Wahl in Venezuela "Maduro hat uns verraten"

Nicolás Maduro will sich als Präsident des Krisenstaats Venezuela wiederwählen lassen. USA und EU erkennen die Wahl nicht an, große Teile der Opposition rufen zum Boykott. Doch ein Mann fordert den Staatschef heraus.

AFP

Von , Caracas


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Der Mann, der bei den Präsidentschaftswahlen am Sonntag Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro besiegen will, wedelt mit einer falschen Dollarnote. "Falcón" steht auf dem Hundertdollarschein, den der Kandidat in die Höhe reckt. Er posiert auf einer Wahlkampfbühne in Petare, einem riesigen Armenviertel im Osten von Caracas. Einige Hundert Menschen haben sich versammelt, viele schwenken Bündel mit "Falcón-Dollars".

Die Scheine haben Symbolwert: Sie sollen Millionen Venezolaner überzeugen, an diesem Sonntag für den Oppositionskandidaten Henri Falcón zu stimmen - obwohl die meisten Anführer der Maduro-Gegner zum Boykott der Wahlen aufrufen.

Auch die USA, die EU sowie eine Reihe lateinamerikanischer Länder wollen den Urnengang nicht anerkennen, weil das Verfahren nicht fair und transparent sei. Der Autokrat Maduro lässt keine unabhängigen internationalen Beobachter zu, die Regierung kontrolliert die Oberste Wahlbehörde und sämtliche Radio- und Fernsehstationen, die wichtigsten Oppositionsführer sitzen im Gefängnis oder im Exil. "Diese Wahl ist eine Farce", sagt Sergio Sánchez, ein Sprecher des Oppositionsbündnisses Frente Amplio.

Bargeld wird knapp

"Die Regierung trickst, sie wird nie eine faire Wahl garantieren", räumt auch Falcón ein. "Dennoch sind die politischen Bedingungen für einen Wechsel so gut wie nie". Deshalb tritt er an - und seine Chancen stehen gar nicht mal so schlecht, wenn man den Umfragen glaubt. Sein Wahlkampfhit: Er will die US-Währung als Zahlungsmittel einführen und so die Hyperinflation bekämpfen.

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Jeden Monat steigen die Preise in Venezuela um mehr als 900 Prozent, für einen US-Dollar gibt es auf dem Schwarzmarkt derzeit zwischen 700.000 und 800.000 Bolívares, der Wert verdoppelt sich alle paar Wochen. Längst ist der Regierung das Bargeld ausgegangen; selbst Kaugummi zahlen die Leute inzwischen mit Kreditkarte. Wer Bolívar möchte, muss dafür einen Aufpreis von hundert Prozent bezahlen, die Scheine werden auf dem Schwarzmarkt verkauft.

"Falcón soll die Opposition spalten"

"Dieses Regime ist ein Alptraum", sagt Falcón und lässt sich in einen Ledersessel plumpsen. Der Wahlkampfauftritt ist vorbei, er ist zurück in seiner Zentrale in einem Hochhaus in Caracas. Die Stimme des 56-Jährigen ist rau, er trägt ein blaues Hemd und Jeans. Er ist von hagerer Gestalt, so wie die meisten Venezolaner in diesen Hungerzeiten. Präsident Maduro hat dagegen im Amt sichtlich zugenommen.

"Falcón ist ein politisches Chamäleon", sagt der Politikwissenschaftler John Maldonado, einer der wenigen unabhängigen Beobachter im Land. Bis 2010 unterstützte er den damaligen Präsidenten Hugo Chávez, Maduros im Volk verehrten Vorgänger. Zweimal regierte der Ex-Militär als Bürgermeister die Großstadt Barquisimeto, zweimal war er Gouverneur des Gliedstaats Lara; erst als Chávez-Anhänger, dann als Vertreter der Opposition. Für den Oppositionskandidaten Henrique Capriles Radonski, der bei den Präsidentschaftswahlen 2013 knapp gegen Maduro unterlag, organisierte er den Wahlkampf.

