Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Jetzt steht der Sieger als Verlierer da und der Unterlegene als eigentlicher Gewinner: Das knappe Ergebnis bei den Präsidentschaftswahlen in Venezuela - Regierungskandidat Nicolás Maduro hat nicht einmal zwei Prozent mehr als sein Gegner Henrique Capriles Radonski - leitet unsichere Zeiten für den Ölstaat ein.
Der Chávez-Bonus ist bereits vier Wochen nach dem Tode des Caudillos weitgehend verflogen, und die Amtszeit seines Nachfolgers beginnt mit einem riesigen Fragezeichen: Hat er überhaupt gewonnen?
Die Opposition hat über 3000 Anzeigen wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten beim Wahlvorgang gesammelt, Capriles Radonski fordert eine manuelle Neuauszählung der Stimmen. Auch US-Präsident Obama, so lässt sein Sprecher mitteilen, hielte eine Neuauszählung angesichts des knappen Ergebnisses für einen "wichtigen, weisen und notwendigen Schritt". Venezuela hat ein elektronisches Wahlsystem, das beschleunigt die Auszählung und gilt als relativ betrugssicher. Relativ - denn Manipulationsmöglichkeiten gibt es auch bei den elektronischen Urnen.
Vier der fünf Mitglieder der Obersten Wahlbehörde sind mit Chávez-Anhängern besetzt. Maduro hat zwar noch in der Wahlnacht angekündigt, dass er einer manuellen Neuauszählung zustimmt, doch sein Wahlkampfleiter Jorge Rodríguez schränkte das Versprechen gleich wieder ein: Die Chávez-Partei will allenfalls einer Teilauszählung zustimmen. Die Differenz zwischen Maduro und Capriles Radonski beträgt 235.000 Stimmen: 7,5 Millionen waren für Maduro; 7,2 für Capriles Radonski. Das spiegelt ziemlich genau den Zustand des Landes wider: Venezuela ist in zwei etwa gleich große Lager gespalten.
Der Typ mit dem Vögelchen
Bei der Opposition handelt es sich schon lange nicht mehr um ein Grüppchen rechtsradikaler Oligarchen und reicher Putschisten, wie Chávez und seine Anhänger immer verbreitet haben: Die wanderten schon vor Jahren nach Miami oder Kolumbien aus.
Die Chávez-Gegner stellen eine breite Allianz demokratischer Kräfte dar - sie reicht von den Studenten bis zu Kleinunternehmern, Hausfrauen und Intellektuellen. Unter ihnen sind auch viele Arme. Dass jeder Bewohner eines venezolanischen Elendsviertels den sozialistischen Volkstribun anbetet, ist einer von vielen Mythen, die von Chávez und seinen Leuten wider besseren Wissens gepflegt wurden. In Wirklichkeit hatte die Opposition auch in den Slums immer viele Anhänger - sie wagten sich nur nicht aus der Deckung, solange der schier allmächtige Caudillo herrschte.
Den Armen fehlte zudem eine politische Identifikationsfigur. Erst Capriles Radonski schaffte es, die Opposition zu einigen. Der junge Gouverneur des wichtigen Bundesstaats Miranda verfügt zwar nicht über das Charisma des Verstorbenen. Bei den letzten Wahlen im Oktober, als Chávez trotz seiner Krankheit in einer schier übermenschlichen Anstrengung noch einmal antrat, unterlag er.
Aber gegen Maduro hat er seine Chancen genutzt. Chávez persönlich hatte seinen einstigen Außenminister als Nachfolger favorisiert - aber das war der einzige Trumpf, mit dem Maduro wuchern konnte. Er besitzt weder die Aura noch die rhetorischen Qualitäten seines Vorbilds. Auch auf eingefleischte Chávez-Wähler wirkte es bizarr, wie er den Geist des Verblichenen in einem Vögelchen erblickt haben wollte oder sich als sein Sohn präsentierte.
Kampf um die Fleischtöpfe
Maduro war als Kandidat überfordert. Als Präsident dürfte er mit dem jämmerlichen Wahlergebnis noch schwächer starten als von vielen vorausgesagt. Während die Ölrepublik mit einer Inflation von über 30 Prozent wirtschaftlich immer tiefer in der Krise versackt, droht nun die Selbstauflösung des politischen Systems nach dem Motto: Rette sich, wer kann.
Chávez' Macht ruhte auf zwei Säulen: Der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA, die mit den Petrodollars seine Sozialprogramme sowie Wahlkämpfe und die ehrgeizige Außenpolitik finanzierte, und den Streitkräften. Großzügig beförderte er, wer ihm politisch wohlgesonnen war. In Venezuela kommt auf 250 Soldaten ein General, insgesamt schuf Chávez 300 Stellen für die höchsten militärischen Ränge. Kein anderes südamerikanisches Land ist so militarisiert.
Maduro ist kein Soldat, er war früher mal Busfahrer. Wie er in Momenten der Krise mit dem übermächtigen Militärapparat und den Milizen umgehen will, ist eines der vielen Rätsel der kommenden Amtszeit. Das Militär könnte versucht sein, während einer Krise einzugreifen. Auch Maduros innerparteiliche Widersacher bekommen jetzt Oberwasser, vor allem der ehrgeizige Parlamentspräsident Diosdado Cabello, dem ein gutes Verhältnis zu den Streitkräften nachgesagt wird.
Was alle Funktionäre des Chávez-Systems in einer Interessengemeinschaft vereint, sind die finanziellen Pfründe, nicht die Ideologie. An den Schaltstellen der Macht hat man einen privilegierten Zugang zu Staatsgeldern; in einem undurchsichtigen System wie dem venezolanischen gedeiht Korruption besonders gut. Freiwillig wird die "Boliburguesía", wie die Schicht der Chávez-Profiteure genannt wird, ihre Fleischtöpfe kaum aufgeben. Aber wenn sich die Wirtschaftskrise weiter verschärft, könnte sich der Groll der Bevölkerung gegen Chávez' Erben richten.
Dann könnte Maduro dasselbe Schicksal drohen wie dem sozialdemokratischen Präsidenten Carlos Andrés Pérez Ende der achtziger Jahre: Der war von einem Volksaufstand aus dem Amt vertrieben worden.
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