Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Vergewaltigungsvorwürfe: Strauss-Kahn bereitet Euro-Rettern Sorgen

Eigentlich wollte er wegen der Griechen-Krise nach Europa jetten, zu Kanzlerin Merkel und den EU-Finanzministern. Doch nun sitzt IWF-Chef Strauss-Kahn im Gefängnis. Gefährden die Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn auch die Euro-Rettung?

IWF-Chef Strauss-Kahn: Wer kann seinen Job übernehmen? Zur Großansicht
dapd

IWF-Chef Strauss-Kahn: Wer kann seinen Job übernehmen?

Washington/Berlin - Den guten Zeitpunkt für eine Sex-Affäre kann es nicht geben. Aber Dominique Strauss-Kahn, der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), hat sich nun auch noch die denkbar schlechteste Zeit ausgesucht. Ausgerechnet jetzt, wo IWF und Europäer mit einer neuerlichen Verschärfung der griechischen Schuldenkrise zu ringen haben.

Fast tragikomisch mag es erscheinen, dass Strauss-Kahn wegen der Vergewaltigungsvorwürfe just in jenem Flugzeug verhaftet worden ist, das ihn nach Europa bringen sollte - um die griechische Krise zu bekämpfen.

An diesem Sonntag noch sollte er Kanzlerin Angela Merkel in dieser Angelegenheit treffen. Am Montag und Dienstag war er in Brüssel erwartet worden, wo die EU-Finanzminister das Rettungspaket für Portugal beschließen wollen. Der IWF steuert ein Drittel des Milliarden-Rettungspakets für Griechenland bei. Strauss-Kahns geplante Gespräche in Berlin und Brüssel galten als Indiz für den Ernst der Lage des von der Pleite bedrohten Landes.

Strauss-Kahn im Knast, nächstes Rettungspaket in Arbeit

Mehr und mehr gerät das Land unter Druck. Vor gut einem Jahr ist der 110-Milliarden-Euro-Rettungsschirm über Griechenland gespannt worden. Doch die Wahrscheinlichkeit eines Staatsbankrotts ist seitdem sogar noch gestiegen. Jetzt wird im Hintergrund schon am nächsten Mega-Kreditpaket gebastelt, von neuen Spar- und Reformauflagen für die Griechen ist die Rede.

Fotostrecke

16  Bilder
IWF-Chef Strauss-Kahn: Festnahme auf dem Flughafen
Ausgerechnet in dieser Situation gerät der mächtige IWF-Boss massiv in die Bredouille. Strauss-Kahn, der ehemalige Professor für Ökonomie und französische Finanzminister, hat sich während der Wirtschafts- und Finanzkrise Anerkennung erarbeitet. Intensiv arbeitete er mit den Europäern zusammen, als die Euro-Länder Griechenland, Irland und Portugal in Schwierigkeiten gerieten. War sein Vorgänger, der farblose Spanier Rodrigo de Rato, Sinnbild der früheren Ära des IWF, wurde Strauss-Kahn zum Zeichen des Aufbruchs. Selbst wer politisch nicht auf der Linie des französischen Sozialisten liegt, ist voll des Respekts: Worte wie "Charisma", "Entschlossenheit", "Reformeifer", "Integrität" werden in Washington genutzt, um DSK zu beschreiben.

Und nun?

Da ist ja noch John Lipsky, hinter Strauss-Kahn die Nummer Zwei des IWF. Die "New York Times" zitiert Insider des Währungsfonds, die zwar den Franzosen als öffentliche Stimme beschreiben, den US-Amerikaner Lipsky aber als jenen Mann, der das Griechen-Rettungsprogramm im Blick hat. Es gilt demnach als wahrscheinlich, dass Lipsky die Aufgaben des in seiner Heimat nur "DSK" genannten IWF-Chefs für die Zeit der Untersuchung der Vergewaltigungsvorwürfe übernimmt. Das Problem dabei: Lipskys Amtszeit endet schon im August.

Schäuble: "Die Lösung der Probleme ist dadurch nicht belastet"

Die Verantwortlichen weltweit versuchen nun die Befürchtungen herunter zu kochen. So erwartet etwa Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) trotz der DSK-Turbulenzen keine Verzögerungen bei den Verhandlungen über Euro-Rettungspakete. "Die Lösung der Probleme ist dadurch nicht belastet", so Schäuble in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin". Der IWF sei "voll arbeitsfähig". An den Beratungen der Finanzminister der Euro-Gruppe an diesem Montag in Brüssel werde dann ein Stellvertreter des IWF-Chefs teilnehmen.

