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Vergeltung für Sanktionen: Putin verhängt Importstopp - und schadet Russlands Bürgern

Von Maxim Kireev, Moskau

Präsident Putin: Drohen und schönreden Zur Großansicht
AP

Präsident Putin: Drohen und schönreden

Der Handelskrieg zwischen Russland und der EU eskaliert. Nachdem die EU ihre Sanktionen verschärft hat, verhängt der Kreml jetzt Importverbote. Es soll eine Demonstration der Stärke sein.

Russlands Präsident Wladimir Putin reagiert auf die Sanktionen von USA und EU derzeit mit zwei Strategien. Die erste lautet: drohen. Sie richtet sich gegen die Widersacher im Ausland.

Am Mittwochabend hat der Kreml Einfuhrverbote und -begrenzungen für zahlreiche Waren aus Europa verhängt. Betroffen seien Agrarprodukte, Rohstoffe und Lebensmittel aus jenen Länder, die im Ukraine-Konflikt Sanktionen gegen Moskau erlassen hätten, teilte Putin per Dekret mit.

Die Verbote, die für ein Jahr gelten sollen, sind nicht die ersten Vergeltungsmaßnahmen, die der Kreml gegen die westlichen Sanktionen ankündigt. So sollten sich Krankenhäuser bald auf ein Importverbot von Medizintechnik einstellen, und Behörden und Kommunen müssen seit Kurzem auf ausländische Dienstwagen, Busse und Straßenbahnen verzichten.

Die zweite Anti-Sanktions-Strategie betrifft den Umgang mit den eigenen Bürgern. Sie lautet: schönreden. So haben Politiker und Kreml-nahe Experten die Sanktionen des Westens zuletzt oft als "Russlands Rettung" dargestellt. "Das ist eine fantastische Chance, sich endlich der eigenen Wirtschaft zu widmen", sagte Vizepremier Dmitri Rogosin kürzlich. "Eine Chance auf eine vollständige Reindustrialisierung des Landes." Ausländische Konkurrenz ist seiner Argumentation nach schlecht für die eigene Industrie. Russland sollte besser alles selber herstellen - wie einst zu Sowjetzeiten.

Putin gibt sich selbstsicher angesichts westlicher Sanktionen. Doch tatsächlich ist die Lage bedenklich. Die wirtschaftlichen Folgen sind weit schlimmer, als Moskau zugibt. Und sie könnten sich durch die angedrohten Gegenmaßnahmen noch einmal verschärfen.

"Die Reaktion des Kremls hat nichts mit ökonomischer Vernunft zu tun", sagt der Moskauer Finanzexperte Slava Rabinovich. Russland sei bereit, "einen Handelskrieg anzuzetteln", sorgt sich Natalia Orlowa, Chefökonomin der privaten Alfa-Bank.

Unternehmer bangen um günstige Kredite

Russlands Wirtschaftswachstum ist im laufenden Jahr kaum messbar, Schätzungen zufolge wird es sich auf 0,5 Prozent belaufen. Schon die kurzfristigen Effekte der Sanktionen könnten es um 0,2 Prozentpunkte schmälern, schreiben Analysten der Bank Uralsib. Die staatliche Vneshekonom-Bank fürchtet eine Rezession im kommenden Jahr.

Durch die gestörten Handelsströme drohen unter anderem die Verbraucherpreise zu steigen. "Die Inflationsrate könnte im laufenden Jahr um 2,5 Prozentpunkte auf 7,5 Prozent zulegen", schätzen Experten der Investmentgesellschaft VTB Capital. Mögliche russische Gegenmaßnahmen sind in diese Rechnung schon eingepreist.

Russlands Industrie indes wird durch die Sanktionen nur kurzfristig angekurbelt. Anfang des Sommers hatten HSBC-Experten tatsächlich eine Belebung in der russischen Industrie festgestellt. Der Grund waren die fehlenden Importe aus der Ukraine. Doch das Produktionsplus wird sich nicht durchhalten lassen. Denn für weitere Investitionen fehlt den Unternehmen das Geld.

