Machtkampf in Venezuela Jetzt oder nie

Mehr als hunderttausend Menschen drängten sich allein in Caracas: Im Kampf um die Macht in Venezuela mobilisierten Herrscher Maduro und sein Widersacher Guaidó am Samstag die Massen. Entscheidet sich ihr Machtkampf auf der Straße?

Caracas am Samstag
DPA

Caracas am Samstag

Aus Caracas berichten und


Die Avenida Bolívar, die Hauptstraße im Zentrum von Caracas, ist in Rot getaucht. Vom Parque Central bis zur U-Bahn-Station La Hoyada drängen sich hier Zehntausende Menschen.

Sie tragen die roten Shirts der Regierungspartei PSUV, die roten Hemden des Ölkonzerns Petróleos de Venezuela (PDVSA) oder der Sozialistischen Zementkorporative (CSC).

Wenn Nicolás Maduro ruft, ist Erscheinen Pflicht, zumal an diesem Jahrestag. Am 2. Februar 1999 hatte der Linksnationalist Hugo Chávez die Macht in dem südamerikanischen Erdölstaat übernommen und den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ausgerufen.

Maduro führt das Projekt seit Chávez' Tod 2013 fort und hat das Land so abgewirtschaftet, dass es ein internationaler Sozialfall geworden ist. Die Wirtschaftskraft hat sich in den vergangenen sechs Jahren halbiert, es gibt keine Medikamente, kaum Nahrungsmittel, die Erdölförderung ist eingebrochen, das Geld nichts mehr wert, und die Gewalt ist nirgends in Lateinamerika so schlimm wie in Venezuela.

Menschenmassen am Samstag in Caracas
REUTERS

Menschenmassen am Samstag in Caracas

Wer dem Regime widerspricht, geht ins Gefängnis oder flieht ins Exil. Drei Millionen Venezolaner haben das Land in den vergangenen Jahren verlassen.

Aber wenn die Chavisten feiern, werden die Mitarbeiter der Staatsunternehmen angekarrt, und die Menschen aus den Armenvierteln kommen auch. Die einen freiwillig, die anderen, weil sie sonst um ihre Gutscheine und Fresspakete fürchten.

Zumal jetzt, wo das Ende des sozialistischen Experiments so nahe scheint wie nie zuvor. Maduro und seine autokratische Regierung stehen von außen und innen massiv in Bedrängnis. Aber an diesem Samstag hat die Regierung nochmal alles auf die Straße gebracht. Nicht nur hier in Caracas.

Bevor er gegen 14 Uhr seine Rede beginnt, greift Maduro demonstrativ zum Fernglas und lässt den Blick schweifen: "Wer hat denn gesagt, dass die Chavisten keine Leute mehr auf die Straße bekommen?", ruft er unter dem Jubel seiner Anhänger.

Nicolas Maduro
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Nicolas Maduro

Das Lager des Widersachers

Rund fünf Kilometer östlich von der Avenida Bolívar im Stadtteil Las Mercedes trägt keiner Rot. Die Menschen haben Mützen mit der venezolanischen Flagge auf dem Kopf oder haben sich in die blau-rot-gelbe Landesfahne gehüllt. Auf Schildern sieht man Sätze wie: "Keine Diktatur mehr" oder "Jetzt ist die Zeit für Wut gekommen".

Ein junger Mann in der Menge schimpft. "Opposition, welche Opposition?", fragt er. "Sie haben dem Regime immer die Hand gereicht und so die Diktatur verlängert". Er trug einen blauen Kapuzenpulli, Ohrringe und eine Pudelmütze. Seinen Namen will er nicht nennen, er fürchtet die Schergen des Regimes: "Einen Freund von mir haben sie bei einer Demo erschossen".

Er kommt aus der Ölmetropole Maracaibo, mit 15 sei er zum ersten Mal gegen Maduro auf die Straße gegangen: "Ich habe es allein für mich getan, für meine Zukunft". Für die Flucht ins Ausland fehle ihm das Geld; er schlage sich als Profi-Boxer durch. Bei jeder Demo sei er dabei: "Wir zahlen die Zeche für alle, die gegangen sind".

Heute ist er 20; er gehört zur Generation der Jungen, die glauben, dass sie nichts zu verlieren haben: "Wenn Maduro nicht freiwillig geht, dann müssen wir ihn eben mit Gewalt vertreiben". Mit der alten Opposition können sich diese jungen Desperados nicht identifizieren, ihr Held ist Juan Guaidó: "Jetzt haben wir endlich einen Anführer."

