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Venezuela und Kolumbien: Kalter Krieg im Regenwald

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Venezuela hat zwei Brücken nach Kolumbien gesprengt - eine neue Provokation in dem gespannten Verhältnis beider Länder. Immer wieder droht Präsident Chávez mit Krieg. Doch seine Feindseligkeiten dienen vor allem einem Zweck: Er will von seinen innenpolitischen Problemen ablenken.

Venezuela gegen Kolumbien: Wettrüsten in Lateinamerika Fotos
REUTERS

Hamburg - Die Brücken waren schmal, doch die Wirkung der Explosion ist groß. Zwei Fußgängerübergänge ins benachbarte Kolumbien hat die venezolanische Armee am Donnerstag in die Luft gesprengt - dort seien Schmuggler unterwegs. Aber an dieser Grenze ist nichts unpolitisch. Über die Ereignisse hier empören sich die höchsten Ebenen in den Hauptstädten. "Schwerwiegend" sei die Zerstörung der Brücken, ein "aggressiver Akt", kritisiert die kolumbianische Regierung und will die Uno anrufen. Wieder "eine Provokation, eine neue Manipulation" der Kolumbianer, kontert Venezuelas Vizepräsident.

Die Sprengung markiert einen neuen Tiefpunkt in dem gespannten Verhältnis beider Länder. Denn um das "heilige Heimatland" zu verteidigen, stimmt Chávez die Venezolaner auf einen möglichen Krieg mit dem Nachbarland ein. In seiner wöchentlich ausgestrahlten Sendung "Aló Presidente" drohte Chávez Kolumbien mehrmals mit bewaffnetem Kampf. Zwischen Küsschen für Kinder und einem Spaziergang durch Wohngebiete schimpfte er, Kolumbiens Präsident sei "ein Verräter", ein "Lakai".

Seit Kolumbien mit den USA ein umstrittenes Militärabkommen unterzeichnet hat, verschärft Chávez den Ton. Zwar bot er dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama kurz nach dessen Amtsantritt die Freundschaft an ("I want to be your friend" - "Ich möchte ihr Freund sein") und gibt sich damit versöhnlicher als gegenüber George W. Bush, den er als "Teufel höchstpersönlich" bezeichnete.

Aber die militärische Präsenz der Amerikaner ist eine Provokation - für Chávez und andere südamerikanische Staaten. Bis zu 800 US-Soldaten und 600 amerikanische Zivilisten dürfen in den kommenden zehn Jahren auf sieben kolumbianischen Armee-Stützpunkten eingesetzt werden. Chávez reagiert trotzig: "Ich rufe nicht zu einem Krieg auf. Wer den Krieg anheizt, ist das Yankee-Imperium."

Venezuelas Präsident ist gut gerüstet. Seit Jahren kauft er Waffen in Moskau - Verträge über fünf Milliarden Dollar hat er seit 2005 abgeschlossen. Darunter sind 55 Transport- und Kampfhubschrauber, 25 Kampfflugzeuge und 20 Kriegsschiffe. Erst im September 2009 bestellte Chávez auf seiner Russland-Reise 92 Kampfpanzer, sowie Luftabwehrraketen, rechnet Daniel Flemes vom Hamburger Lateinamerika-Institut vor. Doch auch Kolumbien hat sein Militär ausgebaut und verfügt über 254.000 Soldaten. Ein Drohpotential, vor dem der Fachmann warnt: "Es besteht die Gefahr, dass populistische Politiker zu Gefangenen ihrer eigenen Rhetorik werden und der Verlockung nicht widerstehen, neu erworbene Waffensysteme auch einzusetzen."

Drogenschmuggler, Paramilitärs und Guerilla

Der Konflikt mit Kolumbien schwelt seit langem. Mal geht es um Erdölvorkommen, mal um Grenzverläufe. Immer wieder entlädt sich der Streit entlang der rund 2200 Kilometer langen Grenze, gibt es Zwischenfälle im dichten Regenwald. Es sind Gebiete ohne Gesetz, in denen Drogenschmuggler, Paramilitärs und Guerilla die staatliche Macht verdrängt haben. Entführungen sind hier ein Geschäft, viele Bürger müssen Schutzgeld zahlen. Erst am Mittwoch seien drei Kolumbianer am Ufer des Grenzflusses Arauca ermordet worden, berichtet das kolumbianische Politmagazin "La Semana".