Wirtschaft könnte um bis zu drei Prozent schrumpfen

Mit seinen Sanktionen gegen den russischen Banken- und Finanzsektor trifft der Westen eine Achillesferse der russischen Wirtschaft. Insbesondere Großkonzerne und Banken haben sich bislang gern im Ausland mit Krediten eingedeckt, zu Zinssätzen um die drei Prozent. In Russland müssen sie Zinssätze von 15 Prozent und mehr zahlen. Über Jahre haben russische Unternehmen im Ausland gut 370 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten angehäuft. Nun sind ihre Finanztransaktionen im Ausland stark eingeschränkt. EU und USA drehen den russischen Firmen praktisch den Geldhahn zu.

"Weil der Zugang zum Kapital erschwert wurde, sinken unsere Investitionen, während die Ausgaben steigen", sagte Wagit Alekperow, Miteigentümer und Chef des Ölförderers Lukoil, kürzlich.

Nach Angaben der Finanzagentur Bloomberg hat im Juli kein einziges russisches Unternehmen mehr ein Darlehen in Dollar oder Euro aufgenommen - das erste Mal seit fünf Jahren. "Westliche Finanzkonzerne sind bei Sanktionen äußerst vorsichtig und wollen mit etwas potenziell Toxischem möglichst wenig zu tun haben", sagt Finanzexperte Rabinovich. Der akzeptable Ruf, den sich Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion mühsam erarbeitet habe, sei ruiniert.

Und das ist erst der Anfang. Sollte sich der Finanzkrieg zwischen Putin und dem Westen verschlimmern, könnte die Wirtschaftsleistung gar um zwei bis drei Prozent sinken, erklärte Jewgenij Jasin, der wissenschaftliche Leiter der Moskauer Hochschule für Ökonomie, kürzlich. Die Behauptung, Russland würde von den Sanktionen profitieren, könne man daher "als Ökonom eigentlich nicht ernsthaft kommentieren", sagt Rabinovich.

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1. Putin schließt sich...
jurahase 06.08.2014
... in seinem Kinderzimmer ein, wirft mit Bauklötzen und kommt auch nicht zum Essen an den Tisch. Man könnte darüber schmunzeln, wenn man nicht wüsste, dass Menschen mit kleinem Ego besonders unberechenbar sind...
2. Putin zieht sich...
Edgard 06.08.2014
... selbst den Teppich unter den Füßen weg und sägt dabei noch am eigenen Ast - beidhändig. "So sollten sich Krankenhäuser bald auf ein Importverbot von Medizintechnik einstellen" - das muß man sich bei dem sowieso schon desolaten Zustand des russischen Gesundheitswesens auf der Zunge zergehen lassen - dieser großmachtssüchtige Autokrat läßt seine eigenen Landsleute verrecken - un d will damit augenscheinlich den Haß auf den Westen schüren. Dieser Mann und seine willfährigen Helfer - Militärs, die russisch-orthodoxe Kirche und die ihm treuen Oligarchen haben mit dem westlichen Kulturkreis nichts gemein. Ich hoffe das russische Volk wacht früh genug auf.
3. Das wird den russischen Normalverbraucher aber nicht freuen wenn er auf all die Schmankerln verzichten muss.
rexsayer 06.08.2014
Da muss Putin gar nicht mehr zur nächsten Scheinwahl antreten.
4.
Eisbär 06.08.2014
Wenn es nicht einen so ernsten Hintergrund hätte, wäre es schon fast komisch: Putin verhängt Sanktionen gegen Russlands Wirtschaft!
5. Nicht das erste Mal...
SteveCrj 06.08.2014
... dass ein geltungssüchtiger und selbstverliebter Mensch mit ausgeprägtem Selbstinszenierungsdrang eine ganze Nation ruiniert. Und das hier nur, weil man das (nie wirklich funktioniert habende) Gebilde "Sowjetunion" vermisst. Wie im Artikel beschrieben, wurde Russland in den vergangenen Jahren für den Westen ein vertrauenswürdiger Partner, auch wenn man (Gott sei Dank) nicht immer über alles ein- und derselben Meinung war. Der jetzige Kurs führt Russland jedoch in die völlige Isolation und man kann nur darüber mit dem Kopf schütteln, was dort mittlerweile vorgeht. Systematisch und teils grotesk lächerlich manipulierte Presse, staatlich geförderte Anfeindung von Minderheiten, Ausschalten der Meinungsfreiheit, Unterdrücken und Zensur sozialer Netzwerke, etc.. Auch China und andere Staaten werden kritisch beäugen, was in Russland weiter so vorgeht. Diese Staaten machen zwar gerne Geschäfte, aber nicht mit Risikopartnern.
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