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Verhafteter Google-Mitarbeiter in Ägypten: "Dann betest du, dass die draußen sich an dich erinnern"

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Ägyptens Polizei hat während der Proteste gegen das Regime Dutzende Menschen festgenommen. Auch Wael Ghonim wurde fast zwei Wochen lang festgehalten. Jetzt hat der Google-Manager im Fernsehen von seiner Gefangenschaft berichtet.

Google-Manager Ghonim: Symbol des Aufstands Zur Großansicht
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Google-Manager Ghonim: Symbol des Aufstands

Hamburg - Für die ägyptische Regierung war er ein "Verräter an der Nation", für die Oppositionsbewegung ein Held: Zwölf Tage hielt die Polizei Wael Saeed Abbas Ghonim in Haft, nachdem er sich an den Protesten gegen das Mubarak-Regime beteiligt hatte. Jetzt ist der Marketing-Direktor des Internetkonzerns Google für Nahost und Nordafrika wieder frei - und äußert sich erstmals in einem Interview zu seiner Gefangenschaft.

Nur wenige Stunden nach seiner Freilassung sprach er mit dem TV-Sender Dream TV. Im Internet kursiert ein Mitschnitt der Sendung mit mehr oder weniger akkuraten englischen Untertiteln. Auch der TV-Sender al-Dschasira hat das Interview in Auszügen transkribiert.

Zwischen Ghonim und der Moderatorin Mona El Shazly entspinnt sich ein bewegendes Gespräch. Ghonim wirkt erschöpft, er sagt, er habe seit 48 Stunden nicht geschlafen. Sein Kopf ist tief auf seine Brust gesenkt, seine Augen blicken oft zu Boden. Ghomin redet schnell, atemlos fast, teils ist er den Tränen nah, teils blitzt Zorn in seinen Augen auf.

Über seine Verhaftung spricht Ghonim nur bruchstückhaft. Zwischendurch driftet er immer wieder ab, mehrfach beteuert er, wie sehr er sein Land liebe. "Dies ist die Ära, in der Menschen mit guten Absichten als Verräter abgestempelt werden", ruft er.

"Ich bin kein Drogendealer oder Terrorist"

Er sei am 28. Januar gegen 1 Uhr morgens verhaftet worden, sagt er. Ghonim sei mit einem Arbeitskollegen die Straße entlanggelaufen. Sie hätten ein Taxi angehalten. Plötzlich hätten ihn vier Personen umzingelt. Laut habe er um Hilfe geschrien, dann habe man ihm die Augen verbunden und ihn mitgeschleppt.

"Es war Kidnapping", sagt Ghonim. Mit Rechtsstaatlichkeit habe das nichts mehr zu tun. "Du willst mich verhaften? Dafür gibt es Gesetze. (...) Ich bin kein Drogendealer oder Terrorist." Es sei nicht rechtens, dass sein schwer kranker Vater zwölf Tage lang nicht gewusst habe, wo sich sein Sohn befinde.

Ghonim sagt, er sei in seiner Gefangenschaft nicht gefoltert oder misshandelt worden. Seine Wachen hätten ihn gut behandelt, respektvoll fast, er habe viele intelligente Menschen getroffen. Dennoch habe er sehr gelitten. "Ich hörte nichts", sagte Ghonim, "ich erkannte nichts, hatte keine Ahnung, was draußen auf den Straßen passiert." Er sei "in Dunkelheit gehalten" worden, sagte er. Er habe sich gefragt, ob man ihn vergessen habe, ob irgendjemand seine Freilassung fordern würde.

Ghonim hatte bereits im vergangenen Jahr mit Protestaktionen gegen das Mubarak-Regime begonnen. Zusammen mit anderen Aktivisten startete er eine Facebook-Seite zum Gedenken an den Ägypter Chalid Said, der im Hafen von Alexandria von der Polizei zu Tode geprügelt wurde. Er bereue seine Taten nicht, sagte er Dream TV. "Ich war stolz auf das, was ich getan habe, und ich war vorbereitet, die Konsequenzen zu tragen." Jeder, der bei den Aufständen in Ägypten ums Leben gekommen sei, "ist als Märtyrer gestorben".

