Verheerender Granatenangriff Olmert spricht von technischem Versagen

Einen Tag nach dem Blutbad von Beit Hanun hat Israels Regierungschef Olmert einen technischen Fehler als Ursache genannt. Es habe keinen politischen Befehl für den Angriff gegeben, bei dem 18 Zivilisten getötet wurden. Bei der Beerdigung kündigten palästinensische Gruppen Vergeltung an.


Tel Aviv/Gaza - "Es war ein technisches Versagen der israelischen Armee", sagte Ministerpräsident Ehud Olmert. Der folgenschwere Beschuss der Ortschaft Beit Hanun sei politisch nicht beabsichtigt gewesen. Dass es sich um einen technischen Defekt handelte, habe er überprüft. "Es war nicht die Politik."

Der israelische Regierungschef sagte weiter, er sei bereit, sich ohne Vorbedingungen mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zu treffen, um den Friedensprozess wieder in Gang zu bringen. Er habe großen Respekt vor Abbas. Der Palästinenserpräsident sei ein respektabler Mann, der allerdings unter dem Druck von Terrorgruppen stehe, so Olmert.

Israels Regierung hatte bereits gestern den Tod der Zivilisten bedauert und eine Untersuchung eingeleitet. Verteidigungsminister Amir Perez befahl der Armee, bis auf weiteres den Beschuss des Gazastreifens einzustellen. Er kündigte strengere Regeln für Militäreinsätze in diesem Gebiet an. Mit einem dringenden Appell wandte sich der palästinensische Beobachter bei der Uno, Rijad Mansur, an den Weltsicherheitsrat: "Wie viele Palästinenser müssen noch sterben, bis der Sicherheitsrat handelt. Genug ist genug", sagte Mansur. Er verlangte die "Einstellung dieser Aggressionen", eine Untersuchung der jüngsten israelischen Artillerieangriffe sowie Uno-Beobachter, die einen Waffenstillstand überwachen sollen.

Angela King, die Sonderbeauftragte von Uno-Generalsekretär Kofi Annan, verurteilte den israelischen Angriff vor dem Sicherheitsrat. "Der Zwischenfall am Mittwoch in Bet Hanun ist schockierend: Männer, Frauen und Kinder, die keine Bedrohung darstellten, wurde getötet als sie zu Hause schliefen", sagte King. Die Zahl der Toten sei zwar ungewöhnlich, trotzdem "ist es nicht das erste Mal, dass die israelische Militäroperation in dem besetzten Palästinensergebiet eine hohe Zahl von zivilen Toten zur Folge hatte", so King. US-Präsident George W. Bush sagte, die USA seien betrübt angesichts des Verlusts an Leben im Gazastreifen.

Die Arabische Liga will in einer Sondersitzung kommende Woche über Konsequenzen beraten. Dabei gehe es darum, eine gemeinsame Haltung gegen Israel zu verabreden, sagte Liga-Generalsekretär Amr Mussa. Vom Liga-Mitglied Ägypten kam bereits Kritik am israelischen Vorgehen. Das Land sprach ebenso wie die Türkei von einem "Massaker". Es müsse eine unabhängige Untersuchung des Angriffs auf Beit Hanun eingeleitet werden.

Beim israelischen Artilleriebeschuss in der Stadt Beit Hanun waren am Mittwoch 18 Menschen getötet worden, darunter 13 Mitglieder einer Familie. Es war der folgenschwerste Angriff auf Zivilisten seit mindestens sechs Jahren. Palästinenser bezeichnen den tödlichen Beschuss als "schwarzen Tag".

In einem Trauerzug begleiteten Zehntausende Menschen die 18 Toten zu einem neu angelegten Friedhof. Nach der Beerdigung der 18 Toten schworen Redner Israel erneut Rache. "Auge um Auge, Zahn um Zahn", rief der Fatah-Funktionär Abdul Hakim Awad den Trauernden zu. "Solange die Menschen in Beit Hanun nicht sicher sind, wird es keine Sicherheit in Aschkelon, Haifa und Tel Aviv geben."

Solche Drohungen nähren die Furcht in Israel, die regierende Hamas könnte die Selbstmordattentate wieder aufnehmen. Die israelischen Sicherheitskräfte wurden deshalb in Alarmbereitschaft versetzt. Die Hamas hatte im März 2005 einen Waffenstillstand verkündet, der Ende des Jahres auslief. Die letzten Selbstmordattentate hatte die Organisation, die sich die Vernichtung Israels auf die Fahnen geschrieben hatte, 2004 verübt.

Die Organisatoren einer Schwulen- und Lesbenparade in Jerusalem sagten den für Freitag geplanten Umzug ab. Der israelische Minister für Innere Sicherheit, Avi Dichter, begründete den Schritt mit Überlastung der Polizei wegen der Drohung palästinensischer Extremisten.

jaf/rtr/dpa/AP/AFP

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