Verhandlungen mit China: Taiwan wagt den Flirt mit dem Erzfeind
Taiwan geht auf den Erzfeind China zu. Doch was die Wirtschaft der Inselnation zu neuen Höhenflügen befördert, könnte das Fundament der jungen Demokratie zerstören. Denn schon kaufen chinesische Unternehmer die Medien in Taipeh auf - und erste Besuche von Militärs bringen eine böse Überraschung.
Eine gertenschlanke Entertainerin trällert ein Potpourri aus westlichen Schlagern und Taiwan-Pop. Kinder hopsen dazu im Kreis, und Männer in Frotteepantoffeln schlürfen Tee. Im Lotussaal des edlen Fleur-de-Chine-Hotels am Sonne-Mond-See im Zentrum von Taiwan ist die Stimmung so dröge wie bei einer Kaffeefahrt auf der Schwäbischen Alb. Zumindest bis die Damen am Mikrophon fragt, wo die Gäste denn alle herkämen.
Taiwaner Hand heben! Die Mehrheit im Saal johlt. Wer aus Hongkong da? "Auch, schön." Singapur? "Guuuuuuuut!" Aber dann: "Aus China jemand?" Eisiges Schweigen macht sich im Saale breit, bis vier Kader einer volkschinesischen Tourismusdelegation aus der letzten Reihe schüchtern die Hand hoben. "Auch sie sind natürlich herzlich willkommen", sagt die Sängerin verlegen. Jetzt erst klatscht auch das Publikum artig Beifall.
Noch ist es eine Ausnahme, aber die Taiwaner scheinen sich dieser Tage erstaunlich schnell daran gewöhnt zu haben, dass selbst in den entlegensten Winkeln der Inselnationen offizielle Delegationen vom einstigen Erzfeind "Festland China" unterwegs sind.
Dabei ist es gar nicht so lange her, dass die verfeindeten Bruderstaaten tief im Kalten Krieg verharrten. Vor der Amtsübernahme von Taiwans Präsident Ma Ying-jeou im Mai 2008 gab es weder direkte Flugverbindungen, noch redeten die beiden chinesischen Staatsoberhäupter - Ma in Taiwan und Hu Jintao in China - miteinander. Mas Amtvorgänger, Chen Shui-bian von der demokratischen Fortschrittsparte DPP, der unlängst wegen Korruption zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist, wollte das nicht.
Das scheint eine politische Ewigkeit her. Fast jede Woche kommen sich die beiden Staaten einen Schritt näher - wenn auch einen kleinen. Denn im Zusammenhang mit Taiwan von "einem unabhängigen Staat" zu reden, löst in Peking noch immer schrille Entrüstungsschreie des Propagandaapparats aus. Seit Generalissimo Chiang Kai-shek und seine Chinesische Nationalpartei Kuomintang (KMT) nämlich 1949 am Ende des chinesischen Bürgerkriegs mit zwei Millionen Soldaten und deren Familien nach Taiwan geflüchtet war, betrachteten die Kommunisten in Peking die Insel als "Provinz Chinas", die es heimzuholen gilt.
Geschäftsleuten kann die Integration gar nicht schnell genug gehen
Schon bald nach seiner Amtsübernahme ließ Ma direkte Flugverbindungen zwischen Taiwan und dem "Festland" zu. Demnächst sollen gar Banken und Versicherungen freien Zugang zum jeweils anderen Markt erhalten. Schon hat die volkschinesische "Bank of China" angekündigt, Filialen in Taiwan eröffnen zu wollen.
Das freilich ist erst der Anfang. Im Dezember wollen Unterhändler beider Staaten zusammenkommen und den "Gemeinsamen wirtschaftlichen Kooperationsvertrag" (ECFA) festklopfen. Danach könnten sich Taipeh und Peking schon 2010 weitreichende Sonderkonditionen im bilateralen Handel sichern.
"Wenn wir den Prozesse nicht zügig vorantreiben, droht unser Land in Ostasien den Anschluss zu verlieren", befürchtet Kao Koong-liang, Generalsekretär der taiwanischen "Kommission für den Austausch entlang der Taiwan-Straße".
Schon jetzt leben und arbeiten mehr als eine Million taiwanische Geschäftsleute samt Familie wieder "drüben". Sie haben gut hundert Milliarden US-Dollar in China investiert. Für sie kann das enge Miteinander des boomenden, aber kommunistischen Chinas und des demokratischen, aber international isolierten Taiwans gar nicht schnell genug gehen.
Doch nicht alle sehen das so positiv. So warnt etwa Kenichi Ohmae, renommierter China-Experte der Unternehmensberatung McKinsey: "Wenn Taiwans Unternehmen sich nicht zu größeren Einheiten zusammenschließen, werden sie bald vom volkschinesischen Kapital aufgekauft."
- 1. Teil: Taiwan wagt den Flirt mit dem Erzfeind
- 2. Teil: Strohmänner chinesischer Staatskonzerne gehen auf Einkaufstour
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