Asyl für Snowden: Venezuela ärgert USA mit der "Gringo-Petze"

Von , Caracas

Edward Snowden würde gerne nach Venezuela flüchten. Präsident Maduro positioniert sich mit seinem Asylangebot wie Vorgänger Chávez klar gegen die USA. Im eigenen Land könnte ihm das nützen - obwohl der Whistleblower schon mal abschätzig "Gringo-Petze" genannt wird.

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REUTERS

Präsident Maduro: Unabhängigkeit als Dauerthema

Falls Edward Snowden demnächst tatsächlich am Flughafen von Caracas ankommt, wird er von Hugo Chávez begrüßt. Wie überall in Venezuela ist der vor vier Monaten verstorbene Ex-Präsident auch dort weiterhin omnipräsent. In den Läden gibt es Chávez-Büsten, im Flughafenfernsehen immer wieder Szenen aus dem Leben des "Comandante Supremo". Und selbst auf den digitalen Fluganzeigetafeln ist ein Ausschnitt reserviert, in dem in Dauerschleife der Zoom auf ein berühmtes Chávez-Bild läuft.

Auch Nicolás Maduro dürfte seinen Vorgänger vor Augen gehabt haben, als er dem Whistleblower Snowden am vergangenen Freitag Asyl anbot - worauf der Amerikaner nun eingegangen ist. Schließlich gehörte scharfe Kritik an den USA zu den Markenzeichen von Chávez. Legendär ist ein Auftritt vor den Vereinten Nationen, bei dem Chávez den damaligen US-Präsidenten George W. Bush als Teufel bezeichnete. Daran hat Maduro bereits angeknüpft, als er Barack Obama mit derselben Beschimpfung belegte. Mit dem Asylangebot für Snowden positioniert er sich nun endgültig gegen den mächtigen Nachbarn im Norden.

Selbstverständlich ist das nicht. Denn bei aller kämpferischen Rhetorik sind auch Venezuelas Sozialisten keineswegs unabhängig von den USA. Diese sind weiterhin der wichtigste Abnehmer von venezolanischem Erdöl, der mit Abstand wichtigsten Einnahmequelle des Landes. Und angesichts anhaltender Oppositionsproteste gegen die angeblich manipulierte Wahl von Maduro ist die Regierung umso mehr um Anerkennung im Ausland bemüht.

Deshalb war es im Land eine große Neuigkeit, als sich Außenminister Elías Jaua Anfang Juni mit seinem US-Gegenpart John Kerry traf, um eine Normalisierung der Beziehungen zu besprechen. Das Treffen fand laut amerikanischen Regierungsvertretern auf Wunsch der Venezolaner statt, nur wenige Stunden zuvor hatten sie demonstrativ einen US-Dokumentarfilmer ausreisen lassen, der unter Spionageverdacht festgenommen worden war. Kerry revanchierte sich, indem er Maduro anschließend als Präsidenten bezeichnete - obwohl die USA Oppositionsforderungen nach einer Überprüfung des Wahlergebnisses unterstützen.

Diese vorsichtige Annäherung wäre spätestens mit einer Annahme von Snowdens Asylantrag Makulatur. Außenpolitisch geht Maduro damit volles Risiko, schließlich haben die USA mit der Zwangslandung des bolivianischen Präsidenten Evo Morales gezeigt, zu welch drastischen Schritten sie im Fall Snowden bereit sind.

Auch in Venezuela wird viel mitgehört

In Venezuela selbst haben die von Snowden enthüllten Bespitzelungspraktiken nur für mäßige Empörung gesorgt. Der Datenschutz ist im Land sehr gering ausgeprägt, bei jedem Einkauf im Supermarkt müssen Venezolaner ihre Ausweisnummer angeben. Die Veröffentlichung heimlich mitgeschnittener Gespräche gehören zudem zum politischen Alltag. So präsentierte die Opposition kürzlich Tonaufnahmen, in denen der regierungstreue TV-Moderator Mario Silva angeblich gegenüber einem Offizier des kubanischen Geheimdienstes von Korruption in der venezolanischen Führungsspitze berichtet.

Regierungskritische Medien beschrieben die US-Schnüffelei zum Teil als Normalität. Spionage sei "eine Praxis so alt wie die Prostitution", schrieb die Zeitung "El Nacional" am Wochenende. "El Nuevo País" bezeichnet Snowden abschätzig als "Gringo-Petze". Oppositionsführer Henrique Capriles Radonski warf Maduro vor, mit dem Asylangebot wolle er nur von den Problemen im eigenen Land ablenken, das mit grassierender Inflation, Lebensmittelknappheit und einer rekordverdächtigen Mordrate kämpft.

