Flucht aus der Heimat Der Exodus der Venezolaner

Millionen Venezolaner fliehen vor der wirtschaftlichen und humanitären Krise in ihrem Land - doch sie sind zunehmend unerwünscht in Südamerika. In Brasilien kam es zu Ausschreitungen, andere Länder führen eine Passpflicht ein.

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Von , Mexiko-Stadt


Am Montag war die Ruhe zurückgekehrt nach Pacaraima. Die Feuerwehr beseitigte die Reste des Gewaltausbruchs vom Wochenende, kehrte die Asche zusammen, räumte die Trümmer und Überreste der Notunterkünfte beiseite. Eine "Friedenskarawane" aus 25 Autos drehte Runden durch die 12.000-Einwohner-Stadt im Norden Brasiliens, die direkt an der venezolanischen Grenze liegt. Es beteiligten sich Brasilianer und Venezolaner. "Die Venezolaner haben Platz hier in Brasilien", sagte Neura Costa, die lokale Organisatorin der Karawane. "Sie verdienen die Chance, sich hier ein neues Leben aufzubauen."

Tage zuvor hörte sich das noch ganz anders an. Am Samstag hatten aufgebrachte Einwohner von Pacaraima venezolanische Migranten mit Steinen, Stöcken und offenbar auch Schüssen vertrieben, ihre Behelfsunterkünfte auf den Straßen der Grenzstadt angezündet. "Haut ab nach Venezuela", riefen aufgebrachte Einwohner. Unzählige flohen zurück über die Grenze in ihre Heimat. Auslöser der Wut war der Überfall auf einen brasilianischen Händler. Seine Familie machte dafür venezolanische Flüchtlinge verantwortlich.

Brasilianer in Pacaraima verbrennen Habseligkeiten von Venezolanern
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Brasilianer in Pacaraima verbrennen Habseligkeiten von Venezolanern

Die Jagdszenen aus der brasilianischen Grenzstadt waren der erste große Gewaltausbruch gegen venezolanische Migranten, die in immer mehr Ländern Südamerikas in immer größerer Zahl Zuflucht suchen - und die Chance, ihr Leben neu aufzubauen. Besonders betroffen ist das Nachbarland Kolumbien, wo mehr als eine Million Venezolaner lebt. Aber inzwischen sind auch Hunderttausende in Peru, Ecuador, Chile, Argentinien und Panama ansässig. Doch die Ressentiments steigen. Die anfangs ohne Probleme eingelassenen Flüchtlinge sehen sich mit wachsendem Widerstand und bürokratischen Hürden konfrontiert.

Es gehen die Armen und Hoffnungslosen

Niemand weiß genau, wie viele Menschen ihre Heimat in den vergangenen Jahren angesichts von Wirtschaftskrise, Hyperinflation, fehlenden Nahrungsmitteln und Medikamenten sowie politischer Verfolgung verlassen haben. Das Uno-Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) geht davon aus, dass sich rund 2,3 Millionen Venezolaner auf den Weg gemacht haben.

War es früher vor allem die Mittelklasse und Oberschicht, die das einst reiche Land in Richtung USA, Europa und andere Gegenden Südamerikas verließen, gehen jetzt die Armen und Hoffnungslosen; diejenigen, die keinen Zugang zu Dollars haben und für die der Verbleib in der Heimat oft den sicheren Tod bedeuten würde. So sieht man an den Grenzen der verschiedenen Staaten Trecks von entkräfteten und hungrigen Menschen, die ihr Hab und Gut meistens nur in Taschen oder Tüten bei sich tragen, Kinder an der Hand, Babys auf dem Arm. Viele schwangere Frauen sind unter den Flüchtlingen. Die meisten von ihnen gehen, um ihrem Land dauerhaft den Rücken zu kehren. Viele andere aber wollen nur zum Arzt, einkaufen oder endlich mal wieder eine richtige Mahlzeit zu sich nehmen.

Besonders belastet sind Grenzstädte wie Pacaraima oder Cúcuta. Über die kolumbianische Grenzstadt kommen täglich viele Tausend Menschen ins Land. Kolumbien hat im Juli an allen Übergängen zum Nachbarland insgesamt 50.000 Venezolaner täglich gezählt.

