Oben im Himmel wacht der gute Mann über seine Schäflein. Dort plauscht er mit einem gütig dreinblickenden Che Guevara und dem strengen Nationalhelden Simón Bolívar über die Zukunft seiner Revolution.
So zeigt das venezolanische Staatsfernsehen den vor fünf Wochen verstorbenen Ex-Präsidenten Hugo Chávez in einem Zeichentrickfilm. Einmal sei der Volksheld schon herabgestiegen von seiner Wolke, versichert Nicolás Maduro, der Regierungskandidat bei den Präsidentschaftswahlen in Venezuela am kommenden Sonntag. Als Vögelchen sei er ihm erschienen. Er habe ihm eingeflüstert, wie es mit der bolivarischen Revolution weitergehen solle.
Maduro möchte Chávez gern beerben, der Verstorbene hatte ihn wenige Wochen vor seinem Tod selbst als Kandidaten empfohlen. Aber der schnauzbärtige Ex-Minister und Interimspräsident verfügt weder über das Charisma noch den politischen Spürsinn seines Mentors. Deshalb versucht er, sich mit der Aura des Verstorbenen zu schmücken. "Ich bin Chávez' Sohn", verkündet er. Vor dem Wahlvolk verbreitet er Verschwörungstheorien ("Rechtsradikale salvadorianische Söldner wollen mich umbringen"), mystische Andeutungen ("Wer gegen Nicolás Maduro stimmt, den trifft der Fluch von Maracapana" - eine indianische Legende) und die quasi religiöse Verehrung für Chávez.
Maduro führt den Wahlkampf als Wanderprediger
Viele Arme beten zu dem Verstorbenen wie zu einem Heiligen. Im Elendsviertel 23 de Enero in Caracas, einer Hochburg der Chávez-Anhänger, haben Anwohner eine "Kapelle des Heiligen Hugo" eingerichtet; an der Wand prangt ein Jesus am Kreuz, er trägt Militäruniform und rotes Barett - die Insignien des toten Caudillo. Maduro führt den Wahlkampf als Wanderprediger, er stellt seinen Anhängern "die Revolution der Wiederauferstehung unseres Comandantes" in Aussicht und vergleicht die Trauer der Chávez-Anhänger mit dem Schmerz der Apostel, als Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Die katholische Kirche Venezuelas protestierte vergeblich.
Nur zehn Tage dauert der Wahlkampf, der Termin wurde 30 Tage nach Chávez' Begräbnis angesetzt. Das kommt der Regierung gelegen: Je näher der Wahltag am Todesdatum liegt, desto lebhafter die Erinnerung an den Volkshelden. Aber wie lange trägt der Chávez-Bonus? Mit jedem Tag verblasst die Erinnerung, gleichzeitig melden sich die Alltagssorgen zurück: Die Preise steigen nahezu täglich, auf 30 Prozent wird die jährliche Inflation geschätzt.
Zugleich fehlen in den Supermärkten Waren des täglichen Bedarfs: Milch, Fleisch, Zucker und Hühnchen werden importiert, die Zuteilung klappt nicht, einheimische Industrie hatte Chávez weitgehend verstaatlicht, sie produziert nicht ausreichend oder liegt ganz brach. Auch die Kriminalität ist unter der Herrschaft des Caudillo explodiert, Caracas ist heute die gefährlichste Hauptstadt Südamerikas. Der große Illusionist Chávez hat das Scheitern seiner Revolution mit seinem Charisma überspielt, er hatte seine Anhänger im Griff wie ein Zauberer seine Zuschauer. Jetzt ist die Show vorbei.
Mission Impossible für die Opposition?
Maduro macht die Opposition für alle Probleme verantwortlich: Die häufigen Stromausfälle in Caracas seien das Werk von Saboteuren, die Anhänger seines Gegenkandidaten Henrique Capriles Radonski verunglimpfte er als "Kinder Hitlers" - eine Beleidigung für den jungen Oppositionspolitiker, dessen Familie einst vor dem Holocaust geflohen war.
Der Chávez-Apostel Maduro hat den gesamten Regierungsapparat und die staatstreuen Medien auf seiner Seite, die meisten Umfrageinstitute sagen seinen Sieg voraus. Mission Impossible für die Opposition?
Herausforderer Henrique Capriles Radonski hat auf Angriff umgeschaltet: Im Oktober, als er gegen Chávez antrat, gab er sich noch versöhnlich, jetzt nimmt er auf dessen Charisma-Faktor keine Rücksicht mehr. Am vergangenen Sonntag brachte er Hunderttausende Anhänger auf die Avenida Bolívar, so viele wie noch nie. In einem Artikel für die spanische Zeitung "El País" warnte die Journalistin und Chávez-Biografin Cristina Marcano davor, aus den überwältigenden Bildern der Trauernden nach Chávez' Tod Rückschlüsse auf die politische Mehrheit im Land zu ziehen. "Über sechseinhalb Millionen Venezolaner unterstützen sein Projekt nicht oder sind dagegen, obwohl sie deshalb täglich beleidigt werden", schreibt sie über "Die Abwesenden".
Capriles Radonski wirft Maduro vor, das Ansehen des Verstorbenen zu manipulieren und warnt vor einem ominösen "Plan Stalin": Die Regierung bereite eine Wahlfälschung vor, wenn das Ergebnis nicht ihren Erwartungen entspreche. Die Opposition will deshalb Komitees aufstellen, die den Wahlvorgang überprüfen sollen.
Abwegig ist die Furcht vor einem Wahlbetrug nicht. Im Vorfeld sind zahlreiche Beschwerden über Unregelmäßigkeiten eingegangen: Ein Mitglied der Regierung besaß den Code für die Entschlüsselung der elektronischen Wahlsystems, die oberste Wahlbehörde ist mehrheitlich mit Chávez-Anhängern besetzt.
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