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Verfassungsänderung: Homosexuelle fühlen sich von Bush verraten

Im Irak herrscht Chaos, die Nahost-Krise eskaliert, und jetzt das: George W. Bush drohen seine homosexuellen Wähler zu Hunderttausenden davon zu laufen. Den Plan des US-Präsidenten, gleichgeschlechtliche Ehen per Verfassungszusatz zu verbieten, finden sie gar nicht nett.

Lesben in Washington: Kulturkampf um Bushs Verfassungspläne
REUTERS

Lesben in Washington: Kulturkampf um Bushs Verfassungspläne

Washington - Sie sind in der Minderheit, aber es gibt sie doch: Homosexuelle, die bei der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 nicht für die Demokraten gestimmt haben, sondern für die Republikaner, die für Liberalität in Sachen Sexualität nicht eben berühmt sind. Immerhin 25 Prozent aller Schwulen und Lesben in den USA, mithin rund eine Million Wähler, haben Schätzungen zufolge George W. Bush zuletzt ihre Stimme gegeben.

Hätten sie gewusst, was der Texaner mit ihnen vorhaben würde, säße angesichts des knappen Wahlausgangs heute wohl der Demokrat Al Gore im Weißen Haus. Bush plant einen Verfassungszusatz, der gleichgeschlechtliche Ehen in den USA ein für allemal verhindern soll - und hat damit unter homosexuellen Republikanern einen Richtungsstreit über das Wahlverhalten bei der Präsidentschaftswahl im November dieses Jahres ausgelöst.

Ärger über Bushs Verrat

"Ich werde mich schwer tun, Bush zu folgen", sagte ein Teilnehmer des Jahrestreffens der Log Cabin Republicans, einer USA-weit aktiven Homosexuellen-Organisation, die Bush bei der letzten Wahl unterstützt hatte. "Ich weiß nicht, wie ich ihn guten Gewissens wählen soll. Bush hat sich von einer Organisation abgewandt, die ihm geholfen hat."

Aufmarsch von Schwulen und Lesben in Washington (Sommer 2000): Bushs Pläne spalten die Nation
AP

Aufmarsch von Schwulen und Lesben in Washington (Sommer 2000): Bushs Pläne spalten die Nation

Bushs Verfassungsplan hat die homosexuellen Konservativen tief gespalten. Die "Blockhütten-Republikaner" betonen zwar ihre Loyalität zu Partei und Vaterland, bekennen sich zu freier Marktwirtschaft, starker Armee und niedrigen Steuern. Doch zugleich gab die Homo-Organisation eine Million Dollar für eine Kampagne gegen Bushs Vorhaben aus.

"Die radikale Rechte hat einen Kulturkampf begonnen", heißt es auf der Webseite. "Die Log Cabin Republicans führen den Kampf zur Verteidigung unserer Verfassung." Unter anderem schaltete der Verband 30-sekündige TV-Spots, in denen Vizepräsident Richard Cheney mit einer Bemerkung von vor vier Jahren auftaucht: Jeder solle die Freiheit haben, eine Beziehung nach seinen Wünschen einzugehen.

"Kulturkampf mit Schwulen und Lesben an der Front"

Die Sorge über die geplante Verfassungsänderung, warnen die Führer der Log Cabin Republicans, beeinträchtige die Unterstützung für den Bush-Wahlkampf, auch in finanzieller Hinsicht. Die Wortwahl der Schwulen- und Lesbenvertreter ist mittlerweile ebenso martialisch wie die des Präsidenten in seinen Kriegsansprachen. "Die Nation ist mitten in einem Kulturkampf mit Schwulen und Lesben an vorderster Front", sagte Log-Cabin-Direktor Patrick Guerriero. "Wir haben all unsere Mittel und Energien verschoben, um zu verhindern, dass an der Verfassung herumgepfuscht wird."

US-Präsident George W. Bush: Dem bunten Treiben ein Ende
AP

US-Präsident George W. Bush: Dem bunten Treiben ein Ende

Chris Barron, politischer Direktor der Log Cabin Republicans, stellt die Wahlkampfhilfe für Bush mittlerweile offen in Frage. Eine Entscheidung werde der 23-köpfige Vorstand erst Ende August anlässlich des Republikaner-Parteitags in New York treffen. Bush habe die automatische Unterstützung der Organisation leichtfertig aufs Spiel gesetzt, hieß es.

Bush will dem bunten Treiben ein Ende setzen

Im Februar hatte der Oberste Gerichtshof von Massachusetts entschieden, ein Verbot von Homo-Ehen verstoße gegen die Verfassung. Bush nutzte das Urteil zu einem schnellen Vorstoß: Die Unsicherheit, die durch den Gerichtsentscheid und die Trauung Tausender Homosexueller in San Francisco ausgelöst worden sei, müsse beendet werden - indem die Ehe per Verfassungszusatz als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau definiert werde.

Ob das amerikanische Volk eine solche Maßnahme gutheißen würde, ist unklar. Zwar ist Umfragen zufolge eine knappe Mehrheit der Meinung, dass Hochzeiten von Homosexuellen die Institution der Ehe entwerten. Für einen Verfassungszusatz zum Schutz der Ehe ist dagegen keine Mehrheit in Sicht.

Bush und seine frommen Mitstreiter stört das wenig. "Nach mehr als zwei Jahrhunderten amerikanischer Rechtsprechung und Jahrtausenden menschlicher Erfahrung wollen eine handvoll Behörden und Richter die fundamentalste Institution der Zivilisation abändern", wetterte der Präsident.

Eheschließungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern müssten gestoppt werden, das Treiben der homosexuellen Paare in San Francisco unterbunden werden, sagte Bushs Sprecher Scott McClellan. "Der Präsident glaubt, dass die Ehe eine heilige Institution zwischen Mann und Frau ist."

Markus Becker

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