Juan Guaido
AFP

Juan Guaido

Guaidó, vor einem Monat noch ein weitgehend Unbekannter in Venezuela, ist jetzt der Hoffnungsträger für einen Wandel in dem gebeutelten Land, seit er sich am 23. Januar zum Übergangspräsidenten ernannt hat.

"Wir brauchen Demokratie und Freiheit", sagt Luisana Santamaría, die als Grafikdesignerin arbeitet. "Venezuela hat sich langsam aber sicher in eine Diktatur verwandelt. Und wir haben alle Mitschuld daran. Aber jetzt müssen wir die Chance ergreifen, die Guaidó uns gibt".

Der spricht wenig später auf einer Bühne am Einkaufszentrum Las Mercedes und strahlt Zuversicht aus: "Der Präsidentenpalast Miraflores ist immer einsamer, aber bald sind wir da und werden eine Übergangsregierung bilden und freie Wahlen ansetzen," verspricht Guaidó, ein langer Schlacks im offenem weißem Hemd und blauem Sakko.

Als nächste Etappe im Kampf gegen das Regime kündigt Guaidó Hilfe für die Hungernden und Kranken an. In zwei Grenzstädten der Nachbarstaaten Kolumbien und Brasilien sowie auf einer Karibikinsel würden mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft Sammelpunkte für humanitäre Hilfe errichtet.

Wie die Lebensmittel und Medikamente ins Land gelangen sollen, ist allerdings unklar: Maduro weigert sich bislang, die Grenzen für humanitäre Hilfe zu öffnen.

Während Guaidó wie bei jedem öffentlichen Auftritt an die Streitkräfte appelliert, die Seiten zu wechseln und Maduro die Unterstützung zu versagen, rühmt sich am anderen Ende der Stadt der Machthaber der Loyalität seiner Generäle. "Die Streitkräfte standen noch nie so geeint hinter dem Präsidenten, der ihr Oberbefehlshaber ist, wie jetzt", behauptet Maduro im langärmeligen roten Hemd, das über dem mächtigen Bauch spannt.

Wenige Stunden vorher allerdings hatte sich der bisher hochrangigste Offizier von Maduro losgesagt. In den Onlinediensten kursierte am Samstagmorgen ein Video, auf dem ein Divisionsgeneral der Luftwaffe zum Sturz Maduros aufruft.

General Francisco Estéban Yáñez Rodríguez vom Luftwaffenoberkommando sagt in der knapp zweiminütigen Botschaft, er erkenne die "diktatorische Macht von Nicolás Maduro" nicht mehr an und stelle sich hinter den Oppositionsführer Guaidó. 90 Prozent der Streitkräfte stünden nicht mehr hinter "dem Diktator", sondern "an der Seite des venezolanischen Volkes". Der Übergang zur Demokratie sei nicht mehr aufzuhalten.

Das Oberkommando der Luftwaffe beschuldigte den abtrünnigen General später des Hochverrats. Unklar war, ob Yáñez Rodríguez das Video in Venezuela oder aus dem Ausland aufnahm.

In den vergangenen Wochen hatten sich immer mehr Militärs von der Regierung losgesagt, vereinzelt kam es zu kleineren Meutereien, die schnell niedergeschlagen werden konnten.

Venezuelas Staatschef aber befindet sich seit Beginn des Jahres in immer größerer Bedrängnis. Er hatte sich am 10. Januar zu einem zweiten Mandat bis 2025 vereidigen lassen, das von vielen Staaten nicht anerkannt wurde. Knapp zwei Wochen später erklärte sich Guaidó, der bis dahin fast unbekannte Abgeordnete und Präsident der Nationalversammlung, zum Übergangspräsidenten und wurde im Eiltempo von weiten Teilen der westlichen Welt anerkannt.

Maduro-Anhänger
AP

Maduro-Anhänger

Mehrere europäische Staaten, darunter Deutschland und Frankreich, haben dem bedrängten Linksnationalisten bis Sonntag Zeit gegeben, um Neuwahlen zur Präsidentschaft anzusetzen. Andernfalls wollen sie Guaidó als Interimsstaatschef anerkennen - so wie bereits die USA und die Mehrheit der lateinamerikanischen Staaten.

Und in Venezuela selbst sehen sich die Menschen wieder ermutigt, gegen Maduro auf die Straße zu gegen. Zuletzt hatte die Bevölkerung 2017 versucht, den autokratischen Herrscher von der Straße aus zu stürzen. "Die letzte Runde im Machtkampf in Venezuela ist eingeläutet", sagt ein internationaler Beobachter. "Aber wir wissen nicht, wie lang diese Runde dauert".

Luisana Santamaría fürchtet, dass das Ringen um Demokratie in Venezuela noch länger dauern wird: "Eine Diktatur wird man nicht über Nacht los", sagt sie. "Wir brauchen dafür die Unterstützung aller Länder, selbst die der USA."

