Möglicher Nachfolger von Hugo Chávez: Einst Busfahrer, bald Comandante
Venezuela bangt um Hugo Chávez. Der Präsident ist schwer krebskrank, das Land ist nervös - denn unklar ist, wer künftig regiert. Als Nachfolger hat er seinen Vize Nicolás Maduro empfohlen. Der war früher Busfahrer, führt heute die Amtsgeschäfte und wird künftig wohl gewaltige Probleme lösen müssen.
Hamburg - Die Lage ist ernst. Zwar kämpfe der krebskranke venezolanische Staatschef Hugo Chávez "mit gigantischer Kraft", so Vizepräsident Nicolás Maduro. Aber, räumt er in einem Fernsehinterview ein, der Gesundheitszustand des Comandante sei "komplex" und "heikel".
Maduro hat am Dienstag mit dem Sender Telesur in Kuba gesprochen, wo er Chávez am Krankenbett besucht hatte. Der Präsident wurde Mitte Dezember in Havanna operiert; zum vierten Mal, seit ihm erstmals im Juni 2011 ein Tumor in der Leiste entfernt wurde. Bis heute ist nicht klar, an welcher Art von Krebs er leidet. Chávez weigert sich, Details zu nennen. Die Opposition fordert von der Regierung "die Wahrheit" über die Erkrankung. Doch die gab Mittwochabend nur bekannt, der Zustand des Präsidenten sei "stabil".
So gibt es immer neue Gerüchte über seinen Zustand, der sich deutlich verschlechtert haben soll - spekuliert wird in Caracas und in Havanna. "Auch wenn wir an Geheimniskrämerei gewöhnt sind, wir sind nicht dumm...", schreibt die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez auf Twitter. Der frühere Chávez-Berater Heinz Dieterich formuliert es so: "Jeder Realist weiß, dass unser Freund, Kamerad und Revolutionär Hugo Chávez an das Ende seiner heroischen Odyssee der Befreiung gekommen ist."
Fraglich ist, ob Chávez - der seit 1999 regiert und im Oktober wiedergewählt wurde - am 10. Januar seine vierte Amtszeit antreten kann. Auch hier Spekulationen: Wird die Zeremonie verschoben? Oder wird er gar am Krankenbett eingeschworen? Kann er überhaupt noch vereidigt werden? Oder gibt es Neuwahlen? Venezuela ist nervös. In Caracas wurde das Silvesterkonzert abgesagt, stattdessen eine Messe für die Genesung des Präsidenten gehalten. Seine Anhänger hielten Bilder von ihm hoch, doch in der Öffentlichkeit zeigt sich nicht mehr Chávez, sondern Maduro.
Maduro soll künftig das Land führen, wenn es nach Chávez geht - im Fall von Neuwahlen hat er dem Volk empfohlen, für ihn zu stimmen. Bereits jetzt hat der Mann mit dem markanten Schnauzer die Amtsgeschäfte übernommen. Chávez wird in Venezuela geliebt und gehasst - und bleibt die prägende Führungsfigur des Landes. Wird Maduro in diese Fußstapfen treten können?
Angriff auf die "Feinde Venezuelas"
"Die Bourgeoisie spottet über Nicolás Maduro, weil er Busfahrer war", hat Chávez vor Monaten gesagt. "Und seht, wo er jetzt ist." Vor allem seine Loyalität hat Maduro an die Spitze der venezolanischen Politik gebracht. Seit Chávez 1992 einen Putschversuch anzettelte und dafür im Gefängnis landete, blieb er ihm verbunden. Als Chávez sieben Jahre später Präsident wurde, war der frühere Gewerkschaftsführer an seiner Seite, 2005 übernahm er den Vorsitz der Nationalversammlung, ein Jahr später das Amt des Außenministers. Während der Presidente nach Belieben Minister berief und feuerte, blieb Maduro stets am Kabinettstisch. Vielleicht auch, weil er dem Comandante nicht das Scheinwerferlicht stahl.
