Verhältnis zu den USA: Wovon Chinesen träumen

Von , Peking

Film-Hit "Zhongguo Hehuoren": Hollywood-Märchen - made in China Fotos
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Die Chinesen pflegen ein sonderbares Verhältnis zu den USA. Mal ist es voller Bewunderung, mal voller Misstrauen und Verachtung - und oft alles zugleich. Die Hassliebe zum letzten verbliebenen Rivalen auf dem Weg an die Spitze ist allgegenwärtig.

Es ist Donnerstagabend, das Kino heißt Megabox, und die Schlangen für "Star Trek" und "Iron Man 3" reichen bis hinaus in die Shopping Mall, wo Doc-Martens-Schuhe und Kleider von American Apparel verkauft werden. Würden einem an der Kinobar außer Popcorn und Diet Coke nicht auch kantonesische Süßspeisen wie Shuangpinai oder Yangzhiganlu angeboten - diese Geschichte könnte auch irgendwo in einer amerikanischen Großstadt beginnen statt hier im San-Li-Tun-Viertel von Peking.

Amerika bemüht sich um die Chinesen, nein, es umschmeichelt sie. Präsident Barack Obama hat seinem neuen Amtskollegen Xi Jinping in den vergangenen vier Wochen seinen Außen- und seinen Finanzminister, seinen Nationalen Sicherheitsberater und seinen Generalstabschef vorbeigeschickt. Und als reichte das nicht, lud er Xi und seine Frau für dieses Wochenende zu einem privaten Besuch nach Sunnylands ein, eine kalifornische Staatslatifundie, auf der Dwight D. Eisenhower Golf gespielt, die Queen diniert und Ronald und Nancy Reagan 18 Jahre in Folge Silvester gefeiert haben.

Auch Hollywood gibt sich Mühe: Um den Chinesen eine Freude zu machen, haben die Produzenten von "Iron Man 3" der chinesischen Ausgabe ihres Films vier Minuten hinzugefügt, in denen Dr. Wu dem Helden Tony Stark das Leben rettet - unterstützt von seiner Assistentin, die von Fan Bingbing gespielt wird, einem der Megastars des chinesischen Kinos.

USA - Traumland vieler Chinesen

Es half nicht viel: Wie in allen Kinos in China läuft im Großen Saal der Megabox an diesem Abend nicht "Iron Man 3", sondern "Zhongguo Hehuoren", ein auf einer wahren Geschichte beruhender Film über drei Freunde, die damit reich geworden sind, dass sie junge Chinesen in die USA geschickt haben. "Chinesische Träume in Amerika" heißt der Film auf Englisch, und wer ihn sich unter Chinesen ansieht, erfährt womöglich mehr über das Verhältnis der beiden Weltmächte, als beim Treffen ihrer beiden Präsidenten herauskommen wird.

Der Film fängt damit an, wie sich die drei Helden Anfang der achtziger Jahre um ein amerikanisches Visum bewerben. Cheng scheitert, Wang verzichtet, weil er bereits etwas Besseres hat (eine amerikanische Freundin), Meng aber kriegt das Visum und zieht los, fest entschlossen, nie wieder nach China zurückzukehren.

Doch während Meng in Amerika scheitert, ziehen die beiden anderen in China einen Visa-Beratungsservice und eine englische Sprachschule auf, die sich zu einem Millionengeschäft auswächst. Als Meng gedemütigt aus Amerika zurückkommt, nehmen sie ihn in den Arm - und nutzen seine Erfahrungen im Traumland so vieler Chinesen dafür, ihr Business noch weiter auszubauen. Es dauert nicht lang, und aus dem Millionen- wird ein Milliardengeschäft.

Der Erfolg steigt ihnen zu Kopf, die drei Freunde zerstreiten sich - doch als die Amerikaner ihre Firma unter dem Vorwurf des Datenklaus vor Gericht stellen wollen, reisen sie gemeinsam nach New York, um es ihren Konkurrenten zu zeigen.

Hymne auf den Kapitalismus

"Wir Chinesen mögen es nicht, wenn man uns Diebe nennt", sagt Cheng, und das Publikum in der Megabox applaudiert zur Leinwand hinauf. Statt vor Gericht zu ziehen, lassen sich die drei Milliardäre auf einen Vergleich ein und beschließen, mit ihrem Unternehmen an die New Yorker Börse zu gehen. "Jetzt haben wir sie an den Eiern", sagt Wang auf Englisch - und die Zuschauer in Peking johlen und pfeifen und stampfen mit den Füßen.