Griechenlands Regierung gibt sich offiziell zurückhaltend: Die Festnahme Strauss-Kahns hätte keine Auswirkungen auf die Umsetzung der Reformen zur Bewältigung der Finanzkrise, so Regierungssprecher Giorgos Petalotis: "Griechenland setzt das Programm zur Sanierung der Wirtschaft weiter um, um das Land aus der Krise zu bringen."

Doch im Hintergrund sorgt die Causa DSK für Unruhe im griechischen Finanzministerium. Der Franzose, der bislang auch als sozialistischer Präsidentschaftskandidat in seiner Heimat gehandelt wurde, gilt in Griechenland wegen seines politischen Hintergrunds als ein Mann, der sich gut mit den in Athen regierenden Sozialisten versteht. In griechischen Medien hieß es, nur unter der Bedingung neuer harter Einsparungen seien EU, IWF und Europäische Zentralbank bereit, im Juni die nächste Tranche für das Land in Höhe von zwölf Milliarden Euro auszuzahlen. Falls dieses Geld nicht komme, werde Athen im Juni die Löhne und Gehälter sowie die Renten der Griechen nicht zahlen können.

Griechische Medien berichteten am Sonntag, die Regierung solle Tafelsilber verkaufen und erstmals Beschäftigte von Staatsunternehmen entlassen. Beim Verkauf staatlicher Immobilien und bei Privatisierungen gehe es um mehr als 50 Milliarden Euro.

Der IWF in Washington derweil erklärte in der Causa Strauss-Kahn lapidar: Man bleibe voll handlungsfähig.

sef/dpa/AFP/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Da haben wir´s ja!
desertmole 15.05.2011
Zitat von sysopEigentlich wollte er wegen der Griechen-Krise nach Europa jetten, zu Kanzlerin Merkel und den EU-Finanzministern. Doch nun sitzt IWF-Chef Strauss-Kahn wegen dem Vorwurf der Vergewaltigung im Gefängnis. Gefährdet seine Sex-Affäre jetzt die Euro-Rettung? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,762673,00.html
Darum sitzt der alte Mann im Knast, Dollar in Nöten, geht wegen dem Knast auch gleich der Euro föten.. Für wie dumm halten die Amis uns eigentlich ;o(
2. Das Timing der Verhaftung ist für viele ungünstig
aaaaaaaaaa 15.05.2011
Wenn es stimmt, dass die Anschuldigungen gegen DSK fingiert sind, dann wäre möglicherweise dieser Nebeneffekt seiner Verhaftung sogar gewollt sein.
3. .
metaller16 15.05.2011
Zitat von sysopEigentlich wollte er wegen der Griechen-Krise nach Europa jetten, zu Kanzlerin Merkel und den EU-Finanzministern. Doch nun sitzt IWF-Chef Strauss-Kahn wegen dem Vorwurf der Vergewaltigung im Gefängnis. Gefährdet seine Sex-Affäre jetzt die Euro-Rettung? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,762673,00.html
Na hoffentlich ! Griechenland ist eh nicht mehr zu retten. Nur weg von dieser Totgeburt € und dem Bailout für andere Staaten.
4. ...
kimba2010 15.05.2011
Ein ganz eifriger "Euroretter" im Knast, wenn das für die Eurokraten und Geldvernichter in Brüssel und Berlin mal kein böses Omen ist.
5. Immunität und 3.000,- Dollar
K_K_W 15.05.2011
1.) DSK ist Chef einer UN-Sonderorganisation, und damit ein internationaler Beamter. Als solcher genießt er (diplomatische) Immunität, er hätte also überhaupt nicht verhaftet und angeklagt werden dürfen. Warum beruft er sich nicht auf diesen Schutz? 2.) Eine andere Frage ist, ob solche Spitzenbeamten wirklich in Hotelzimmern zu 3.000,- Dollar pro Nacht pennen müssen. Das ist der eigentliche Skandal, der sollte einmal thematisiert werden!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

Mehr auf der Themenseite | Frankreich | Frankreich-Reiseseite


Der IWF
Die Institution
Gegründet wurde der Internationale Währungsfonds (IWF) zusammen mit seiner Schwesterinstitution Weltbank im Juli 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods. Der in Washington ansässige Fonds wacht als Sonderorganisation der Vereinten Nationen über die Währungspolitik seiner 186 Mitgliedsländer. Jedes Land muss entsprechend seinem Anteil an der Weltwirtschaft eine Einlage leisten und verfügt über entsprechende Stimmrechte. Die reichsten Länder haben damit den größten Einfluss.

