Vereitelter Anschlag: USA fahren Terrorabwehr hoch

Schon wieder ein Anschlagsversuch, schon wieder führt die Spur in den Jemen: Nach den Bombenfunden in zwei UPS-Frachtmaschinen verschärfen die USA ihre Sicherheitsvorkehrungen im Luftverkehr. Laut der Polizei in Dubai weist die Bauart der Sprengsätze auf al-Qaida hin.

Washington - Nach dem mutmaßlichen Anschlagsversuch auf eine Synagoge in Chicago fahren die USA ihre Terrorabwehr hoch. Präsident Barack Obama hat die Kontrollen für Luftfracht verschärft. Die Sicherheitsvorkehrungen würden so lange aufrechterhalten "wie nötig". Obama nannte die beiden Pakete, die auf den Airports in Dubai und Großbritannien in Frachtmaschinen des Paketdienstes UPS sichergestellt wurden, eine "glaubhafte terroristische Bedrohung". Noch suchen die US-Behörden nach weiteren Frachtsendungen aus dem Jemen, die ebenfalls Paketbomben enthalten könnten.

Die britische Innenministerin Theresa May sagte am Samstag, auch in Großbritannien würden entsprechende Maßnahmen überprüft. Die für Personenkontrollen in Deutschland zuständige Bundespolizei erhöht nach eigenen Angaben ihre Sicherheitsvorkehrungen nicht. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere erklärte am Samstag in Berlin: "Die Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland liegen auf einem hohen und lageangepassten Niveau." Dieses werde man beibehalten, erklärte eine Sprecherin des Bundespolizeipräsidiums in Potsdam. Deutsche Behörden stünden in engem Kontakt mit den Sicherheitsdiensten anderer Länder. In Frankfurt bestätigte ein Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport, dass keine Anweisung ergangen sei, Luftfracht und Luftpost schärfer zu überwachen.

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mahnte jedoch zu erhöhter Wachsamkeit. "Wir befinden uns generell in einer Situation, in der es immer wieder Terroranschläge geben kann", sagte er am Samstag am Rande des CSU-Parteitags. "Für manche ist es abstrakt, aber es ist hoch konkret. Und es äußert sich manchmal an den entlegensten Orten dieser Erde. Deshalb müssen wir darauf unser Sicherheitsdenken einstellen."

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Terroralarm: Sprengstofffunde in Luftfrachtpaketen
Die Funde der beiden Sprengstoffpakete, die beide an die Synagoge adressiert waren, haben in den USA eine neue Debatte über die Sicherheit des Flugverkehrs ausgelöst. Bislang galt das Augenmerk der Sicherheitskräfte vornehmlich den Passagiermaschinen, der Luftfracht schenkten sie weniger Aufmerksamkeit. Experten befürchten jetzt, dass Terroristen genau diese Schwachstelle nutzen könnten, um Anschläge zu verüben. Nicht selten, so heißt es laut "New York Times" ("NYT") in Expertenkreisen, werde die Ladung eines Frachtflugzeugs nur durch einen Blick auf die Papiere überprüft. Dabei gelte die Formel: Je kleiner das Frachtgut, desto lückenhafter die Kontrolle.

Laut der Polizei in Dubai enthielt das dort abgefangene Paket aus dem Jemen einen Sprengsatz, dessen Bauart auf "terroristische Gruppen wie al-Qaida" hinweist. In dem Paket befand sich demnach ein Computerdrucker, dessen Tintenpatronen den hochexplosiven Sprengstoff PETN und Blei enthielten. "Der Sprengsatz ist auf professionelle Weise präpariert und mit einem Stromkreis versehen worden, der mit einer im Drucker versteckten SIM-Handykarte verbunden war", teilte die Polizei mit. Das Handy sollte offenbar als Zünder dienen. Bei dem anderen, in Großbritannien sichergestellten Paket diente offenbar eine Schaltuhr als Zünder. Nach Überzeugung von Experten hätte bei einer Explosion die Druckwelle mehrere Menschen töten können.

Paket wurde im Jemen mit FedEx aufgegeben

Mehrere britische und US-Medien berichteten am Samstag übereinstimmend, die Pakete aus dem Jemen seien nur durch Hinweise von Geheimdienstlern entdeckt worden und nicht, weil die regulären Sicherheitschecks alleine gegriffen hätten. Die Dubaier Polizei wurde eigenen Angaben zufolge vom internationalen Netzwerk zum Austausch von Informationen zwischen den Geheimdiensten auf verdächtige Pakete aus dem Jemen aufmerksam gemacht. Laut Obamas Anti-Terror-Berater John Brennan wurden die Pakete mit Hilfe des saudischen Geheimdienst gefunden. "Die USA danken dem (saudischen Anm. d. Red.) Königreich für seine Hilfe bei der Übermittlung von Informationen, die die unmittelbare Bedrohung aus dem Jemen deutlich gemacht haben", sagte Brennan. Auch Großbritannien, die Vereinigten Arabischen Emirate und "andere Freunde und Partner" hätten dazu beigetragen, die verdächtigen Pakete aufzuspüren.

