Vergangenheitsbewältigung in Spanien Ruhe unsanft, Diktator!

Menschen wurden brutal ermordet, Familien zerstört: Bis heute wirkt das Trauma des Bürgerkriegs in Spanien nach, in Massengräbern sind noch Tausende Tote verscharrt. Dem Kult um Diktator Franco an seiner monumentalen Grabstätte soll jedoch ein Ende gemacht werden.

SPIEGEL ONLINE

Aus Madrid berichtet


Bei seiner Arbeit umgeben ihn die Toten. Plastikkisten mit Skeletten stapeln sich in seinem Labor bis zur Decke. Luis Ríos, Anthropologe an der Freien Universität Madrid, hat die Boxen sorgfältig beschriftet: "Graben A, Individuum 1, Gruppe 1." Es sind nüchterne Fakten, hinter denen sich die schlimmsten Gräuel der spanischen Vergangenheit verbergen. Bis heute wühlt das brutale Geschehen von einst das Land auf.

Jede Kiste, jedes Skelett erzählt eine andere Geschichte von Gewalt und Unterdrückung. Die Knochen sind braun wie die Erde. Die Menschen, deren sterbliche Überreste hier aufbewahrt werden, waren Jahrzehnte in Massengräbern verscharrt. Sie starben während des spanischen Bürgerkriegs, der 1936 begann und drei Jahre dauerte, oder während der anschließenden brutalen Diktatur von Francisco Franco. Sie wurden verprügelt und ermordet, oder sie starben vor Hunger. Archäologen, Forensiker und Anthropologen wie Ríos geben den anonymen Opfern wieder Namen.

Die Fachleute untersuchen die Gebeine, vergleichen ihre Daten mit Fotografien und Dokumenten. Zum Schluss folgt ein DNA-Vergleich mit den Angehörigen; und vielleicht endlich eine richtige Bestattung. Doch es ist ein langer Prozess; wenn die Analyse ein Jahr dauert, ist das schnell. "Manche Familienmitglieder sterben, während sie auf das Ergebnis warten", sagt Ríos. Er ist Mitte 30, trägt ein Holzfällerhemd und spricht mit ruhiger Stimme. Früher haben sie sich in dem gefliesten Labor über Funde aus römischen Ruinen gebeugt. Heute brechen sie das Schweigen über die Verbrechen in ihrem eigenen Land. Mehr als 1800 Massengräber soll es in Spanien noch geben, darin wohl Zehntausende Tote.

In seiner Hand hält Ríos den Schädel einer Frau, ermordet an einem Sommertag 1936. Bis vor kurzem war sie noch das Individuum 1 aus Graben A, Gruppe 1, mit 84 weiteren Menschen in Magallón im Osten Spaniens verscharrt. Mit Hilfe eines DNA-Vergleichs mit den Angehörigen fanden die Wissenschaftler den Namen der Toten: Bienvenida, das bedeutet "Willkommen". Sie war 53 Jahre alt, als sie ermordet wurde, und hatte drei Kinder, nur ihr damals zehnjähriger Sohn überlebte. Zwei Löcher klaffen in ihrem Schädel. Sie wurde von hinten erschossen.

"Jeden Tag analysiere ich diese Skelette", sagt Anthropologe Ríos, "und immer wieder überrascht mich die Brutalität. Wie weit Menschen gehen können. Und wie sie mit ihrer Schuld leben können."

In Beton gegossene Demütigung

Die Schuldigen mussten sich allerdings nie vor Gericht verantworten. 1977, im Übergang zur Demokratie, verabschiedete Spanien ein Amnestiegesetz. Erst seit einigen Jahren fordern die Opfer der Diktatur immer lauter, dass die Geschichte doch noch aufgearbeitet wird, dass zumindest über die Gräueltaten offen gesprochen wird. Als mächtiges Symbol dieser Ungerechtigkeit gilt ihnen das "Valle de los Caídos", das monumentale Tal der Gefallenen etwa 50 Kilometer nordwestlich von Madrid. Es ist das größte Massengrab Spaniens.

Mit seinem 150 Meter hohen Betonkreuz ist es ein Denkmal für die Sieger des Bürgerkriegs - gebaut von Zwangsarbeitern - und eine Demütigung für die Opfer zugleich. Denn hier ruhen nicht nur Zehntausende Soldaten und der Diktator selbst, sondern auch viele, die gegen ihn kämpften.

Deren Angehörige verlangen, dass ihre Verwandten endlich exhumiert und an einem anderen Ort bestattet werden können, weit weg von dem Despoten. Auch Franco selbst soll fort. Offenbar hat die Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero tatsächlich erwogen, Franco umzubetten. Das berichtete die gut informierte Zeitung "El País" im Oktober.

Schon vor Monaten drängten alle politischen Parteien im Senat, außer der konservativen Volkspartei PP, "die Nabelschnur zum Franquismus" müsse durchtrennt und das "Monument der Demütigung in ein Monument der Bildung und Demokratie" umgewandelt werden. Der "Verein zur Wiedergewinnung der historischen Erinnerung" fragte in einem Brief an die Regierung im November: "Wie lange will der Staat die Opfer des Franquismus dazu zwingen, mit ihren Steuergeldern das Grab des Diktators zu finanzieren, der verantwortlich ist für den Mord an Zehntausenden Zivilisten und die Verfolgung von Millionen von Spaniern?"

Faschistengruß vor der Kuhweide

Das Valle de los Caídos ist ein schweres Erbe für die demokratischen Regierungen Spaniens. Obwohl im ganzen Land Plaketten zu Ehren Francos abgerissen, Reiterstatuen entfernt und Plätze umbenannt wurden, ist dieses Monument der autoritären Herrschaft geblieben.