Doch statt gemeinsam Kriminalität und Drogenhandel zu bekämpfen, behindern sich Venezuela und Kolumbien gegenseitig bei den Ermittlungen - und sie kooperieren mit dem Feind. Denn in den Dschungel auf venezolanischer Seite ziehen sich auch die Kämpfer der linksgerichteten Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) zurück, jene kolumbianische Guerilla-Organisation, die die Regierung in Bogotá bekämpft - Chávez hingegen sympathisiert mit ihnen.

Immer wieder hat es in den letzten Jahren daher Zwischenfälle zwischen Venezuela und Kolumbien gegeben:

  • Im März 2008 griffen kolumbianische Soldaten ein Lager der Farc-Rebellen in Ecuador an und töteten dabei auch den Vize-Chef der Rebellen. Daraufhin ließ Chávez fast 9000 zusätzliche Soldaten an der Grenze zu Kolumbien aufmarschieren, mobilisierte Panzer-Bataillone und Einheiten der Luftwaffe, der Marine und des Heeres. Pikant: Die Kolumbianer fanden E-Mails, die belegen, dass Chávez seit langem mit der Farc verstrickt ist.

  • Im Juli 2009 entdeckte Kolumbien, dass Waffen, die Venezuela von Schweden gekauft hatte, in die Hand von Farc-Guerilleros gelangt waren. Chávez reagierte empört und zog seinen Botschafter aus Bogotá ab.

  • Bereits im August 2009 warnte Chávez Kolumbien vor einer militärischen Konfrontation - nachdem bekannt wurde, dass dort US-Militärs stationiert werden sollten: "Diese Basen könnten der Beginn eines Krieges in Südamerika sein." Zudem warf er dem Nachbarn vor, die gemeinsame Grenze verletzt zu haben. Kolumbianische Soldaten seien gesehen worden, wie sie den Grenzfluss Orinoco überquert hätten.

  • Am 16. November nahm Kolumbien vier venezolanische Militärs fest, die auf kolumbianischem Territorium in einem Motorboot unterwegs waren, entließ sie jedoch zurück in die Heimat.

Ob dieses "Zeichen des guten Willens" wirklich fruchtet? Fachleute rechnen damit, dass es zu einzelnen militärischen Aktionen zwischen Venezuela und Kolumbien kommen kann. Doch dass ein großer bewaffneter Konflikt ausbricht, bezweifeln sie.

Denn Chávez braucht zwar die kriegerische Rhetorik - einen Krieg braucht er nicht. Innenpolitisch gerät er zunehmend unter Druck. Die Wirtschaft schrumpft stärker als erwartet, das Bruttoinlandsprodukt ist im dritten Quartal um 4,5 Prozent gefallen. Auch die Ölexporte sind stark zurückgegangen - im Vergleich zum Vorjahresquartal sind sie um 9,5 Prozent gesunken.

Ausgerechnet im Ölförderland Venezuela leiden die Menschen zudem unter einer Energiekrise, Wasser und Strom werden knapp. Die Beliebtheit des Caudillo sinkt. Chávez' Gegner sei nicht das kolumbianische Militär, sondern der Vertrauensverlust in der Bevölkerung, sagt Professor Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Die Bürger haben immer weniger das Gefühl, dass er in der Lage ist, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Enttäuschung und Frustration sind die Hauptprobleme des Populisten Chávez." Umso lauter poltert er gegen die "Yankees" und deren "teuflischen Pakt" mit dem kolumbianischen Präsidenten.

Doch während im Osten die Konfrontation droht, nähert sich Kolumbien an einen anderen Nachbarn wieder an. Auch die Verbindungen zu Ecuador waren seit März 2008 unterbrochen. Nun haben beide Staaten eine gemeinsame Kommission gebildet, um die diplomatischen Beziehungen wiederzubeleben.