Pacaraima im brasilianischen Bundesstaat Roraima hat zwar nur 12.000 Einwohner, aber mindestens tausend Venezolaner lebten bis zum Wochenende in Camps entlang der Straßen des Ortes. In der 215 Kilometer entfernten Hauptstadt Boa Vista sind es 25.000 Venezolaner. Die Gouverneurin von Roraima, Suely Campos, spricht von einem medizinischen Notstand in ihrem Staat, denn unzählige Venezolaner brauchen vor allem ärztliche Hilfe, bringen in Brasilien ihre Kinder zur Welt oder suchen Medikamente. Campos fordert von der Zentralregierung in Brasilia immer wieder eine vorübergehende Schließung der Grenze. Justiz und Politik verweigern das mit dem Hinweis darauf, dass brasilianische Gesetze das in humanitären Notlagen verbieten.

Andere Staaten sind inzwischen weniger großzügig und haben jüngst die Einreisebestimmungen für venezolanische Flüchtlinge verschärft. Meist reisen die Migranten nur mit ihren venezolanischen Personalausweisen.

  • Peru: Am 11. August waren es 5100 Venezolaner, die in den Andenstaat einreisen wollten. Es war die bisher höchste Zahl an einem Tag. Nach Angaben der peruanischen Einwanderungsbehörden sind seit Mai rund 3000 Venezolaner täglich angekommen. Insgesamt befinden sich knapp 400.000 Venezolaner im Land, nur 70.000 von ihnen haben eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Fast alle kamen per Bus, Auto oder zu Fuß aus dem 2300 Kilometer entfernten Venezuela. Vom 25. August an müssen die Venezolaner nun einen gültigen Pass vorweisen.
  • Ecuador: 4000 Venezolaner wollen jeden Tag nach Ecuador. Das Land lässt seit dem Wochenende nur noch diejenigen passieren, die einen gültigen Pass haben. Davon ausgenommen sind Minderjährige in Begleitung von Erwachsenen. Aber ein venezolanischer Pass kostet rund 500 Dollar, und die Ausstellung dauert ohne Bestechung Monate.
  • Kolumbien: Nach Angaben des Leiters der Einwanderungsbehörde, Christian Krüger, haben allein in diesem Jahr 423.000 Venezolaner Kolumbien wieder verlassen und sind weiter in den Süden gezogen. Auch Kolumbien verlangt an manchen Grenzübergängen einen Reisepass von venezolanischen Bürgern.
  • Chile: Neben Kolumbien, Peru und Argentinien ist Chile wegen der Arbeitsmöglichkeiten eines der Lieblingsziele der Venezolaner. Seit April aber verlangt die Regierung in Santiago ein "Visum der demokratischen Verantwortlichkeit", das nur in den chilenischen Konsulaten in Venezuela ausgestellt werden kann. Wer als Tourist einreist, kann später auch keine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis beantragen.
  • Argentinien: Das Land erleichterte im Februar die Einreisebestimmungen für Venezolaner ebenso wie die Anerkennung von Ausbildungen und Berufsabschlüssen. Laut Einwanderungsbehörde haben vergangenes Jahr 36.400 Venezolaner eine Daueraufenthaltserlaubnis beantragt.

Das Ölland Venezuela steckt in einer historischen Wirtschaftskrise. Der Internationale Währungsfonds geht von einer Inflation von einer Million Prozent bis Ende des Jahres aus. Die Preise verdoppeln sich im Schnitt alle 26 Tage. Die Konsequenzen sind bizarr. Wer Dollars hat und schwarz tauschen kann, lebt wie ein König. Wer wie die Mehrheit der Venezolaner auf den staatlichen Mindestlohn angewiesen ist, der hungert. Denn auch zu essen gibt es kaum etwas. Venezuela produziert nur wenig, und Geld für Importe ist längst nicht mehr da. Laut der jährlichen Erhebung der drei wichtigsten venezolanischen Universitäten zu den Lebensbedingungen (Encovi) haben vergangenes Jahr 64 Prozent der Bevölkerung bis zu elf Kilo Gewicht verloren.

Am Wochenbeginn kam es zur großen Währungsumstellung: Der schwindsüchtigen Währung Bolívar wurden fünf Nullen gestrichen, die Mehrwertsteuer und die Benzinpreise sollen angehoben werden. Dass dies hilft, glaubt niemand. Der Exodus der Venezolaner geht ungehindert weiter.