Das Kräftemessen zwischen den beiden Machthabern endete am Samstag unentschieden. Beide Lager haben ihre Anhänger auf die Straße gebracht. Maduro und seine Chavisten sind nicht bereit, von der Macht zu lassen. Aber auch die Opposition wird nicht nachlassen mit ihrem Druck. Denn, so drückt es Luisana Santamaría aus: "Wenn wir Maduro jetzt nicht loswerden, dann schaffen wir es nie mehr".



insgesamt 103 Beiträge
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LDaniel 02.02.2019
1. Alles Gute
Man kann den Menschen dort nur alles Gute wünschen, um ihr Land aus dem Griff einer Diktatur wieder hin zu einer Demokratie zu führen. Ich glaube daran und die Unterstützung der Demokratien dieser Welt ist den Menschen sicher, auch wenn die russische Propaganda aus allen Rohren feuert - schließlich hat Russland ein großes Interesse daran, dass die Diktatur unter Maduro bleibt. Leider versuchen die Trolle hier und in den sozialen Medien die Diskussion an sich zu reißen. Doch darauf sollte man nicht hereinfallen.
garfield 02.02.2019
2.
Was musste ich grinsen bei diesem Artikel. Ich behaupte jetzt mal, dass Maduro mindestens so viele Anhänger "zusammengekarrt" hat (das macht natürlich nur er, bei dem "das Hemd über dem mächtigen Bauch spannt" - echt Klasse, unser Mainstream-Journalismus), wie die in sich zerstrittene Opposition. Denn wäre es anders, würde der Jubel aus jeder Zeile tropfen. ---Zitat--- Luisana Santamaría fürchtet, dass das Ringen um Demokratie in Venezuela noch länger dauern wird: "Eine Diktatur wird man nicht über Nacht los", sagt sie. "Wir brauchen dafür die Unterstützung aller Länder, selbst die der USA." ---Zitatende--- Ich glaube, nicht mal die Armen in ihren Vierteln sind so dumm, dass sie nicht all die zahlreichen Aktionen der Gringos zur "Unterstützung" in Latein- und Südamerika kennen und wie sie ausgingen. Es mag sicher viele Venezolaner geben, die Maduro nicht mehr wollen, aber noch weniger wollen sie vom Regen in die Traufe kommen. ---Zitat--- Denn, so drückt es Luisana Santamaría aus: "Wenn wir Maduro jetzt nicht loswerden, dann schaffen wir es nie mehr". ---Zitatende--- Ich glaube, es war etwas dumm, dass die USA, die - inzwischen nachgewiesen - den Putsch mit Guiadó geplant und vorbereitet hatten, ihn schneller als "Präsidenten" anerkannt haben, als er selbst seine eigene Inthronisierungsrede beenden konnte.
nickellodeon 03.02.2019
3. Drei vereitelte
Putsche innerhalb 14 Jahren Reichen wohl nicht? Hunderttausend für Maduro, zweitausend für Guaido? Wow, was für eine überzeugende Opposition. Und man würde sich wünschen, die Machthaber in einer europäischen Hauptstadt würden mit so viel Augenmaß auf Demonstranten reagieren.
ezet 03.02.2019
4. Ziemlich sicher jetzt
Nicht nur in Caracas! Habe von Freunden in Bocono (ein Städtchen in den Anden) Videos erhalten. Tausende ziehen Fahnen schwenkend und tanzend durch die Strassen und rufen "Befreiung". Manche zerreissen oder verbrennen Chavez-Bilder. Es sieht aus wie ein Karneval. Weit und breit keine Ordnungskräfte mehr zu sehen. Die Pro-Maduro Manifestanten in Caracas rekrutieren sich aus Militär in Zivil und direkten Günstlingen aus der Partei der Kommunisten. Es sind nicht viele. Einige in den Medien verbreiteten Videos mit vollen Strassen von Maduro Befürwortern sind alte Aufnahmen aus alten Chavez-Zeiten.
r.wassmann 03.02.2019
5. Keine Einmischung in die Inneren Angelegenheiten anderer Länder
Deutschland und auch alle anderen Länder der Welt haben nicht das Recht, sich in die inneren Angelegenheiten von anderen Ländern einzumischen. Die USA haben sich in den vergangenen 60 Jahren in so vielen Ländern, die meistens einen demokratisch gewählten Staatschef hatten (siehe Chile) eingemischt und meistens ein Chaos hinterlassen. Die Europäer sollten endlich damit aufhören, sich zum Handlanger der USA zu degradieren! Reinhold Waßmann
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