Die Arbeit des IWF
Der IWF tritt vor allem bei Finanz- und Wirtschaftskrisen öffentlich in Erscheinung. Indem er einzelne Staaten unterstützt, soll er vor allem verhindern, dass sich Krisen ausbreiten und ganze Regionen oder gar das gesamte internationale Finanzsystem treffen. Der Fonds kann mit kurzfristigen Krediten die Defizite in Entwicklungs- und Schwellenländern ausgleichen. Zudem leistet er Mitgliedstaaten technischen Beistand für den Umbau von Institutionen und bei der Gestaltung von Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Häufige Kritik
Die Bedingungen, die an die Vergabe der Gelder geknüpft werden, stoßen in den betroffenen Ländern und bei Globalisierungskritikern allerdings oft auf Unmut. Verordnet werden von der Institution aus Washington meist radikale Einschnitte in die Staatshaushalte, die Öffnung der Märkte und Privatisierungen. Diese jedoch verschärfen die Krisen nach Ansicht der Kritiker oft noch weiter. Nach Reformen ist inzwischen vorgesehen, dass der IWF verstärkt die sozialen Auswirkungen von Krisen und Hilfsmaßnahmen beachtet.

Die Direktorin
Seit Ende Juni 2011 steht die frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde an der IWF-Spitze. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten.
Wer wählt den Direktor?
Das Exekutivdirektorium des IWF besteht aus 24 Direktoren. Fünf von ihnen werden von den Mitgliedstaaten mit den größten Quoten ernannt, die verbleibenden vertreten jeweils mehrere Mitgliedsländer. Je mehr ein Land einzahlt, desto höher ist seine Quote. Deshalb haben die USA einen Stimmanteil von fast 17 Prozent, Japan von etwas mehr als sechs und Deutschland knapp unter sechs Prozent. Die USA verfügen über eine Sperrminorität. Denn zentrale Beschlüsse im IWF - wie auch die Wahl des kommenden Geschäftsführenden Direktors - müssen mit einer Mehrheit von 85 Prozent getroffen werden.

Die Direktoren wählen den Geschäftsführenden Direktor. Er ist für das Tagesgeschäft, die Organisation und die Personalpolitik des Fonds zuständig. Der Direktor wird vom Exekutivdirektorium kontrolliert, dieses kann ihm die Amtsführung entziehen. Grundsatzentscheidungen werden vom Gouverneursrat des IWF und vom International Monetary and Financial Committee getroffen, die bei den Herbst- und Frühjahrstagungen von IWF und Weltbank zusammenkommen.
Informelle Vereinbarung
Die USA und Europa haben sich informell darauf verständigt, wichtige Posten untereinander aufzuteilen. So stellen die USA traditionell den Direktor der Weltbank, während der Geschäftsführende Direktor des IWF von einem EU-Mitgliedsland gestellt wird. In den Statuten ist diese Regelung nicht verankert. Besonders die Schwellenländer dringen seit Jahren darauf, dass das informelle Abkommen gekippt und der Posten des Direktors ausgeschrieben wird.
Bedingungen für Hilfe
Der IWF arbeitet mit dem Land ein Programm aus, das konkrete Vorgaben zur Überwindung der Krise umfasst, zum Beispiel Vorgaben zur Haushaltspolitik. Die Kreditlinien werden üblicherweise in mehrere Tranchen gestückelt, deren Auszahlung an das Erreichen von Zwischenzielen gebunden ist. Üblich sind Kreditlaufzeiten von bis zu drei Jahren, die bei schweren Krisen aber verlängert werden können. Das angeschlagene Land legt seinen Sparplan im Detail offen. Bei Bedarf sind nachträgliche Änderungen möglich.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: