Sexistische Politiker in Indien: "Jeans und T-Shirt sind nicht gut für Frauen"

Von , Islamabad

Indien ist in Aufruhr, Tausende protestieren gegen Vergewaltigungen - und doch werden immer neue Übergriffe bekannt. Nun deuten zwei Provinzminister an, Frauen seien selbst schuld, wenn ihnen sexuelle Gewalt angetan wird.

Indische Frauen bei einer Protestaktion gegen Vergewaltigungen: Landesweite Debatte Zur Großansicht
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Indische Frauen bei einer Protestaktion gegen Vergewaltigungen: Landesweite Debatte

Wieder macht ein indischer Politiker in der Debatte über sexuelle Gewalt gegen Frauen in Indien mit irritierenden Worten auf sich aufmerksam: Babulal Gaur, 62, Minister für Stadtentwicklung im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh, mag keine Frauen in Jeans und T-Shirt.

"Frauen in fremden Ländern tragen Jeans und T-Shirts, tanzen mit Männern und trinken sogar Alkohol, aber das ist ihre Kultur. Sie mag gut für sie sein, aber nicht für Indien, wo nur unsere Traditionen und unsere Kultur akzeptabel sind", zitiert die indische Nachrichtenagentur PTI Gaur am Montag. Um zu unterstreichen, dass auch indische Frauen das so sähen, fügt der Minister, Mitglied der hindunationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP), hinzu: "Lassen wir die Frauen doch selbst entscheiden, was gut und was schlecht für sie ist."

Zuvor hatte bereits sein Parteifreund und Kabinettskollege, der Industrieminister der Provinz, Kailash Vijayvargiya, 56, für Kritik gesorgt, weil er gesagt hatte, Frauen müssten sich zu benehmen wissen. Frauen, "die ihre Grenzen überschreiten", müssten dafür "einen Preis zahlen", hatte er gesagt und dabei auf das indische Nationalepos Ramayana verwiesen. Darin wird die Königstochter Sita, die als treulos gilt, vom Dämon Ravana entführt. Genau wie Sita müsse sich jede Frau ihrer Strafe stellen, wenn sie ihre Grenzen überschreite, sagte Vijayvargiya dem Nachrichtenmagazin "India Today" zufolge.

"Frauen sind verpflichtet, für ihre Männer zu sorgen"

Die Aussagen kommen nach wochenlangen Protesten in Indien, nachdem am 16. Dezember eine 23-jährige Frau in Neu-Delhi in einem Bus von sechs Männern vergewaltigt worden war. Sie und ihr Freund wurden anschließend aus dem Fahrzeug geworfen. Die Frau starb 13 Tage später in einem Krankenhaus, der Mann überlebte schwer verletzt. Die mutmaßlichen Täter sind unter anderem wegen Mordes und Vergewaltigung angeklagt, ihnen droht im schlimmsten Fall die Todesstrafe.

Der Vorfall hat eine landesweite Debatte ausgelöst über den Umgang der indischen Gesellschaft mit ihren Frauen. Indien gilt schon seit langem als frauenfeindlich. Die Hauptstadt Neu-Delhi nimmt dabei eine besonders unrühmliche Stellung ein: Sie gilt auch als Hauptstadt der Vergewaltigungen. Dort werden mehr sexuelle Übergriffe registriert als in Mumbai, Kalkutta, Chennai und Bangalore zusammen. Als Grund dafür sehen Beobachter die Macho-Kultur Nordindiens, aber auch ein augenfälliges Missverhältnis zwischen Männern und Frauen: Auf 1000 Männer kommen in Neu-Delhi lediglich 866 Frauen.

In dieser hitzigen Debatte zeigen auch andere indische Politiker mit sexistischen und frauenfeindlichen Bemerkungen ihre wahre Gesinnung. Mohan Bhagwat, 62, Chef der radikalhinduistischen RSS, sagte in den vergangenen Tagen mehrmals, Frauen seien durch die Ehe dazu verpflichtet, für ihre Ehemänner zu sorgen. Männer würden das Haus verlassen, arbeiten und Geld für die Frauen und die Kinder verdienen. Frauen sollten zu Hause bleiben und den Haushalt ordnen. Auf dem Lande sei das der Fall, in den Städten weniger.

Minister wütend über frauenfeindliche Kollegen

Daher kämen Vergewaltigungen nur in den Städten vor, nicht in ländlichen Gebieten - eine Aussage, die nicht stimmt, zumal Vergewaltigungen oft nicht zur Anzeige kommen, weil die Frauen weitere sexuelle Übergriffe durch die Polizei fürchten. Wie Gaur machte auch Bhagwat die "Übernahme westlicher Kultur in der indischen Gesellschaft" für eine "Erosion traditionell indischer Werte" verantwortlich, was letztlich die Ursache für sexuelle Gewalt sei.

Der indische Politiker Botsa Satyanarayana, 54, erklärte mit Blick auf die Vergewaltigung der 23-Jährigen, es sei "unangemessen", wenn Frauen sich nach Mitternacht in der Öffentlichkeit bewegten. Tatsächlich war die junge Frau gegen 21.30 Uhr in den Bus gestiegen.

Aus Verärgerung über die anhaltend sexistischen Aussagen von Politikern gab sich der Minister für ländliche Entwicklung, Jairam Ramesh, fassungslos. "Frauenfeindliche Politiker haben keinen Platz in einer Demokratie", erklärte er. "Jeder, der solche Bemerkungen macht, sollte aufgefordert werden, seinen Posten zu räumen."

Die Gewalt gegen Frauen in Indien lässt derzeit nicht nach, wird jetzt aber von indischen wie internationalen Medien aufmerksamer registriert. Am Wochenende wurde bekannt, dass erneut eine Gruppe von Männern eine Frau vergewaltigt haben soll. Die Frau hat sieben Männer angezeigt, weil sie sie in der Nacht auf Samstag missbraucht haben sollen.

Am Montag berichten indische Medien über einen weiteren Fall von Massenvergewaltigung. Eine 32-Jährige, die in einem Zug Richtung Neu-Delhi unterwegs war, wurde von einer Gruppe von Männern in eine Mangoplantage gezerrt und dort vergewaltigt und erwürgt. Ihre Leiche sei am späten Samstagabend in einem Mangobaum hängend entdeckt worden. Die Polizei habe Alkoholflaschen am Tatort gefunden. Die Täter sind bislang unbekannt.

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1.
meinmein 14.01.2013
Zitat von sysopAPIndien ist in Aufruhr, Tausende protestieren gegen Vergewaltigungen - und doch werden immer neue Übergriffe bekannt. Nun deuten zwei Provinzminister an, Frauen seien selbst schuld, wenn ihnen sexuelle Gewalt angetan wird. http://www.spiegel.de/politik/ausland/vergewaltigungen-in-indien-sexismus-bei-politikern-empoert-buerger-a-877307.html
Wie dumm von denen. Stellen sich genau in die Schusslinie. Diese "Revolution" war schon lange überfällig und auch in den islamisch geprägten Ländern wird das noch kommen.
2. indien
martin-z. 14.01.2013
hat 1mrd einwohner. jetzt haben 2 (!) bekloppte eine meinung geäussert die so absurd ist, dass sie niemand ernst nimmt. spiegel ist es trotzdem eine meldung wert....
3. Das wahre Gesicht
robertemkerfeld 14.01.2013
Hier wird offensichtlich, dass westliche Werte, wie Freiheit und Gleichheit, in Wahrheit gar nicht geteilt werden. In Wahrheit sollen die Frauen nach Ansicht dieser Politiker weiter unterdrückt werden und die logische Konsequenz, nämlich ihnen das Wahlrecht zu entziehen, ist nur noch nicht umgesetzt. Wahrscheinlich möchten diese Leute gar keine Demokratie, sondern zurück zu dem Kastensystem, welches ihrer "Kultur und Tradition" entspricht, von der ja nicht abgewichen werden darf.
4. Tradition
reutter 14.01.2013
Schöne Demokratie, in der mit Tradition, uralter Kultur und womöglich im Namen irgendwelcher Ehre ursprüngliche Menschenrechte ausgehebelt werden sollen; und Schuld sind immer die Betroffenen selbst!
5. Indien mag ein IT Industrie besitzen
localpatriot 14.01.2013
Zitat von martin-z.hat 1mrd einwohner. jetzt haben 2 (!) bekloppte eine meinung geäussert die so absurd ist, dass sie niemand ernst nimmt. spiegel ist es trotzdem eine meldung wert....
Indien ist Nr 1 in der IT Welt aber es gibt immer noch 300 Millionen von Analphabeten und 190 Millonen Unberuehrbare. Also man kann erwarten dass ein grosser Teil der Bevoelkerung unheimlich rueckstaendig ist. In Europa war es frueher auch so, nur hatten die keine Computer und sie konnten natuerlich weder lesen noch schreiben.
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Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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