Sexuelle Übergriffe in der US Army Der Feind in meiner Einheit

Im Einsatz kämpfen sie gemeinsam mit den Männern - doch zurück im Camp werden Soldatinnen der US-Armee oft Opfer von Gewalt. Auf viele tausend Fälle schätzt die Führung die Zahl sexueller Übergriffe pro Jahr. Ein Kunstprojekt in Chicago hilft traumatisierten Frauen, das Unsagbare zu sagen.

Aus Chicago berichtet Till Mayer


13 Uniformhemden hängen an der Leine. Wie nach der Wäsche. Frisch, sauber - bis auf die Aufschrift. Es sind Sätze voll unfassbarer Grausamkeit. Kriegserlebnisse sind nicht auszulöschen, das ist die Botschaft eines Ausstellungsprojekts im National Veterans Art Museum von Chicago.

Auf den Hemden berichten Veteraninnen und zwei ehemalige Soldaten über ihre Kriegserlebnisse. Mit dickem schwarzen Stift und manchmal bunter Farbe. Sie erzählen von den Schrecken des Kriegs und Vergewaltigungen. Über ein Kind, das unter die Räder eines Army-Trucks gerät. "Hump, hump", umschreibt die Künstlerin das kurze Holpern der Räder. "Doch unser Commander verbot uns zu halten." So lauten die Einsatzregeln, die verhindern sollen, dass die Soldaten in einen Hinterhalt geraten.

Die Regeln der Armee konnten nicht verhindern, dass Kameraden der Künstlerin alles nahmen, was sie ihr nur nehmen konnten - und sie danach wie "menschlichen Abfall" liegen ließen. "Each took their turn with me", steht auf ihrer Uniform. Einer ihrer Kameraden nach dem anderen hat sie vergewaltigt. Männer, mit denen sie im Irak gedient hat. Denen sie vertraut hatte. Neben ihrer Anklage hat die Ex-Soldatin eine schreiende Frau gemalt, mit einem vor Angst verzerrten, fast gespenstisch wirkenden Gesicht.

Zwölf Uniformen, zwölf Schicksale

Ein weiteres Hemd stammt von Kosovo-Veteranin Sabrina Waller. Auch sie zeigt "ihre" Uniform und bereut es schon in der gleichen Sekunde. "Wir wollen doch anonym bleiben", sagt sie und lässt das Hemd los. Das Interview kostet die 34-Jährige sichtlich Kraft, es ist das erste Mal, dass sie öffentlich über ihr Leid spricht. Sie steht vor den Tarnanzügen, mitten im Ausstellungsraum und wirkt unsagbar allein, unsagbar verloren.

Zwölf Uniformen, zwölf Schicksale. Die Jacken sind auf links gedreht, das Innerste wird nach außen gekehrt - und erhebt so Anklage. Das Konzept stammt von einer ehemaligen Angehörigen der US-Marines, Regina Vasquez heißt sie, ebenfalls eine Betroffene. Oder besser eine Überlebende.

Die Anonymität soll sagen: Das sind keine Einzelfälle, sie stehen vielmehr für ein wahres Heer von Betroffenen. Eine von drei US-Soldatinnen leidet laut einer Studie aus dem Jahr 2003 an den Folgen von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen während ihrer Dienstzeit. Auch Sabrina Waller musste sich nach ihrer Dienstzeit für Monate in einer Nervenklinik behandeln lassen.

Tausende sexuelle Übergriffe in der US Army jedes Jahr

2010 wurden 3158 sexuelle Übergriffe in den US-Streitkräften angezeigt. Doch das Pentagon geht von einer Dunkelziffer aus, die wohl eher bei 19.000 Fällen liegt. Auch Männer sind Opfer. Nur 21 Prozent der gemeldeten Fälle kamen vor ein Militärgericht. In 53 Prozent der Verfahren kam es dabei zu Verurteilungen.

"The Boys Club doesn't like pink", hat eine andere Veteranin auf die Uniform gemalt - die Jungs mögen Rosa nicht. Als "blauäugiges High-School-Kid" war Waller in die Armee eingetreten. Fünf Dienstjahre später beschreibt sie sich selbst so: "Traumatisiert, unter schwerer Medikation stehend und von Schuldgefühlen beherrscht."

