine Schüsse, demnach sei die Version der Regierung, dass Scharfschützen auf die Drohnen geschossen hätten "nicht glaubwürdig", er habe aber eine Explosion gehört, die ihn an einen "Granatwerfer" erinnert habe.

Handelte es sich also weniger um einen Mordanschlag von Gegnern des autokratischen Linksnationalisten und vielmehr um den inszenierten Coup eines bedrängten Autokraten, dessen Land in einer historisch katastrophalen Wirtschaftslage steckt?

Allerdings tauchte unmittelbar nach der Tat ein Bekennerschreiben einer abtrünnigen, bisher unbekannten Gruppe Militärs auf, die sich "Soldados de franela" (etwa: Stoff-Soldaten oder auch T-Shirt-Soldaten) nennen, weil sie sich das Gesicht angeblich mit einem Stück Stoff vermummen.

Präsident Nicolás Maduro (Mitte) während des militärischen Festaktes
REUTERS

Präsident Nicolás Maduro (Mitte) während des militärischen Festaktes

Über den Kurznachrichtendienst Twitter erklärten sie, sie hätten zwei mit C4-Sprengstoff geladene Drohnen in die Luft geschickt, die nahe der Präsidenten-Bühne detonieren sollten. Sie seien aber von Scharfschützen der Präsidentengarde abgeschossen worden. "Wir haben gezeigt, dass sie verwundbar sind. Heute haben wir es nicht geschafft. Es ist nur eine Frage der Zeit", hieß es weiter.

Opposition fürchtet Repressionen

Das Schreiben und der Anschlag vom Samstag erinnern an den 27. Juni vergangenen Jahres, als der Hubschrauberpilot Oscar Pérez das Oberste Gericht in Caracas mit Granaten beschoss und die Streitkräfte zum Putsch gegen Maduro aufforderte. Pérez wurde Anfang des Jahres von der Polizei getötet. Vereinzelt hieß es am späten Samstagabend in Caracas, die "Soldados de franela" könnten zu der Gruppe von Oscar Pérez gehören.

Die Vertreter der Theorie eines selbstinszenierten Anschlags führen ins Feld, dass der Internationale Währungsfonds erst vergangene Woche erklärte, die Inflation in dem südamerikanischen Ölstaat erreiche zum Jahresende eine Million Prozent. Der IWF vergleicht die Situation Venezuelas mit der in Deutschland der Weimarer Republik im Jahr 1923.

In einer Reaktion lockerte die Regierung in Caracas die strenge Kontrolle der Wechselkurse. Zum ersten Mal seit 15 Jahren sollen künftig Devisen wieder frei gehandelt werden können. Damit solle den Spekulanten das Handwerk gelegt und Venezuela attraktiver für Investoren gemacht werden, behauptet die Regierung. Die Freigabe folgt einem Wirtschaftsplan Maduros, der die von Hyperinflation geplagte Wirtschaft retten und den Schwarzmarkt zähmen soll. Zudem will er am 20. August fünf Nullen der Landeswährung Bolívar streichen.

Venezuelas Opposition und auch Medienvertreter fürchten, dass Maduro nach dem angeblichen Anschlag die Repression und Verfolgung seiner Gegner noch verschärfen werde.

Die kolumbianische Regierung ließ unterdessen mitteilen, sie habe absolut nichts mit den Explosionen zu tun. Präsident Santos, der am Dienstag sein Amt an den Rechtsaußen-Politiker Ivan Duque übergibt, stürze keine fremden Regierungen. Er befinde sich vielmehr gerade auf der Feier anlässlich der Taufe seines Enkelkindes.



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