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im_ernst_56 22.08.2018
1. Stell Dir vor, es ist Sozialismus und keiner läuft weg
Stell Dir vor, es ist Sozialismus und keiner läuft weg. Das war 1990 ein Slogan derjenigen, die die DDR mit einem renovierten Sozialismus erhalten wollten. Ich glaube, er kam aus der frisch gewendeten SED/PDS. Fast 30 Jahre später dasselbe Bild, nur auf einem anderen Erdteil. Die Ursachen sind dieselben. In der Linkspartei, der Nachfolgerin der SED/PDS, gibt es immer noch Gruppierungen, die sich mit den Regierungen in Venezuela, Nicaragua und Kuba solidarisch fühlen. Die Hoffnung vom Sozialismus, vor dem keiner weg läuft, haben die wahrscheinlich aufgegeben.
Bruno Bug 22.08.2018
2. Der Sozialismus ist auch bei uns immer noch hoch im Kurs
Sozialismus führt immer in eine solche Krise. Warum? Weil man wirtschaftliche Realitäten nicht anerkennen will. Weil Umverteilung alleine nicht reicht um Wohlstand zu erzeugen. Und ohne Profit kein Unternehmen arbeiten kann, und kein Unternehmer arbeiten will. Weil sozialistische Politiker meinen, sie wissen besser wie und für was man investiert, wieviel etwas kostet und was etwas Wert ist und wieviel jemand verdienen soll. All dies kann man wunderbar in Venezuela beobachten. Und bei uns? Da liebäugeln nicht nur die traditionellen Verfechter von, der Staat muss das regeln, mit Ähnlichem, sondern auch die CDU mit ihrem Sozialflügel. Auch bei uns bestimmt der Herr vom Amt schon darüber wie 50% von unserem Volkseinkommen verwendet wird. Und der Trend geht immer mehr, den Staat, alles machen zu lassen. Ein Sozialpaket nach dem anderen wird da geschnürt ohne auf die langfristige Finanzierbarkeit zu achten. Und keinen juckt es. So weit weg von Venezuela sind wir dann doch nicht um dem gruseligen Spektakel eines untergehenden sozialistischem Experiments mit Behagen vom wohligen Sofa aus zuzusehen. Denn das kann auch bei uns passieren. Trotz Sowjets, DDR, Kuba, Nordkorea und jetzt auch Venezuela. Bei uns wird dieser Irrglauben trotz unzähliger Gegenbeispiele immer noch hoch gehalten.
danreinhardt 22.08.2018
3. Aus eigener Erfahrung
Kann ich sagen, dass Venezolaner zu den fleissigsten und ehrgeizigsten Menschen gehören die ich je getroffen habe. Nicht einen kenne ich der unter 12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche arbeitet. Wahnsinnig pünktlich und verantwortungsbewusst versuchen sie sich ein neues Leben aufzubauen. Meistens ist es ein Familienmitglied dass durch Bestechung an einen Reisepass gekommen ist und nun versucht genug Geld zu verdienen als dass Frau und Kinder auch einen Pass erhalten können -bis dahin wird versucht genug Geld zu verdienen um die Familie in Venezuela und sich selbst zu ernähren, ein heftiger Spagat. Ich wünsche den Menschen viel Glück und Hoffnung und kann nur für eine Esser Zukunft beten.
freudentanz 22.08.2018
4. Wirtschaftskrise ?
Ist doch eher der vollständige Zusammenbruch bzw Auflösung einer Gesellschaft. Jeder kennt die Gründe u IMHO kann da nur noch die UNO etwas positives vollbringen. Die Monstrosität dieses Geschehens und die Ignoranz der Weltbevölkerung wird in die Geschichte eingehen. Im Yemen, Sudan, Somalia, Äthiopien waren es Bürgerkrieg, Dürrekatastrophen und hier ? Das lässt sich nur noch mit der Sowjetunion in den 20ern und 30ern und China in den 60ern vergleichen.
Das Pferd 22.08.2018
5.
so ein Elend in so einem reichen Land. und gleich für die wieder jemand erklären, dass Schuld nur die anderen sind.
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