Verhandlungen mit China: Taiwan wagt den Flirt mit dem Erzfeind

Aus Taipeh berichtet Jürgen Kremb

Taiwan geht auf den Erzfeind China zu. Doch was die Wirtschaft der Inselnation zu neuen Höhenflügen befördert, könnte das Fundament der jungen Demokratie zerstören. Denn schon kaufen chinesische Unternehmer die Medien in Taipeh auf - und erste Besuche von Militärs bringen eine böse Überraschung.

Wolkenkratzer Taipeh "101": Zu 20 Prozent bereits im Besitz der Chinesen vom Festland Zur Großansicht
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Wolkenkratzer Taipeh "101": Zu 20 Prozent bereits im Besitz der Chinesen vom Festland

Eine gertenschlanke Entertainerin trällert ein Potpourri aus westlichen Schlagern und Taiwan-Pop. Kinder hopsen dazu im Kreis, und Männer in Frotteepantoffeln schlürfen Tee. Im Lotussaal des edlen Fleur-de-Chine-Hotels am Sonne-Mond-See im Zentrum von Taiwan ist die Stimmung so dröge wie bei einer Kaffeefahrt auf der Schwäbischen Alb. Zumindest bis die Damen am Mikrophon fragt, wo die Gäste denn alle herkämen.

Taiwaner Hand heben! Die Mehrheit im Saal johlt. Wer aus Hongkong da? "Auch, schön." Singapur? "Guuuuuuuut!" Aber dann: "Aus China jemand?" Eisiges Schweigen macht sich im Saale breit, bis vier Kader einer volkschinesischen Tourismusdelegation aus der letzten Reihe schüchtern die Hand hoben. "Auch sie sind natürlich herzlich willkommen", sagt die Sängerin verlegen. Jetzt erst klatscht auch das Publikum artig Beifall.

Noch ist es eine Ausnahme, aber die Taiwaner scheinen sich dieser Tage erstaunlich schnell daran gewöhnt zu haben, dass selbst in den entlegensten Winkeln der Inselnationen offizielle Delegationen vom einstigen Erzfeind "Festland China" unterwegs sind.

Dabei ist es gar nicht so lange her, dass die verfeindeten Bruderstaaten tief im Kalten Krieg verharrten. Vor der Amtsübernahme von Taiwans Präsident Ma Ying-jeou im Mai 2008 gab es weder direkte Flugverbindungen, noch redeten die beiden chinesischen Staatsoberhäupter - Ma in Taiwan und Hu Jintao in China - miteinander. Mas Amtvorgänger, Chen Shui-bian von der demokratischen Fortschrittsparte DPP, der unlängst wegen Korruption zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist, wollte das nicht.

Das scheint eine politische Ewigkeit her. Fast jede Woche kommen sich die beiden Staaten einen Schritt näher - wenn auch einen kleinen. Denn im Zusammenhang mit Taiwan von "einem unabhängigen Staat" zu reden, löst in Peking noch immer schrille Entrüstungsschreie des Propagandaapparats aus. Seit Generalissimo Chiang Kai-shek und seine Chinesische Nationalpartei Kuomintang (KMT) nämlich 1949 am Ende des chinesischen Bürgerkriegs mit zwei Millionen Soldaten und deren Familien nach Taiwan geflüchtet war, betrachteten die Kommunisten in Peking die Insel als "Provinz Chinas", die es heimzuholen gilt.

Geschäftsleuten kann die Integration gar nicht schnell genug gehen

Schon bald nach seiner Amtsübernahme ließ Ma direkte Flugverbindungen zwischen Taiwan und dem "Festland" zu. Demnächst sollen gar Banken und Versicherungen freien Zugang zum jeweils anderen Markt erhalten. Schon hat die volkschinesische "Bank of China" angekündigt, Filialen in Taiwan eröffnen zu wollen.

Das freilich ist erst der Anfang. Im Dezember wollen Unterhändler beider Staaten zusammenkommen und den "Gemeinsamen wirtschaftlichen Kooperationsvertrag" (ECFA) festklopfen. Danach könnten sich Taipeh und Peking schon 2010 weitreichende Sonderkonditionen im bilateralen Handel sichern.