"Ich habe meinen Arbeitgeber ausgetrickst"

Ghonim wurde schließlich freigelassen. Schon auf der Rückfahrt meldete er sich bei dem Sender Dream TV. Neben ihm im Auto habe Hossam Badrawi gesessen, der neue Generalsekretär der Nationaldemokratischen Partei.

Ghonim und die Dream-TV-Moderatorin Mona El Shazly pflegen eine freundschaftliche Beziehung. Nach Ghonims Entführung hatte der Sender vergeblich versucht, seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen. In ihrer Anmoderation zu dem Interview sagte Shazly, sie sei von Ghonims bestem Freund über die Entführung informiert worden. Dieser kannte nach eigenen Angaben das Passwort für ein Adressbuch von Ghonim. In diesem habe er die Kontaktdaten des Senders gefunden.

In seinem Twitter-Account schreibt Ghonim: "Wenn du zwölf Tage lang nichts siehst als schwarze Szenerie, dann betest du, dass die, die draußen sind, sich noch an dich erinnern." Auch äußert er tiefe Verbundenheit für seinen Arbeitgeber. Er dankt dem Unternehmen Google für dessen Bemühungen. Der Internetkonzern hatte eine großangelegte Suchaktion nach ihm gestartet und die Öffentlichkeit durch eine eigens eingerichtete Telefonnummer um Informationen über den Verbleib des Geschäftsmanns gebeten. "Heute bin ich froh, für dieses Unternehmen zu arbeiten", twittert Ghonim.

Gegenüber Dream TV beteuert er, dass Google von seinen politischen Aktivitäten nichts gewusst habe. "Ich habe meinen Arbeitgeber ausgetrickst, damit ich an den Protesten teilnehmen kann", sagte Ghonim. "Ich erzählte ihnen, dass ich eine dringende Privatangelegenheit zu regeln habe und sechs Tage Urlaub brauche." Ob alles in Ordnung sei, habe Google gefragt. "Ich sagte, es sei persönlich."

Seine Zukunft sieht Ghonim pessimistisch. Es sei gut möglich, dass er bald wieder entführt werde.