Seit Jahren pilgern zu Francos Todestag am 20. November die Ewiggestrigen hierher, um ihrem faschistischen Helden zu huldigen. Auch in diesem Jahr - zum 35. Todestag - sind etwa hundert Menschen gekommen. Es ist ein sonniger Tag, im Hintergrund erheben sich die Gipfel schneebedeckter Berge, und vor dem Eingang rufen die Menschen frenetisch "Franco, Franco", den Arm zum faschistischen Gruß gereckt.

"Franco hat uns vom Kommunismus befreit, dann erhob er Spanien zu Weltruhm", brüstet sich ein Mann mit Zweifingerbart. Seit dem Tod des Diktators 1975 komme er jedes Jahr hierher. "Nur einmal habe ich den Jahrestag verpasst. Das war 1988, da war ich in Paris." Nach einer Stunde fahren in einiger Entfernung zwei Reisebusse vor, es sind Anti-Faschisten und Anti-Franquisten. Getrennt werden beide Gruppen nur von einer breiten Straße und der Polizei. Über deren Köpfe hinweg brüllen sie sich an: "Mörder", rufen die einen, "Leichenfledderer" die anderen. Vor Kuhweiden und Olivenbäumen eskaliert ein jahrzehntealter Streit.

Was geschieht mit dem Valle de los Caídos? Und was mit Francos sterblichen Überresten? Könnte er wirklich umgebettet werden, wie "El País" schreibt, und neben seiner Frau beerdigt werden?



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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
c.werner 16.01.2011
1. .
Zitat von sysopMenschen wurden brutal ermordet, Familien zerstört: Bis heute wirkt das Trauma des Bürgerkrieges in Spanien nach, in Massengräbern sind noch Tausende Tote verscharrt. Dem Kult um Diktator Franco an seiner monumentalen Grabstätte soll jedoch ein Ende gemacht werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,736233,00.html
Es wird auch Zeit und man ist es den Opfern schuldig.
menschärgerdich 16.01.2011
2. Einseitige Sichtweise
An die Opfer des span.Bürgerkrieges gedenken, ist nichts gegen zu sagen,aber muß es so einseitig sein? Denn gemordet hatten beide Seiten,im Buch Schwarzbuch des Kommunismus steht,die Nationalen mordeten zielgerichtet,während die Kommunisten wahllos mordeten.Auch die Morderei des sowj.NKWD sollte man nicht vergessen der auf republik.Seite immer mehr die Macht übernahm.Also es gibt keinen Grund zur Einseitigkeit.
onkel hape 16.01.2011
3. Franco...
...war ein ganz schlimmer Diktator und ein skrupelloser Massenmörder, der im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen ging. Die Blutspur, die er in den Jahren seiner Alleinherrschaft hinter sich gelassen hat, ist tief im Gedächtnis der Spanier verankert. Diesem Staatsterroristen kann und darf, genau wie dem Jahrhundert-Verbrecher Hitler, niemals vergeben werden. Der Kult, den Ewiggestrige um diesen verachtenswerten Menschen betreiben, ist völlig unverständlich u. sollte verboten werden. Man darf bei der Be-, Verurteilung Francos aber auch nicht die Rolle der katholischen/spanischen Kirche vergessen, die seine unzähligen Verbrechen geduldet, abgesegnet und in bewährter, abscheulicher Manier, wie immer, sich auf die Seite von "Gottgesandten" furchtbaren Staatslenkern geschlagen hat.
loeweneule, 16.01.2011
4. nee
Zitat von onkel hape...war ein ganz schlimmer Diktator und ein skrupelloser Massenmörder, der im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen ging. Die Blutspur, die er in den Jahren seiner Alleinherrschaft hinter sich gelassen hat, ist tief im Gedächtnis der Spanier verankert. Diesem Staatsterroristen kann und darf, genau wie dem Jahrhundert-Verbrecher Hitler, niemals vergeben werden. Der Kult, den Ewiggestrige um diesen verachtenswerten Menschen betreiben, ist völlig unverständlich u. sollte verboten werden. Man darf bei der Be-, Verurteilung Francos aber auch nicht die Rolle der katholischen/spanischen Kirche vergessen, die seine unzähligen Verbrechen geduldet, abgesegnet und in bewährter, abscheulicher Manier, wie immer, sich auf die Seite von "Gottgesandten" furchtbaren Staatslenkern geschlagen hat.
In der Tat. Ich erinnere mich noch sehr gut an Prozessionen in der Karwoche in Marbella 1967. Da marschierten reichlich "alte Kämpfer" uniformiert und mit reichlich Orden behangen, auf denen vielfach übrigens das Hakenkreuz prangte, mit den anderen Gläubigen. Meinem Vater, WK II-Teilnehmer und im Gegensatz zu vielen anderen aus dieser Generation erklärter Antifaschist und mir kam das Grausen. Aber ja, natürlich, Franco hat Spanien vor dem Kommunismus gerettet. Großartig!
schorschclowny 16.01.2011
5. Wider die Ewiggestrigen
Zitat von menschärgerdichAn die Opfer des span.Bürgerkrieges gedenken, ist nichts gegen zu sagen,aber muß es so einseitig sein? Denn gemordet hatten beide Seiten,im Buch Schwarzbuch des Kommunismus steht,die Nationalen mordeten zielgerichtet,während die Kommunisten wahllos mordeten.Auch die Morderei des sowj.NKWD sollte man nicht vergessen der auf republik.Seite immer mehr die Macht übernahm.Also es gibt keinen Grund zur Einseitigkeit.
Der Bericht ist die sensible Momentaufnahme von Opfern. Und wo sind die vielen Toten durch die Legion Condor? Wieviele Menschen starben allein durch die Bombardierung von Guernica, dem Symbol für den Anfang von Bombenterror? http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/0,1518,479393,00.html
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