"Ja, die Jungs mögen kein Rosa", wiederholt Sabrina Waller. "Als Frau musste ich immer doppelt beweisen, wie hart im Nehmen ich war. Bloß nicht in den Verdacht geraten, eine Tussi zu sein. Wen wundert es, dass sich da besonders die weiblichen Vorgesetzten als harte Knochen zeigen wollten. Nur keine Schwäche und Angst zeigen", sagt die 34-Jährige. Sie schwieg damals über das, was ihr widerfuhr - über den sexuellen Übergriff eines "Kameraden".

Heute erzählt sie von ihrem Einsatz auf einem Flugzeugträger in der Adria im Rahmen des Kosovo-Kriegs. Von monatelanger Enge. Davon, wie sie die Kampfflieger für ihren Einsatz bereit gemacht haben. Wie sie die gelb lackierten Testbomben mit scharfer Munition ersetzten.

Fragen über den Sinn des Kriegs, die sie heute verfolgen

"Wir haben funktioniert wie Maschinen. Wie Zahnräder in einer unglaublich großen Maschinerie", sagt die Veteranin. "Es blieb nicht einmal die Zeit, darüber nachzudenken, was wir da eigentlich taten. Was die Bomben anrichten werden. Wie viele Menschenleben sie fordern. Oder ob dieser Krieg gerecht war", meint die junge Frau. Fragen, die sie heute verfolgen.

Politik war für den Teenager Sabrina Waller kein Thema, als sie bei der Navy anheuerte. Dort versprach man ihr eine Ausbildung, ein College-Stipendium. In einem Land, in dem junge Menschen nach ihrem Studium nicht selten 100.000 Dollar Schulden abtragen müssen, sind das gewichtige Argumente. Sabrina Waller stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Sie zog die Uniform an und ließ sich zur Elektronikerin ausbilden.

"Heute sehe ich, welchen Einfluss die Rüstungsindustrie hat. Immer scheint ein Krieg für die Wirtschaft der USA nötig zu sein. Das Kanonenfutter dafür findet sich in der Arbeiterschicht. Sie riskieren ihr Leben, um Milliardäre noch reicher zu machen. Was für eine Schande", sagt die 34-Jährige.

Ihr Sohn Nico ist elf Jahre alt. Wenn es nach seiner Mutter geht, soll er nie eine Uniform tragen. Kritisch soll er denken, statt auf Befehl zu töten. Manchmal hat sie Angst, als Mutter nicht stark genug zu sein. Wenn Depressionen sie lähmen und ihr jede Lebensfreude, jede Energie rauben. Vielleicht ist das ihre größte Furcht. Doch ihr Sohn, darauf ist sie stolz, entwickelt sich prächtig.

Pillen für eine Nacht ohne Alpträume

Schräg gegenüber von den Uniformhemden ragen mehrere Arme aus Gips aus der Wand. Eine Skulptur, die ein guter Freund von Sabrina Waller geschaffen hat, Edgar Gonzalez-Baeza, ein Irak-Veteran. Der 31-Jährige gehört zu den wenigen Männern, die Sabrinas Geschichte kennen. "Eigentlich hab ich es für sie gemacht", sagt Edgar. Die Gipsarme in seinem Werk stehen in Abwehrhaltung: "Schutz suchend, abwehrend und klammernd."

Erst beim zweiten Blick sieht man, dass an manchen Armen die Hand fehlt, an anderen die Finger.

Zusammen mit Barry Romo, einem Vietnam-Veteran, ist Edgar ins Museum gekommen, um Sabrina Waller vom Interview abzuholen. Das Trio steht inmitten der Sammlung bedrückender Kunstwerke. Darunter Schwarzweiß-Fotos, auf denen sich ein Soldat mit leeren Augen eine Pistole in den Mund steckt. Laut aktuellen Zahlen begehen mehr US-Soldaten Selbstmord als im Krieg fallen. Auch ein Leichnam aus Eisen auf einem Haufen Sand ist zu sehen. Und ein Brief von Eltern, deren Tochter sich nach ihrem Einsatz das Leben nahm. Auch sie wurde von einem "Kameraden" vergewaltigt.

