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Verhandlungen: Taliban wollten angeblich Bin Laden loswerden

US-Diplomaten haben sich in den vergangenen drei Jahren mindestens 20-mal mit Abgesandten des Taliban-Regimes getroffen, um über eine Auslieferung von Osama Bin Laden zu verhandeln.

Die letzten Aufnahmen: Osama Bin Laden
AP

Die letzten Aufnahmen: Osama Bin Laden

Washington - Die Treffen fanden bis kurz vor dem 11. September statt. Dabei hätten die Taliban angeboten, Bin Laden auszuliefern, wenn ihre Bedingungen akzeptiert würden. Es sei auf amerikanischer Seite allerdings umstritten, wie die Angebote der Taliban zu bewerten gewesen seien, berichtet die" Washington Post".

Einige Experten argumentieren, dass die USA nie wirklich auf das Problem der Taliban eingegangen seien, Bin Laden an ein westliches Land auszuliefern und gleichzeitig ihr Gesicht zu wahren. "Wir fanden keine gemeinsame Sprache. Unsere Position war: 'Liefert Bin Laden aus'. Sie sagten: 'Tut etwas, um uns zu helfen Bin Laden auszuliefern'", zitiert die "Washington Post" Milton Bearden, einen ehemaligen CIA-Zweigstellenleiter in Afghanistan.

Im US-Außenministerium wird allerdings bezweifelt, dass die Angebote der Taliban wirklich ernst gemeint waren. Die USA hätten die Verhandlungen "sehr, sehr geduldig" begonnen, sagt ein Mitarbeiter des Außenministeriums. Nach vielen Treffen hätten die amerikanischen Abgesandten aber die Geduld verloren, da die Taliban "immer gesagt haben, sie tun etwas, aber im Endeffekt überhaupt nichts gemacht haben".

Die Treffen fanden dem Bericht nach in Taschkent, Kandahar, Islamabad, Bonn, New York und Washington statt. Es habe auch überraschende Anrufe und Besuche der Taliban gegeben. So habe der Taliban-Führer Mohammed Omar einmal im US-Außenministerium angerufen und 40 Minuten mit einem Beamten der mittleren Verwaltungsebene gesprochen. Ein anderes Mal sei ein Vertreter der Taliban nach Washington gereist und habe einen Teppich für Präsident Bush mitgebracht.

Die Versuche der Amerikaner, Bin Ladens habhaft zu werden, hätten bereits 1996 begonnen, so die "Washington Post". Nach den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania seien sie besonders intensiv geführt worden. Anfang 1999 sei eine US-Delegation nach Islamabad gereist und habe dem stellvertretenden Außenminister der Taliban Beweise für die Mittäterschaft Bin Ladens an den Terroranschlägen auf die Botschaften vorgelegt. Es habe auch eine Einladung an die afghanischen Machthaber gegeben, nach New York zu kommen, um weiteres Beweismaterial zu begutachten. Dies hätten die Taliban aber abgelehnt.

Die USA hätten sie nun gewarnt, dass sie die Taliban für alle terroristischen Aktionen von Bin Laden verantwortlich machen würden.

Daraufhin hätten die Taliban Bin Laden an einen abgelegenen Ort gebracht und ihm seine Kommunikationsmittel entzogen. Öffentlich sagten die Taliban, sie wüssten nicht mehr, wo sich der Gesuchte aufhält. Dies sei als eine verschlüsselte Botschaft zu verstehen gewesen, dass die Taliban Bin Laden zur Ergreifung freigegeben hätten, sagt der ehemalige CIA-Mitarbeiter Bearden. "Jedesmal wenn die Afghanen sagen: Wir haben ihn verloren, teilen sie etwas mit. Sie sagen: Er steht nicht länger unter unserem Schutz." Das US-Außenministerium interpretierte die Haltung der Taliban jedoch als mangelnde Kooperation.

Als Antwort auch den verstärkten Druck durch die Vereinten Nationen haben die Taliban im Oktober 1999 dann offenbar das Angebot gemacht, Bin Laden in einem muslimischen Land vor Gericht stellen zu lassen. Sie hätten allerdings erneut zusätzliche Beweise verlangt. Schließlich sei das US-Außenministerium zu der Schlussfolgerung gelangt, die Taliban versuchten nur auf Zeit zu spielen. "Ihr einziges Ziel war es, Bin Laden nicht auszuliefern", sagt Karl Inderfurth, stellvertretender Außenminister der Clinton-Administration. Der ehemalige CIA-Mitarbeiter Bearden sagt hingegen: "Ich habe keine Zweifel, dass sie ihn loswerden wollten".

Dennoch hat es selbst nach dem 11. September weitere Kontakte gegeben. So rief Bearden im afghanischen Kandahar an und sprach mit dem Taliban-Vertreter, der zuvor in Washington zu Besuch war. Dieser habe ihm gesagt, es bestehe immer noch eine 50-prozentige Chance, dass Bin Laden ausgeliefert werde.

Danach passierte jedoch nichts. Fünf Tage später begannen die USA mit der Bombardierung Afghanistans.

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