Verfassungsentwurf: Ägypten entscheidet über seine Zukunft
Für die Muslimbruderschaft und das Militär ist es ein wichtiger Schritt, um das Land nach ihren Vorstellungen gestalten zu können: In Ägypten beginnt an diesem Samstag die Volksabstimmung über den umstrittenen Verfassungsentwurf. Die Stimmung ist aufgeheizt - in Alexandria kam es zu Straßenschlachten.
Berlin/Kairo - Für eine Entscheidung mit möglicherweise derart weitreichenden Folgen geht alles extrem schnell. Vor nicht einmal zweieinhalb Wochen präsentierte Ägyptens Präsident Mohammed Mursi überraschend einen Verfassungsentwurf. Schon an diesem und am kommenden Samstag wird in zwei Runden darüber abgestimmt.
Die Opposition wurde von Mursi völlig überrumpelt. Sie hatte sich wenige Tage vor der Abstimmung noch nicht einmal entschieden, ob sie die Wahl boykottieren oder zum Nein-Stimmen aufrufen sollte. Hilflos wirkte, wie Mohamed ElBaradei, ägyptischer Liberaler und Ex-Chef der internationalen Atomenergiebehörde, in einem Fernsehinterview den Präsidenten darum bat, das Referendum doch noch einmal abzublasen. Bis zuletzt protestierte die Opposition gegen das Referendum. Die Nationale Heilsfront von ElBaradei organisierte noch am Freitag Demonstrationen, bei denen sie die Ägypter aufrief, mit "Nein" zu stimmen. Zugleich warb die Mursi nahe stehende Koalition Islamistischer Kräfte für den Verfassungsentwurf. Sie rief bei einer Kundgebung in der Hauptstadt Kairo dazu auf, für den Entwurf zu stimmen.
In Alexandria kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Lager. Auslöser der Gewalt war ein ultrakonservativer Geistlicher, der die Gläubigen in seiner Predigt zur Annahme des Entwurfs aufgefordert hatte. Augenzeugen sagten, Islamisten hätten Schwerter geschwungen, während Oppositionsanhänger Steine geworfen hätten. Mehrere Menschen wurden verletzt. Auch zwei Autos gingen in Flammen auf.
Neue Wahlen schon im Frühjahr?
Für die Muslimbruderschaft und die Generäle ist das Referendum ein wichtiger Schritt, um ein Land nach ihren Vorstellungen zu schaffen. Der Entwurf belässt das Militär weiterhin als Staat im Staat ohne zivile Kontrolle und mit eigener Wirtschaftsmacht. Den Muslimbrüdern öffnet der Verfassungsentwurf mit vagen Artikeln eine Hintertür, um ihren Einfluss auf die Gesellschaft Schritt für Schritt auszuweiten.
Ob sie und die Militärs damit durchkommen, wird allerdings auch nach der Abstimmung noch nicht endgültig entschieden sein. Es gilt zwar als wahrscheinlich, dass der Entwurf angenommen wird. Dennoch könnte er danach rechtlich angefochten und möglicherweise sogar annulliert werden. Die Verfassung wurde von einer Versammlung geschrieben, die als umstritten galt. Zudem wurde die Wahl extrem kurzfristig einberufen und dürfte daher nicht überall einwandfrei ablaufen. Viele Juristen, die eigentlich die Wahl überwachen sollten, sind im Streik.
Denkbar ist allerdings auch, dass das Militär und die Muslimbruderschaft durch das Referendum Fakten schaffen wollen - und mögliche rechtliche Einwände gegen die Verfassung anschließend nicht zulassen. In diesem Fall würden bereits auf Grundlage der neuen Verfassung im Frühjahr die nächsten Wahlen stattfinden.
mit Material von dapd
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- Samstag, 15.12.2012 – 07:18 Uhr
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Kritik: Richter, Christen und säkulare Parteien sind dagegen. Sie wollen, dass wie bisher die Richter, die in Ägypten auch islamisches Recht studiert haben, für die Auslegung der Scharia zuständig sind. Sie befürchten, dass die Religionsgelehrten zu einer "vierten Gewalt" mit großem Einfluss auf die Gesetzgebung werden.
Kritik: Den Gegnern geht dieser Artikel nicht weit genug. Sie wollen, dass außer den staatlichen Institutionen die Parteien in die Pflicht genommen werden. Zudem fordern sie, dass die Bestechung von Wählern mit Geld oder Sachspenden und der Missbrauch der Gotteshäuser im Wahlkampf ausdrücklich verboten werden.
Kritik: Viele Ägypter sind der Auffassung, dass diese zweite Kammer des Parlaments überflüssig und teuer ist und abgeschafft werden sollte.
Kritik: Nicht nur ehemalige Mitglieder der Partei des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak, auch einige unabhängige Persönlichkeiten sind der Meinung, dass man nicht alle NDP-Funktionäre über einen Kamm scheren solle. Sie werfen den Islamisten vor, sich mit diesem Artikel ihrer politischen Rivalen entledigen zu wollen. Die sogenannte Revolutionsjugend, die insgesamt gegen den Verfassungsentwurf ist, hat mit diesem Artikel jedoch kein Problem.
Fläche: 1.002.000 km²
Bevölkerung: 81,121 Mio.
Hauptstadt: Kairo
Staatsoberhaupt:
Mohammed Mursi
Regierungschef: Hischam Kandil
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