Einige beschreiben ihn als gemäßigten Mann, als einen zugänglichen, versöhnlichen Charakter. Als Außenminister sei er verantwortlich dafür, dass sich die angespannte Beziehung zu Kolumbien in den vergangenen Jahren verbessert hat. "Er ist ein moderater, pragmatischer Mann", wird die frühere kolumbianische Außenministerin María Emma Mejía in der "New York Times" zitiert.
Andere sehen in ihm einen Politiker mit radikallinken Ideen, der beliebt ist bei Raúl und Fidel Castro und den Anti-Amerikanismus von Chávez weiter vorantreiben wird. So wetterte er bereits in bester Chávez-Manier gegen den "US-Imperialismus". Kompromisslos zeigte er sich auch am Dienstag in dem Fernsehinterview: Die Gerüchte über Chávez' schlechten Gesundheitszustand hätten die "Feinde Venezuelas" gestreut, die "psychisch krank, krank vor Hass" seien.
Nest der Skorpione
Doch bislang kommt er nicht heran an die donnernden Auftritte von Hugo Chávez, der gerne stundenlange Fernsehansprachen mit bebender Stimme hielt. Trotz drängender Probleme im Land ist Sozialist Chávez bei vielen Armen populär, deren Situation er mit milliardenschweren Sozialprogrammen verbessert hat, indem er die Einnahmen aus Ölförderung in diese Projekte pumpte. Acht Millionen Venezolaner erhalten staatliche Unterstützung. Die Regierung sorgt so für alleinerziehende Mütter, Analphabeten, stellt medizinische Versorgung, finanziert Aus- und Weiterbildung, vergibt Stipendien und hilft Obdachlosen.
Die Abwesenheit von Chávez wird zum Problem - denn die Politik ist ganz auf ihn gerichtet. "Das ganze politische System ist von Chávez dominiert, die Minister stehen in seinem Schatten. Es ist schwer auszumachen, was die spezifische ideologische Positionierung von Einzelpersonen ist", so Claudia Zilla von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. So sei es nicht leicht, Maduros künftige Politik herauszulesen. "Maduro hat die Zeit nicht genutzt, um sich zu profilieren. Er ist ein treuer Weggefährte von Chávez und hält sich bislang noch im Hintergrund."
Sollte Maduro Präsident werden, wären die Herausforderungen für ihn gewaltig:
- Die venezolanische Wirtschaft schwächelt, es gibt keine bedeutende Industrie abgesehen von der Ölförderung. Nahrungsmittel müssen importiert werden. Zudem grassiert Korruption.
- Die Inflationsrate liegt bei 18 Prozent, eine der höchsten in Lateinamerika.
- Venezuela gilt als einer der unsichersten Staaten in Lateinamerika. Die Mordrate ist extrem hoch. Auf 100.000 Einwohner kamen laut Vereinten Nationen im Jahr 2011 45,1 Tötungsdelikte.
Zudem gilt es für den möglichen Nachfolger von Chávez, die linke Bewegung hinter sich zu bringen. Bereits jetzt gibt es Gerüchte über einen Machtkampf zwischen Maduro und dem Präsident der Nationalversammlung, Diosdado Cabello. Der ist im Militär verwurzelt, Maduro steht dagegen für den zivilen Flügel der Regierung. Auch wenn die beiden sich bislang geschlossen präsentieren: Die oppositionelle Zeitung "El Universal" munkelt schon über ein "Nest von Skorpionen".
"Wie kann jemand, der nicht Chávez' Legitimität und Charisma hat, den Zusammenhalt in der Regierung sowie die Unterstützung in der Bevölkerung sichern?", sagt Venezuela-Expertin Zilla. "Das wird die große Herausforderung für sein."
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- Donnerstag, 03.01.2013 – 06:54 Uhr
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Hauptstadt: Caracas
Staats- und Regierungschef: Nicolás Maduro
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