Jetzt werfen viele Regierungsgegner Falcón vor, dass er sich an das Regime verkauft habe. "Er hat unter der Hand ein Abkommen mit Maduro geschlossen", sagt Oppositionspolitiker Sánchez. "Falcón soll dem Wahlprozess Legitimität verleihen und die Opposition spalten". Tatsächlich hält sich die Regierung mit Angriffen auf Falcón zurück. Er verzichtet auf eigene Leibwächter, sein Autokonvoi wird von einem weißen Toyota des berüchtigten Geheimdiensts Sebin eskortiert - die Vermummten sorgen offenbar für seine Sicherheit.

Falcón weicht aus, wenn man ihn fragt, ob er Maduro und seine Clique nach einem Wahlsieg wegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft ziehen würde. "Es wird keine Hexenjagd geben", sagt er. Er strebe eine Regierung der "Einheit und Versöhnung" an - eine "Concertación", wie es sie in Chile nach dem Ende der Pinochet-Diktatur gegeben hat.

"Die Armen wollen wählen"

Immer mehr Oppositionspolitiker teilen diese Position. Sie erinnern daran, dass ein Wahlboykott den gegnerischen Parteien bislang immer geschadet habe. "Die Wahl ist keine Erfindung Maduros, sondern von der Verfassung vorgesehen", sagt der Sozialpolitiker Chuo Torrealba, der bis vor einigen Monaten als Generalsekretär dem Oppositionsbündnis MUD vorstand. "Es wäre daher verantwortungslos, nicht teilzunehmen. Unter einer Diktatur wird es nie ideale Bedingungen geben". Torrealba ist bestens in den Armenvierteln vernetzt, er leitet die Internetagentur "Radar de los Barrios", ein Sprachrohr der Slums. "Die Armen wollen wählen", versichert er.

Maduro versucht deshalb, das Wahlverhalten in den Elendsbezirken über ein infames System von Repressionen zu kontrollieren. Wer staatliche Lebensmittelpakete oder andere Privilegien der Regierung bezieht, muss sich mit einem speziellen Ausweis registrieren, dem sogenannten "Carnet de la Patria". "Wenn die Regierung diese Angaben mit dem Wahlregister abgleicht, hat sie die Leute politisch in der Hand", sagt Oppositionspolitiker Sánchez. "Wer nicht Maduro unterstützt, bekommt nichts zu essen".

Doch in vielen Elendsvierteln funktioniert diese Form der sozialen Kontrolle nicht mehr. In Petare, dem größten Slum von Venezuela und einst eine Hochburg der Chávez-Anhänger, entlädt sich der Frust über die Regierung auf offener Straße.

Video: Mein Leben unter Maduro

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Seit dem frühen Morgen wartet eine Menschenschlange am Straßenrand auf den Austausch von Gasflaschen zum Kochen. Männer, Frauen und Kinder harren in der glühenden Hitze aus, viele sind ausgemergelt. "Seit sechs Wochen haben wir kein fließendes Wasser", ruft einer der Wartenden dem Besucher zu. "Das letzte Lebensmittelpaket der Regierung kam vor zwei Monaten", klagt eine junge Frau. "Drei Stunden müssen wir auf öffentliche Transportmittel warten", beschwert sich ein Dritter - viele Busse wurden stillgelegt, weil Ersatzteile fehlen.

Maduro hat nichts mehr zu verteilen

Rasch bildet sich eine Menschentraube, jeder will seinen Unmut loswerden. Plötzlich erscheint wie aus dem Nichts ein gepflegter Mann mit Goldkettchen und Polohemd - er ist der örtliche Chef der sozialistischen Regierungspartei PSUV. Vergeblich versucht er, die Menge zu besänftigen, immer lauter wird die Diskussion. Schließlich räumt der Mann ein, dass "die Versorgungslage besser sein könnte". Die Anwohner überschütten ihn mit Hohn und Spott.

"Früher hätte er die Colectivos zur Hilfe gerufen", raunt ein Anwohner - so heißen die gefürchteten Motorradgangs, die der Regierung nahestehen und die Verteilung von Lebensmitteln kontrollieren. Doch unter Maduro gibt es nichts mehr zu verteilen, viele Gangs haben sich verselbständigt, Polizisten und Soldaten desertieren zu Hunderten. "Maduro hat uns verraten", sagt der Anwohner, ein ehemaliger Chávez-Anhänger. Er reibt sich den Bauch. "Hungern tun wir erst, seit er an der Macht ist".