Tatsächlich haben die meisten Venezolaner im Alltag andere Sorgen als die NSA-Affäre. Selbst viele frühere Chavisten sprechen Maduro nach kurzer Zeit im Amt die Eignung ab - etwa, weil diesem Chávez nach eigenen Angaben wiederholt als Vogel erschien. Doch durch die erzwungene Landung von Morales hat die Snowden-Affäre eine neue Dimension bekommen. Wenn es um die Unabhängigkeit ihres Landes geht, verstehen auch Oppositionsvertreter keinen Spaß. So prangern sie regelmäßig die angebliche Präsenz kubanischer Führungskräfte im venezolanischen Militär an.

In den Reden Maduros sind die Unabhängigkeit und der venezolanische Befreiungsheld Simón Bolívar ohnehin Dauerthema. Nicht zufällig kündigte der Präsident das Asylangebot an Snowden am vergangenen Freitag an, dem Unabhängigkeitstag des Landes. "Die USA regieren nicht die Welt und uns schon gar nicht", sagte Maduro, als er nun von Snowdens Antrag berichtete.

Gestärkt kann sich der Sozialist dabei von anderen linken Politikern des Kontinents fühlen. Auf einer Sondersitzung des Staatenbündnisses Unasur empörten sich Maduro und Morales vergangene Woche gemeinsam mit ihren Amtskollegen Cristina Kirchner (Argentinien), Rafael Correa (Ecuador) und José Mujica (Uruguay) ausgiebig über die Intervention der USA. Als Maduro das Asylgesuch von Snowden bekanntgab, legte er Wert auf die Feststellung, dass sich auch andere lateinamerikanische Länder als Fluchtpunkt vor dem "Imperium" im Norden angeboten haben. Es handele sich damit um "fast das einzige kollektive humanitäre Asyl, das in der Geschichte gewährt wurde".

Die US-Amerikaner als Gegner, die Einheit von Lateinamerika und die eigene geschichtliche Bedeutung fest im Blick: In diesem Moment erinnerte der oft belächelte Maduro tatsächlich ziemlich an Hugo Chávez.

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insgesamt 205 Beiträge
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1. Ich denke, dass die Amis verstehen....
joG 09.07.2013
....wie wichtig es ist für einen südamerikanischen Autokraten seinen Leuten zu zeigen, dass er Eier in der Hose hat. Ein bisschen ist das doch auch mit Schultz und anderen hiesigen Politikern, die sich öffentlich aufregen über etwas, das alle Länder tun und wovon sie wussten, dass die Amis es tun zusammen mit den Franzosen, Engländern, Italienern und so weiter.
2.
Peter-Lublewski 09.07.2013
Zitat von sysopREUTERSEdward Snowden würde gerne nach Venezuela flüchten. Präsident Maduro positioniert sich mit seinem Asylangebot wie Vorgänger Chávez klar gegen die USA. Im eigenen Land könnte ihm das nützen - obwohl der Whistleblower schon mal abschätzig "Gringo-Petze" genannt wird. http://www.spiegel.de/politik/ausland/venezuela-warum-die-snowden-affaere-maduro-nuetzen-koennte-a-910229.html
"Gringo-Petze", damit könnte ich an Edward Snowdens Stelle leben. Hierzulande wird er von USA-Hörigen "Verräter" genannt.
3. Gringo-Petze
merman2 09.07.2013
So ist das. Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter.
4. Amerikaner?
johannes.kepler 09.07.2013
Ich bin Venezolaner, ich bin in Venezuela geboren, meine Vorfahren waren Spanier, Uramerikaner und schwarze Sklaven und ich bin darum Amerikaner. Die erste Karte, die "America" drauf hatte, zeigte diese Buchstaben über Südamerika. Amerigo Vespucci besuchte Südamerika, nicht Nordamerika. Snowden sollten sich das überlegen: die Regierung meines Landes spioniert uns nicht nur, unsere illegal aufgenommenen Gespräche werden im staatlichen Fernsehen ausgestrahlt, wenn man die Regierung kritisiert und man wird als Landesverräter beleidigt. In Venezuela haben wir nun Warenmangel: es fehlt an Toilettenpapier, an Hähnchenfleisch, an Milch, alles wird importiert. Die Internetverbindung ist viel langsamer als im Rest der lateinamerikanischen Länder.
5. Verräter
joehofloe 09.07.2013
werden überall gleich abschätzig behandelt. Wer einmal petzt und damit erfolg hat, wird es wieder machen. Snowden ist nur ein politischer Spielball.
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