"Wenn wir den Prozesse nicht zügig vorantreiben, droht unser Land in Ostasien den Anschluss zu verlieren", befürchtet Kao Koong-liang, Generalsekretär der taiwanischen "Kommission für den Austausch entlang der Taiwan-Straße".

Schon jetzt leben und arbeiten mehr als eine Million taiwanische Geschäftsleute samt Familie wieder "drüben". Sie haben gut hundert Milliarden US-Dollar in China investiert. Für sie kann das enge Miteinander des boomenden, aber kommunistischen Chinas und des demokratischen, aber international isolierten Taiwans gar nicht schnell genug gehen.

Doch nicht alle sehen das so positiv. So warnt etwa Kenichi Ohmae, renommierter China-Experte der Unternehmensberatung McKinsey: "Wenn Taiwans Unternehmen sich nicht zu größeren Einheiten zusammenschließen, werden sie bald vom volkschinesischen Kapital aufgekauft."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
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1. keine Nation
laosichuan 02.12.2009
Zitat von sysopTaiwan geht auf den Erzfeind China zu. Doch was die Wirtschaft der Inselnation zu neuen Höhenflügen befördert, könnte das Fundament der jungen Demokratie zerstören. Denn schon kaufen chinesische Unternehmer die Medien in Taipeh auf - und erste Besuche von Militärs bringen eine böse Überraschung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,664415,00.html
Taiwan ist keine "Nation", sondern eine Provinz Chinas. Dies ist weltweit, u.a. von der UN, der EU und der Bundesregierung anerkannt. Bitte um politisch korrekte Darstellung.
2. Wirtschaftlich notwendig?
jjlondon 02.12.2009
Zitat von sysopTaiwan geht auf den Erzfeind China zu. Doch was die Wirtschaft der Inselnation zu neuen Höhenflügen befördert, könnte das Fundament der jungen Demokratie zerstören. Denn schon kaufen chinesische Unternehmer die Medien in Taipeh auf - und erste Besuche von Militärs bringen eine böse Überraschung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,664415,00.html
Auf lange Sicht wird sich Taiwan wirtschaftlich an China binden muessen um im internationalen Wettbewerb bestehen zu koennen. Das ist sowohl fuer China, als auch fuer Taiwan selbst von grossem Vorteil. Was dann politisch mit Taiwan passiert bleibt abzuwarten. Eine offizielle Annexierung Taiwans an das kommunistische Regime werden ausser den Chinesen nicht allzu viele Laender begruessen. Beste Gruesse.
3. Taiwan
scipio 02.12.2009
alea iacta est Die Würfel sind gefallen Wie ihm Bericht richtig erwähnt wurde, wird die junge Demokratie Knospe etwas ausgesetzt, was sie nicht überleben wird. Nichts destotrotz ist es für die meisten In TW lebenden eher leidig sich mit Demokratie auseinanderzusetzen. Viele gehen sogar soweit, dass es zuviele Freiheiten in TW gibt. Mag diese Meinung nur eine "Propaganda Posse" sein.... Wird Taiwan oder Republik China auf Taiwan auf Dauer ein teil der Volksrepublik werden? Oder müssen wir die Vorzeichen umtauschen gar umtauschen. Egal was passiert, die Zeiten der Ruhe sind vorbei. Die Augenzahlen der Würfel werden ihr Urteil in der nächsten Zeit verkünden.
4. Von wegen Flirt?!
deli-burger 02.12.2009
Taiwan hat gar keine Wahl. Die Welt hat die kleine Demokratie in Asien schon lange vergessen. Alle machen nur noch den Kotau vor Chinas Finanzmacht. Wenn wir zwischen Geld und Demokratie wählen müssen, dann entscheiden wir uns zur Not immer für das Geld. Also wunder euch nicht, wenn China plötzlich VW oder den Spiegel aufkauft.
5. Wirtschaftlich notwendig?
jjlondon 02.12.2009
Der große Drache wird also den kleinen Salamander fressen, ob Taiwan es will oder nicht. Eine offizielle Annexierung Taiwans an China wird wohl auf lange Sicht notwendig sein, um die wirtschaftlichen Interessen beider Länder bestmöglich verfolgen zu können. Oder Taiwan wird die erste demokratische Provinz der PRC. Beste Gruesse.
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