Venezuela Protest gegen Chávez - Bonbons für die Demonstranten

In Venezuela wächst der Widerstand gegen Hugo Chávez. Täglich gehen Studenten auf die Straße, um gegen den eingeschlagenen Kurs in Richtung Diktatur zu demonstrieren. Seit dem Verbot des beliebten TV-Senders RCTV zweifeln auch glühende Anhänger an der Politik des Präsidenten.

Von , Caracas


Marcela Gutierrez steht im Eingang zur Metrostation Altamira in Caracas und versteht die Welt nicht mehr. Die Mulattin aus Catia, einem riesigen Armenviertel vor den Toren der venezolanischen Hauptstadt, ist eine glühende Chavista, wie die Anhänger des venezolanischen Präsidenten heißen. Aber jetzt zweifelt sie zum ersten Mal an ihrem Idol.

Studentenprotest in Caracas: Die Demokratie steht auf dem Ziel"
REUTERS

Studentenprotest in Caracas: Die Demokratie steht auf dem Ziel"

Am Morgen hat ein staatlicher Bus sie zusammen mit anderen Chavistas abgeholt. Sie hat ein Lunchpaket erhalten, ein rotes Hemd und eine rote Flagge, denn heute soll sie zur Verteidigung der Revolution und ihres Präsidenten demonstrieren. Das heißt an diesem Samstag, sechs Tage nachdem die Sendelizenz für den Oppositionssender RCTV auslief: Sie soll RCTV als "Sender der Oligarchie" verteufeln, begeistert sein Ende feiern und den neuen Staatssender TVes beklatschen, der an seine Stelle getreten ist. Aber Marcela ist nicht zum Demonstrieren zumute.

"Ich will meinen Fernsehkanal wiederhaben", sagt sie. Tränen stehen in ihren Augen; sie weiß nicht, wie sie mit diesem Gefühlskonflikt umgehen soll. Denn sie liebt ihren Präsidenten, sie hat ihn immer verteidigt. Aber sie liebt auch RCTV, seine Telenovelas und frechen Satireprogramme. "Die Studenten haben recht", sagt sie. "Chávez hätte den Sender nicht schließen sollen".

Das sehen 80 Prozent ihrer Landsleute genauso, ergab eine Umfrage. Seit einer Woche demonstrieren Studenten im ganzen Land für RCTV und die Meinungsfreiheit, immer mehr Arbeiter und Angestellte schließen sich ihnen an.

Tag der "Gegenattacke". So nennt der "Soldaten-Präsident", wie Chávez sich tituliert, die riesige Demonstration seiner Anhänger auf der Avenida Bolívar. Der Zug der Chavistas führt mitten durch das Reichenviertel Altamira, eine Hochburg der Opposition, und er wurde tagelang vorbereitet. In hunderten Omnibussen hat der Präsident zehntausende Anhänger aus dem ganzen Land herankarren lassen. Staatsunternehmen und Ministerien haben Autos gestellt, Funktionäre verteilen rote Flaggen, Wasser und Sandwiches.

"Die Demokratie steht auf dem Spiel"

Gegenproteste sind nicht zu fürchten: Die Studenten wollen gewaltsame Auseinandersetzungen vermeiden. Nur einige Mutige haben vor ihren Fenstern als Zeichen von Protest und Trauer die Nationalflagge verkehrt herum gehisst. Denn in Venezuela geht es längst nicht mehr nur um die Zukunft eines Novelasenders. "Die Demokratie steht auf dem Spiel", sagt Luis Borja, 22, Student der Betriebswirtschaft.

Schritt für Schritt hat sich der Caudillo Chávez die Institutionen gefügig gemacht: Die Regierung kontrolliert die Justiz und den Kongress, jetzt schlägt sie gegen die regierungskritischen Medien los. "Gewaltenteilung ist ein Herrschaftsinstrument der Oligarchie", tönt Chávez bei der Kundgebung auf der Avenida Bolívar.

Seit seinem Wahlsieg im vergangenen Dezember hat der machtbesoffene Autokrat die Gangart auf dem Weg zum "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" beschleunigt. Er hat Kommunikations- und Energieunternehmen verstaatlicht und ist dabei, den Ölsektor zu nationalisieren. Offen verhöhnt er die repräsentative Demokratie, jetzt will er eine Einheitspartei installieren.

Der Schlag gegen RCTV war nicht nur ein persönlicher Racheakt, weil der Sender vor fünf Jahren einen Putschversuch gegen ihn unterstützt hat. Er ist offenbar der erste Schritt auf dem Weg zu einer Gleichschaltung der elektronischen Medien.

"Als nächstes ist Globovisión dran!" skandieren Sprechchöre auf der Avenida Bolívar. Globovisión ist der letzte regierungskritische Fernsehsender, seine Lizenz läuft bis 2014. Aber darum schert sich Chávez nicht. "Ich muss nicht warten, bis die Lizenz ausläuft", droht er. "Wenn ein Sender gegen die Verfassung verstößt, kann ich ihn auch früher schließen".

  • 1. Teil: Protest gegen Chávez - Bonbons für die Demonstranten
  • 2. Teil


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