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1. Dem Westen ist Demokratie zuwider
Radtourist 08.02.2011
der Westen nimmt antidemokratische Staaten wie China oder Ägypten eher als Vorbild und wird keinen Finger krümmen, die Menschen in Ägypten zu befreien. Die EU steuert in Riesenschritten auf eine Diktatur zu, in der BRD stellt die alte SED die Bundeskanzlerin (wer's noch nicht wußte: Merkel war FDJ-Spitzenfunktionärin, genauso wie ihr Vorgänger Honecker) und in USA ist mit Obama die Demokratie endgültig begraben. Es sieht entweder schlecht aus oder es wird mittelfristig auch in Europa Aufstände geben. aber es ist schonmal bezeichnend, dass nicht einmal die SPD sich für die Menschen in Ägypten stark macht - nur ein wenig die Grünen, aber das ist Wahlkampfgetue.
2. Man kanns auch übertreiben
chairwalk 08.02.2011
Zitat von Radtouristder Westen nimmt antidemokratische Staaten wie China oder Ägypten eher als Vorbild und wird keinen Finger krümmen, die Menschen in Ägypten zu befreien. Die EU steuert in Riesenschritten auf eine Diktatur zu, in der BRD stellt die alte SED die Bundeskanzlerin (wer's noch nicht wußte: Merkel war FDJ-Spitzenfunktionärin, genauso wie ihr Vorgänger Honecker) und in USA ist mit Obama die Demokratie endgültig begraben. Es sieht entweder schlecht aus oder es wird mittelfristig auch in Europa Aufstände geben. aber es ist schonmal bezeichnend, dass nicht einmal die SPD sich für die Menschen in Ägypten stark macht - nur ein wenig die Grünen, aber das ist Wahlkampfgetue.
Also jetzt kommen Sie mal wieder ein bischen auf den Teppich. Mit Obama ist die Demokratie in den USA entgültig begraben? Woher haben Sie diesen Irrglauben? In Europa wird es ähnliche Aufstände geben? Äußerst unwarscheinlich. Ja, die Haltung Deutschlands und Europas gegenüber Ägypten gefällt mir auch nicht. Aber gleich die Demokratie in Europa und den USA in Zweifel ziehen? Leicht übertrieben.
3. Jedenfalls...
winsford 08.02.2011
Zitat von chairwalkAlso jetzt kommen Sie mal wieder ein bischen auf den Teppich. Mit Obama ist die Demokratie in den USA entgültig begraben? Woher haben Sie diesen Irrglauben? In Europa wird es ähnliche Aufstände geben? Äußerst unwarscheinlich. Ja, die Haltung Deutschlands und Europas gegenüber Ägypten gefällt mir auch nicht. Aber gleich die Demokratie in Europa und den USA in Zweifel ziehen? Leicht übertrieben.
hat es überhaupt nichts mit Dmeokratie zu tun, wenn eine Kanzlerin und ein Präsident insgeheim einen Präsidentendiktator und/oder seinen überaus gefürchteten Geheimdienstchef als Lösung anpreist, zugleich aber die entführten und gefolterten Journalisten, auch aus den USA und D, locker vergißt. Jeder Bürger Europas kann mitfühlen, dass in Ägypten schweres Unrecht gegen Menschen geschieht. Menschen werden verhaftet, Journalisten ihrer Kameras beraubt und verboten etc etc etc .Menschen wurden mit Polizeiautos umgesenst und hinterrücks wurde von Heckenschützen gemordet. Verantwortlich das Regime auch Mubarak und Suleimann.... Die beiden blutigen Hände sollen nun die Umkehr einleiten???? Das ist ja, als hätte Bush sen. den Erich Mielke gebeten, in 1989 doch nun eine Verfassungsreform einzuleiten. Nur unsere gewählten Repr. stecken den Kopf in den Sand. Wäre in D eine Abstimmung, würde die Kanzlerin, die ja zu DDR Zeiten für das Regime, dann halbherzig ein bißchen dagen und schließlich auf der anderen Seite Dienst tat, eine herbe Schlappe hinnehmen müssen. Nun muss sie warten bis zur Wahl in HH und BW, dann kommt ihre Däämerung. Vielleicht kann Sie dann zu Hosni auf die Bühlerhöhe ziehen und Herrn Schulz, den EuropaSozi gleich mitnehmen. Der hat noch nicht ein Wörtchen der Kritik für Tunesien und Ägypten geäußeert. Beide Parteien waren ehrenwerte Mitglieder der sozialistischen Internationale..... und die Ägyptische NDP ist es noch. Welch eine orchestrierte Heuchelei, nur gut, dass es den Menschen hier noch nicht schlecht genug geht, sonst würden sie in Berlin zu hundertausenden zusammen kommen.
4. ...
chairwalk 08.02.2011
Wie ich bereits geschrieben habe, gefällt mir das außenpolitische Verhalten der westlichen Staaten überhaupt nicht. Es ist hochgradig verlogen. Doppelmoral ist das Stichwort. Dennoch hat es wenig mit der Innenpolitik der westlichen Staaten zu tun. Die Demokratie in den USA und Deutschland aufgrund dieses Verhaltens jetzt in Frage zu stellen ergibt in meinen Augen einfach keinen Sinn.
5. Ja!
robr 08.02.2011
Zitat von chairwalkWie ich bereits geschrieben habe, gefällt mir das außenpolitische Verhalten der westlichen Staaten überhaupt nicht. Es ist hochgradig verlogen. Doppelmoral ist das Stichwort. Dennoch hat es wenig mit der Innenpolitik der westlichen Staaten zu tun. Die Demokratie in den USA und Deutschland aufgrund dieses Verhaltens jetzt in Frage zu stellen ergibt in meinen Augen einfach keinen Sinn.
Yep! Genauso ist es! Die Probleme des Westens und die Probleme des Ostens sind nach wie vor zwei Paar Schuhe...
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