Vor einem Medikamenten-Schränkchen bleiben die drei noch einmal stehen. Es ist gefüllt mit Psychopharmaka und Fetzen aus Uniformstoff, die wie Erbrochenes wirken. Die Pillen kennen die drei ehemaligen Kämpfer allzu gut. "Hat uns im Rekrutierungsbüro keiner gesagt", murmelt Barry Romo, "dass man die Dinger nach dem Einsatz schlucken muss, wenn man die Nacht ohne Alpträume durchschlafen will."



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Seite 1
mcghee 31.07.2012
1. Die Regel!
Das ist keine Ausnahme von der Regel. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Terre de Femmes wird in Deutschland alle zweieinhalb Tage eine Frau durch ihren Partner getötet. In den USA wurde jede fünfte Frau einmal vergewaltigt. (http://www.alternet.org/newsandviews/article/748316/study:_1_in_5_u.s._women_has_been_raped,_even_more_have_been_abused/)
membot 31.07.2012
2. titel
---Zitat--- "Heute sehe ich, welchen Einfluss die Rüstungsindustrie hat. Immer scheint ein Krieg für die Wirtschaft der USA nötig zu sein. Das Kanonenfutter dafür findet sich in der Arbeiterschicht. Sie riskieren ihr Leben, um Milliardäre noch reicher zu machen. Was für eine Schande", sagt die 34-Jährige. ---Zitatende--- Schade, dass die meisten Leute erst dann darüber nachdenken, wenn es zu spät ist. Hätte sie sich das einmal früher überlegt, wäre vielen Menschen Leid erspart worden.
F.X.Fischer 31.07.2012
3. Überlegen
Zitat von membotSchade, dass die meisten Leute erst dann darüber nachdenken, wenn es zu spät ist. Hätte sie sich das einmal früher überlegt, wäre vielen Menschen Leid erspart worden.
Und zu welchem Ergebnis wäre besagte Veteranin bei früherem Überlegen im Kosovo-Krieg denn gekommen? Jenen letzten Teil-Konflikt der Kette von Balkankriegen, in deren Lauf auch die einst sehr lautstarken und von sich restlos überzeugten deutschen Pazifisten Jahr für Jahr stiller und verunsicherter wurden und an deren Ende gerade ein grüner Außenminister erstmals deutsche Soldaten in einen Krieg, - streng genommen in einen Angriffskrieg, schickte!?
oliver_indris@yahoo.de 31.07.2012
4. optional
Ich mag echt die Leute, die hinterher immer sagen: Das hätte man vorher wissen müssen. Die sind echt hilfreich und wirklich schlau. Hat mir auch schon oft geholfen, so etwas ... In dem Artikel wird das Dilemma aufgezeigt; Die Arbeiterklasse will raus aus der Gefangenschaft. Dazu braucht es ein Studium. Das kostet viel Geld, dass die Reichen gehortet haben. Da gibt es halt nur die Armee ...
vincenoir 31.07.2012
5. Etwas relativieren
Zitat von mcgheeDas ist keine Ausnahme von der Regel. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Terre de Femmes wird in Deutschland alle zweieinhalb Tage eine Frau durch ihren Partner getötet. In den USA wurde jede fünfte Frau einmal vergewaltigt. (http://www.alternet.org/newsandviews/article/748316/study:_1_in_5_u.s._women_has_been_raped,_even_more_have_been_abused/)
Laut Statistik des Bundeskriminalamtes starben 2007 etwa 362 Frauen durch Mord oder Totschlag - egal, ob der Täter der Partner, die Partnerin oder sonstwer war. Im gesamten Jahr 2007 starben 436.000 Frauen in Deutschland. Damit können 0,08 Prozent aller 2007 verstorbenen Frauen als Opfer von Gewaltdelikten gelten. Und nur mal so: Das Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden, ist für Männer doppelt so hoch wie für Frauen. Allerdings sind hier meist nicht Partner die Täter. Wobei bei Beziehungsmorden mit weiblichen Tätern die Dunkelziffer signifikant sein dürfte, da bevorzugt weibliche Mordmethoden (Vergiftung, Medikamentenmanipulation) durch einen unbedarften Arzt besonders schlecht erkannt werden.
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