Zusammengefasst: Am Sonntag finden in Venezuela Präsidentenwahlen statt. Staatschef Nicolás Maduro will sich im Amt bestätigen lassen - obwohl seine Bilanz desaströs ist. Millionen Menschen hungern, Soldaten und Polizisten desertieren, die Sicherheitslage ist prekär. USA und EU erkennen die Wahl nicht an, weil sie dem Regime schwere Manipulationen vorwerfen. Auch große Teile der Opposition rufen zum Boykott. Der Kandidat Henri Falcón hofft trotzdem auf einen Erfolg gegen Maduro. Er will den US-Dollar als Zahlungsmittel einführen und so die Hyperinflation bekämpfen.

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andrzej123 19.05.2018
1. seltsam
Die Beschreibung der politischen Richtung, die Maduro vertritt, erschließt sich nur indirekt im Zusammenhang mit dem "örtlichen Chef der sozialistischen Regierungspartei PSUV". Das Wort "links" findet man überhaupt nicht. Es soll ein "Regime" sein, doch anscheinend ist dieses weder "links", noch "sozialistisch", noch "linkspopulistisch". Gehörte Maduro zur anderen Seite des politischen Spektrums, wäre von "rechts", "rechtsextrem", "rechtspopulistisch" gesprochen worden, nicht wahr?
geschwafelablehner 19.05.2018
2. Rechenschwäche
'Jeden Monat steigen die Preise in Venezuela um mehr als 900 Prozent, für einen US-Dollar gibt es auf dem Schwarzmarkt derzeit zwischen 700.000 und 800.000 Bolívares, der Wert verdoppelt sich alle paar Wochen. ' Wenn die Preise sich jeden Monat knapp verzehnfachen, hieße das, dass sich innerhalb eines Jahres die Preise etwa um den Faktor 100 Milliarden erhöhen, also 11 Nullen mehr innerhalb eines Jahres - warum sollen dann bei einer Währungsreform nur 3 Nullen gestrichen werden statt mindestens 10? Wenn sich der Dollarkurs alle paar Wochen verdoppelt, aber die Preise verzehnfachen, kostet eine Banane jetzt Tausende Dollar? Oder hat den Artikel derselbe Typ geschrieben, der vor ein paar Monaten behauptet hat, dass von Maduro ein Mindestlohn von 20 Euro pro Stunde eingeführt werden soll, obwohl sich hinterher herausgestellt hat, dass die Leute mindestens 20 Euro im Monat kriegen sollten? Bitte überprüft doch eure Artikel, dass wenigstens die gröbsten Schnitzer entfernt werden, wenigstens bei den Autoren, die schon durch b...e Behauptungen aufgefallen sind.
wolla2 19.05.2018
3. Komischerweise
gibt der Artikel ausschließlich die Ansicht der (fetten) Mittelschicht in diesem Land wieder, die ihre Kinder auf gute Schulen in den USA untergebracht haben und auch das Gesundheitssystem dort nutzen. Als Europäer, der hier lebt, stellt sich ein anderes Bild und würden die USA und Europa das Land nicht sanktionieren und nicht daran hindern, sein Erdöl zu verkaufen, gäbe es auch keinen Mangel. Die USA und EUROPA wollen ein Systemchange, aus ideologischen ( und damit schäbigen) Gründen. Der „Westen“ ist auch noch so verlogen, nicht diese Gründe in der Presse zu benennen. „Blame on Spiegel“. Mit Venezuela wird dasselbe Spiel gespielt, wiemit Cuba. Europa sollte sich schämen, dieses schändliche Spiel mit zu spielen. Mengel ist in diesen Ländern durch sie verursacht. Wo also bitte ist die Korruption ? Die Europäer folgen in ihrer Kitteltreue Nen USA. warum eigentlich. Was hat Venezuela getan ?
Fabiuk 19.05.2018
4. Nicolás Maduro ist ein fetter Sozialist.
Noch nie ging es den Venezolanern dreckiger. Fast so dreckig wie den Kubanern unter dem Fidel.
steve72 19.05.2018
5.
Aber der Korrupte brasilianische Machthaber Temer wird vom Westen anerkannt.Sollte einem doch zu denken geben .
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