Die Chinesen haben ein merkwürdiges Verhältnis zu ihrem letzten verbliebenen Rivalen auf dem Weg an die Spitze. Es eine Hassliebe zu nennen, könnte noch eine Untertreibung sein. Die staatliche "Volkszeitung" hat gerade eine Kolumne eingerichtet, die den Titel "Betrügerische Amerikaner" trägt - doch die drei exklusivsten Wohnanlagen in der Innenstadt von Peking heißen "Central Park", "Upper East Side" und "Park Avenue". Chinas Generäle sind voller Misstrauen gegenüber Amerika und seinen "streunenden Hunden" im westlichen Pazifik - doch unter den Autos, die mit weißen Militärkennzeichen durch Peking brausen, sind auffällig viele Jeeps, Buicks und Navigators.

"China ist genauso von seiner Außerordentlichkeit überzeugt wie Amerika", schreibt Jon Huntsman, Washingtons ehemaliger Botschafter in Peking, und rät seinem Präsidenten, sich in Sunnylands auf einen selbstbewussten Gast einzustellen. Das Motto, unter das Xi Jinping seine Amtszeit gestellt hat, lautet: "Der größte chinesische Traum ist die Erweckung der chinesischen Nation." Was genau er sich darunter vorstellt, darüber rätseln die Diplomaten in Peking noch.

"Zhongguo Hehuoren" jedenfalls, der erfolgreichste chinesische Film dieser Tage, ist eine Hymne auf den Kapitalismus, eine Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Story, wie sie Hollywood nicht schöner erzählen könnte. Sie endet mit einer Bildergalerie von Chinas erfolgreichsten Unternehmern der letzten 30 Jahre, und eine Stimme aus dem Off entlässt die Zuschauer mit einer erhebenden Botschaft: "Das könnt ihr auch!"

Vielleicht wissen sie es noch nicht, vielleicht wollen sie es sich nur noch nicht eingestehen. Aber wenn nicht alles täuscht, dann träumen die Chinesen einen amerikanischen Traum.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Weit gefehlt
dunnhaupt 07.06.2013
Obama lud Xi keineswegs ein, sondern dieser bestand ganz plötzlich und unvorbereitet darauf, dass er Obasma jetzt schon persönlich sprechen wolle, obschon ein Treffen erst für September vorgesehen war.
2. Die Chinesen haben mit sich selbst zu tun,
derandersdenkende 07.06.2013
Zitat von sysopwepicturesDie Chinesen pflegen ein sonderbares Verhältnis zu den USA. Mal ist es voller Bewunderung, mal voller Misstrauen und Verachtung - und oft alles zugleich. Die Hassliebe zum letzten verbliebenen Rivalen auf dem Weg an die Spitze ist allgegenwärtig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/verhaeltnis-der-chinesen-zu-den-usa-ist-hassliebe-a-904361.html
Die Amerikaner beschäftigen sich damit, die Welt gegen den erklärten Willen ihrer Opfer zu verändern, ohne sich selbst zu verändern. Aber Veränderung beginnt nun mal bei sich selbst und nicht damit, daß man den anderen zwingt, sich bis zur Unkenntlichkeit anzupassen.
3. Schade
snahdog 07.06.2013
Jetzt haben die Chinesen auch die billigen Handlungslinien der Amerikanischen Blockbuster kopiert: Die boese Welt is gegen uns, aber am Ende schaffen wir Guten es doch. In Endeffekt ist es fuer den Rest der Welt eigentlich egal ob China oder die USA Weltmacht Nummer 1 sind. Beide Laender sind so stark von einem uneingeschraenkten Kapitalismus und einem egozentrischen Weltbild gepraegt dass sich nichts aendern wird. Obwohl ich bei den Chinesen ein bisschen mehr Angst habe da sie es ja kaum abwarten koennen bis der Rest der Welt ihnen den Respekt zollt der ihnen aus ihrer Sichtweise zusteht, vor allem weil sie noch an paar Jahrzente Aufholbedarf haben.
4. optional
spon-facebook-10000298365 07.06.2013
Kann ich bestätigen, nicht nur in Peking sondern auch hier in Nujiang! Liebe Grüße vom anderen Ende Chinas
5. Identität eine deutsche Selbstverständlichkeit?
rolandjulius 07.06.2013
Aber wie ist das bei anderen Nationen? Eine wahre Unabhängigkeit kann ein Land nur erreichen, wenn es aus eigener Kraft zu einem gesicherten Lebensstandard für alle seine Bürger bringt. Dazu braucht jedes Land vor allem sehr viel Zeit, und oft rinnt der Erfolg wieder den Bach hinunter, weil die Politiker weltweit nur selten für das wohl aller ihrer Bürger eintreten, sondern fast immer nur eigene Interessen vertreten, welche schließlich auch der Identität der Bürger schadet und diese zur Verzweiflung treibt.
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