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03. Juni 2007, 19:40 Uhr

Venezuela

Protest gegen Chávez - Bonbons für die Demonstranten

Von , Caracas

In Venezuela wächst der Widerstand gegen Hugo Chávez. Täglich gehen Studenten auf die Straße, um gegen den eingeschlagenen Kurs in Richtung Diktatur zu demonstrieren. Seit dem Verbot des beliebten TV-Senders RCTV zweifeln auch glühende Anhänger an der Politik des Präsidenten.

Marcela Gutierrez steht im Eingang zur Metrostation Altamira in Caracas und versteht die Welt nicht mehr. Die Mulattin aus Catia, einem riesigen Armenviertel vor den Toren der venezolanischen Hauptstadt, ist eine glühende Chavista, wie die Anhänger des venezolanischen Präsidenten heißen. Aber jetzt zweifelt sie zum ersten Mal an ihrem Idol.

Studentenprotest in Caracas: Die Demokratie steht auf dem Ziel"
REUTERS

Studentenprotest in Caracas: Die Demokratie steht auf dem Ziel"

Am Morgen hat ein staatlicher Bus sie zusammen mit anderen Chavistas abgeholt. Sie hat ein Lunchpaket erhalten, ein rotes Hemd und eine rote Flagge, denn heute soll sie zur Verteidigung der Revolution und ihres Präsidenten demonstrieren. Das heißt an diesem Samstag, sechs Tage nachdem die Sendelizenz für den Oppositionssender RCTV auslief: Sie soll RCTV als "Sender der Oligarchie" verteufeln, begeistert sein Ende feiern und den neuen Staatssender TVes beklatschen, der an seine Stelle getreten ist. Aber Marcela ist nicht zum Demonstrieren zumute.

"Ich will meinen Fernsehkanal wiederhaben", sagt sie. Tränen stehen in ihren Augen; sie weiß nicht, wie sie mit diesem Gefühlskonflikt umgehen soll. Denn sie liebt ihren Präsidenten, sie hat ihn immer verteidigt. Aber sie liebt auch RCTV, seine Telenovelas und frechen Satireprogramme. "Die Studenten haben recht", sagt sie. "Chávez hätte den Sender nicht schließen sollen".

Das sehen 80 Prozent ihrer Landsleute genauso, ergab eine Umfrage. Seit einer Woche demonstrieren Studenten im ganzen Land für RCTV und die Meinungsfreiheit, immer mehr Arbeiter und Angestellte schließen sich ihnen an.

Tag der "Gegenattacke". So nennt der "Soldaten-Präsident", wie Chávez sich tituliert, die riesige Demonstration seiner Anhänger auf der Avenida Bolívar. Der Zug der Chavistas führt mitten durch das Reichenviertel Altamira, eine Hochburg der Opposition, und er wurde tagelang vorbereitet. In hunderten Omnibussen hat der Präsident zehntausende Anhänger aus dem ganzen Land herankarren lassen. Staatsunternehmen und Ministerien haben Autos gestellt, Funktionäre verteilen rote Flaggen, Wasser und Sandwiches.

"Die Demokratie steht auf dem Spiel"

Gegenproteste sind nicht zu fürchten: Die Studenten wollen gewaltsame Auseinandersetzungen vermeiden. Nur einige Mutige haben vor ihren Fenstern als Zeichen von Protest und Trauer die Nationalflagge verkehrt herum gehisst. Denn in Venezuela geht es längst nicht mehr nur um die Zukunft eines Novelasenders. "Die Demokratie steht auf dem Spiel", sagt Luis Borja, 22, Student der Betriebswirtschaft.

Schritt für Schritt hat sich der Caudillo Chávez die Institutionen gefügig gemacht: Die Regierung kontrolliert die Justiz und den Kongress, jetzt schlägt sie gegen die regierungskritischen Medien los. "Gewaltenteilung ist ein Herrschaftsinstrument der Oligarchie", tönt Chávez bei der Kundgebung auf der Avenida Bolívar.

Seit seinem Wahlsieg im vergangenen Dezember hat der machtbesoffene Autokrat die Gangart auf dem Weg zum "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" beschleunigt. Er hat Kommunikations- und Energieunternehmen verstaatlicht und ist dabei, den Ölsektor zu nationalisieren. Offen verhöhnt er die repräsentative Demokratie, jetzt will er eine Einheitspartei installieren.

Der Schlag gegen RCTV war nicht nur ein persönlicher Racheakt, weil der Sender vor fünf Jahren einen Putschversuch gegen ihn unterstützt hat. Er ist offenbar der erste Schritt auf dem Weg zu einer Gleichschaltung der elektronischen Medien.

"Als nächstes ist Globovisión dran!" skandieren Sprechchöre auf der Avenida Bolívar. Globovisión ist der letzte regierungskritische Fernsehsender, seine Lizenz läuft bis 2014. Aber darum schert sich Chávez nicht. "Ich muss nicht warten, bis die Lizenz ausläuft", droht er. "Wenn ein Sender gegen die Verfassung verstößt, kann ich ihn auch früher schließen".

Es besteht kein Zweifel mehr, wohin die Reise geht: Unter Chávez ist Venezuela auf dem Weg in eine Diktatur. Fragt sich nur, ob seine Landsleute dabei mitspielen.

Wie schon mehrfach in der Geschichte Lateinamerikas sind es die Studenten, die den Widerstand anführen. Angehende Ingenieure, Ärzte, Lehrer und Journalisten aus dem ganzen Land gehen täglich für die Bürgerrechte auf die Straße. "Die Jungen lassen sich von der Opposition und dem Imperium manipulieren", tönt Chávez. "Sie wollen die Revolution destabilisieren". Sie würden Gewalt anwenden und die Polizei angreifen, wirft er ihnen vor.

Doch die Studenten lassen sich nicht von der Opposition vereinnahmen, und gewalttätig sind sie auch nicht. "Wir sind Studenten, keine Putschisten!" skandieren sie bei ihren Protestmärschen. Sobald sie in die Nähe der Polizei oder von Chávez-Anhängern kommen, nehmen sie die Hände hoch: So zeigen sie, dass sie unbewaffnet sind.

Einen Tag vor Chávez' Auftritt sammeln sich mehrere tausend Studenten auf der Plaza de India, einem Platz im Westen von Caracas. Der Westen ist eigentlich Territorium der "Chavistas", aber nach und nach haben es die Studenten geschafft, die Proteste in Zonen zu tragen, die früher tabu waren.

Polizisten hupen solidarisch

Anwohner werfen Bonbons aus den Fenstern, als der Demonstrationszug vorbeizieht. Viele kommen aus ihren Wohnungen und klatschen, Frauen klappern mit Kochtöpfen. "Ihr seid unsere einzige Hoffnung", sagt eine alte Dame am Straßenrand. Selbst einige Polizisten, die auf Motorrädern den Demonstrationszug begleiten, hupen solidarisch.

Eigentlich wollten die Studenten zum Parlament in der Innenstadt marschieren, doch die Stadtverwaltung hat die Route verboten. Also laufen sie jetzt zur "Katholischen Universität Andrés Bello", der größten staatlichen Universität von Caracas und eine Hochburg der Protestierer. Die meisten haben schwarze Hemden als Zeichen der Trauer übergestreift ("Faschistenhemden wie unter Mussolini", wird Chávez später höhnen).

Sie kommen aus allen Fakultäten und sozialen Schichten, kaum einer ist älter als 25. Mehrere junge Männer tragen Jacken, die sie als Studenten der "Hochschule der Streitkräfte" ausweisen. Sie singen die Nationalhymne, viele haben "Freiheit" auf ihre Arme und Wangen geschmiert.

Vor dem Eingang zur Universität schneidet die Polizei den Weg ab, Wasserwerfer sind aufgefahren. Die Polizisten tragen Gewehre, die mit Gummikugeln bestückt sind, und Tränengasgranaten. Sofort recken die Studenten ihre Hände in die Höhe und rufen: "Nein zur Gewalt!"

Rasch entspannt sich die Lage. Die Demonstranten beschließen, ihre Kundgebung an Ort und Stelle abzuhalten. Am Ende bietet ihnen die Polizei ihre Busse an, um sie nach Hause zu fahren, denn Chávez-Anhänger blockieren die nahe Metrostation. Dankbar nehmen die Jungen an.

Sie spüren, wie ihre Macht von Mal zu Mal wächst. Viele hatten sich nie für Politik interessiert, aber der Schlag gegen RCTV hat sie im Nerv getroffen. Am Montag wollen sie wieder demonstrieren, dann ist ein Marsch vor das Justizgebäude geplant - wenn die Regierung die Route genehmigt. "Es geht um unsere Zukunft", sagt der angehende Ingenieur Giovanni Charchi, 21. "Die Demokratie steht auf dem Spiel, und wir sind jetzt die wichtigsten Akteure".

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