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Forum - Venezuela und Kolumbien - droht die Feindschaft zu eskalieren?
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1.
Direwolf 20.11.2009
Zitat von sysopVenezuela hat zwei Brücken nach Kolumbien gesprengt - eine neue Provokation in dem gespannten Verhältnis beider Länder. Immer wieder droht Präsident Chávez mit Krieg. Doch seine Feindseligkeiten dienen vor allem einem Zweck: Er will von seinen innenpolitischen Problemen ablenken. Droht die Feindschaft zu eskalieren?
Glaube ich nicht. Chavez ist ein Spinner, aber als Ex-Offizier dürfte er dennoch abschätzen können, wie die Chancen Venezuelas in einm Krieg stehen. Die venezuelanische Armee, die man oft genug zu sehen bekommt wenn man im Land rumfährt, wäre kein Gegner für die kolumbianische, die nicht nur eine Menge Kampferfahrung hat, sondern im Konfliktfall auch auf Unterstützung der USA (zB Aufklärungsdaten) zählen könnte. Zudem sind die Länder wirtschaftlich sehr eng verflochten. Also von daher würde ich sagen: Reines Maulheldentum
2.
Ernst August 20.11.2009
Zitat von sysopVenezuela hat zwei Brücken nach Kolumbien gesprengt - eine neue Provokation in dem gespannten Verhältnis beider Länder. Immer wieder droht Präsident Chávez mit Krieg. Doch seine Feindseligkeiten dienen vor allem einem Zweck: Er will von seinen innenpolitischen Problemen ablenken. Droht die Feindschaft zu eskalieren?
Es wäre doch nicht schlecht wenn die garantiert frei und demokratisch korrekt gewählte Regierung Kolumbiens den Drogenhändlern eine sinnvolle Arbeit zuweisen würde und sie bitten würde die Freiheit und Demokratie endlich auch nach Venezuela zu tragen. Die Freiheit und die Demokratie dürfen sich von Provakationen durch Diktatoren nicht davon abhalten lassen ihre Arbeit zu tun und endlich auch wieder in Venezuela Fuß zu fassen. Chavez muß weg denn er steht der Freiheit der Demokratie im Wege.
3.
malbec freund 20.11.2009
Ja, Chavez will von innenpolitischen- und wirtschaftlichen Problemen und somit gleichzeitig von seiner eigenen Dummheit und Unfähigkeit ablenken. Mit stundenlangen Monologen worin jeder zweite Satz ist: " los yankees imperialistas tienen la culpa" gelingt es ihm sogar ein gros der ärmeren Bevölkerung immer noch für sich zu gewinnen. Es ist einfach nur entsetzlich was in Venezuela passiert.
4.
nahal, 20.11.2009
Zitat von sysopVenezuela hat zwei Brücken nach Kolumbien gesprengt - eine neue Provokation in dem gespannten Verhältnis beider Länder. Immer wieder droht Präsident Chávez mit Krieg. Doch seine Feindseligkeiten dienen vor allem einem Zweck: Er will von seinen innenpolitischen Problemen ablenken. Droht die Feindschaft zu eskalieren?
Sie täuschen sich und überschätzen Chavez. Chavez ist einfach geistig gestört. So einfach ist das.
5.
Daniel Freuers, 20.11.2009
Zitat von sysopVenezuela hat zwei Brücken nach Kolumbien gesprengt - eine neue Provokation in dem gespannten Verhältnis beider Länder. Immer wieder droht Präsident Chávez mit Krieg. Doch seine Feindseligkeiten dienen vor allem einem Zweck: Er will von seinen innenpolitischen Problemen ablenken. Droht die Feindschaft zu eskalieren?
"Doch seine Feindseligkeiten dienen vor allem einem Zweck: Er will von seinen innenpolitischen Problemen ablenken" Warum wird diese Frage eigentlich nicht neutraler gestellt, oder soll sie den Foristen klar schon zu Beginn EINE Meinung als Fertigkost untergeschoben werden ? Ich denke jedenfalls nicht das Chavez von seinen innenpolitischen Problemen ablenken möchte
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