Das Dubaier Paket war im Jemen bei dem US-Luftfrachtunternehmen FedEx aufgegeben worden. Der Paketdienst unterhält in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa ein Büro, das der Annahme von Sendungen für das Ausland dient. Einem jemenitischen Luftfrachtvertreter zufolge betreibt FedEx jedoch keine Flüge mit eigenen Maschinen aus dem Jemen. FedEx und der US-Frachtdienst UPS unterbrachen am Freitag alle Lieferungen aus dem Jemen.

Alles nur ein Test für einen größeren Anschlag?

US-Terrorexperten verdächtigen als Täter die Al-Qaida-Gruppe auf der Arabischen Halbinsel. Sie war bereits für den vereitelten Anschlag auf ein US-Passagierflugzeug an Weihnachten 2009 verantwortlich gemacht worden. Auch der damalige mutmaßliche Attentäter Umar Farouk Abdulmutallab hatte die explosive Substanz PETN genutzt. Der nigerianische Islamist versteckte die Bombe in seiner Unterwäsche.

Der Jemen gilt als neue Hochburg des in Afghanistan und Pakistan militärisch unter Druck geratenen Al-Qaida-Netzwerks. Terrorexperten sehen dessen jemenitischen Ableger seit längerem als aggressivsten Arm der Organisation. Ein Vertreter der US-Regierung und mehrere Analysten äußerten die Vermutung, dass die jetzt gefundenen Pakete nur ein Test der Extremisten sein könnten, um die Frachtkontrollen und die Reaktion der Sicherheitsbehörden zu prüfen.

Die Anschlagversuche schrecken die US-Bürger wenige Tage vor den Kongresswahlen auf. Der Wahlkampf wurde bislang nicht vom Thema Terrorismus bestimmt, sondern von der schleppenden Konjunkturentwicklung und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit. Analysten rechnen bisher damit, dass die Demokratische Partei im Repräsentantenhaus die Mehrheit verlieren wird. Nicht ausgeschlossen wird, dass die Republikaner nach der Wahl auch den Senat dominieren werden.

mik/har/Reuters/dpa/AP

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Was ist PETN?
Eigenschaften
PETN , auch Pentrit oder Nitropenta genannt wurde Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und kommt sowohl als Arzneimittel als auch als Sprengstoff zum Einsatz. Seit dem ersten Weltkrieg wird PETN beispielswise für Artilleriegeschosse verwendet. In den sechziger Jahren hat der tschechische Wissenschaftler Stanislav Brebera ein Verfahren entwickelt, den im Rohzustand farblosen kristallinen Sprengstoff zu plastifizieren. Der auf diese Weise hergestellte Plastiksprengstoff Semtex wird vom Militär, aber auch im Bergbau und der Bauwirtschaft eingesetzt.
Der Druckersprengsatz
In dem in England gefundenen Paket befand sich der Polizei zufolge ein Computerdrucker, dessen Tonerkatusche PETN und Blei enthielt. Den Sprengsatz beschreiben Experten als ein Werk von Spezialisten. Er wurde "auf professionelle Weise präpariert" und mit einem Stromkreis versehen, der mit einem im Drucker versteckten Handy verbunden war. Mehr zu den Paketbomben aus dem Jemen auf der Themenseite...
Die Unterwäsche-Bombe
Bereits bei dem vereitelten Anschlag auf ein US-Passagierflugzeug auf dem Flug von Amsterdam nach Detroit am ersten Weihnachtstag 2009 war PETN verwendet worden. Ein 23-jähriger Nigerianer hatte den Sprengstoff in seiner Unterwäsche eingenäht an Bord geschmuggelt. Der Sprengsatz funktionierte aber nicht richtig, der Attentäter erlitt schwere Verbrennungen und konnte überwältigt werden. Mehr zu dem Anschlagsversuch von Detroit auf der Themenseite...
Der Schuh-Attentäter
Auch beim "Schuh-Bomber" Richard Reid wurde PETN gefunden. Der Brite hatte kurz vor Weihnachten 2001 auf einem Flug von Paris nach Miami versucht, den in seinen Schuhen versteckten Sprengstoff zu zünden.

Interaktive Karte

Fläche: 536.869 km²

Bevölkerung: 24,053 Mio.

Hauptstadt: Sanaa

Staatsoberhaupt:
Abd Rabbuh Mansur al-Hadi

Regierungschef: Mohammed Basindawa (zurückgetreten); Khaled Bahah (nominiert)

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