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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Mit der Sexualpolizei auf Streife

Eine Kolumne von

Pärchen auf dem Campus der Uni in Los Angeles: Das Ja zwischendurch mehrfach erneuern Zur Großansicht
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Pärchen auf dem Campus der Uni in Los Angeles: Das Ja zwischendurch mehrfach erneuern

Unter amerikanischen Studenten tobt ein neuer Kulturkampf: Um die sexuelle Ausbeutung zu beenden, sollen sie jetzt vor jedem Geschlechtsakt einen schriftlichen Vertrag schließen. Wer kein Risiko eingehen will, dem bleibt nur Keuschheit.

Der gefährlichste Ort für eine Frau ist nach Meinung der amerikanischen Medien das College. Nirgendwo sonst geschehen so viele sexuelle Übergriffe, nicht in einem einsamen Park oder einer schlecht beleumundeten Bar oder einem Parkplatz bei Nacht. Wenn man den Berichten glauben darf, hat sich an den amerikanischen Hochschulen eine "Rape Culture" entwickelt. Das Wort muss man so verstehen, dass sich unter männlichen Studenten ein Lebensstil etablieren konnte, bei dem es zum guten Ton gehört, jungen Frauen nachzustellen und diese zu sexuellen Handlungen zu nötigen.

Der Film "Hunting Ground", der im Januar beim Sundance Festival Premiere hatte, spricht von einer "Epidemie". Jede fünfte Studentin erleidet demnach während ihrer Studienzeit eine Vergewaltigung oder einen Vergewaltigungsversuch. Präsident Obama hat eine Task Force ins Leben gerufen hat, um der Vergewaltigungsepidemie Herr zu werden.

Die Zahlen klingen unglaublich, und tatsächlich halten sie einer Überprüfung auch nicht wirklich stand. Die von den "Hunting Ground"-Machern popularisierte Statistik geht auf eine Befragung unter Studenten an zwei staatlichen Universitäten aus dem Jahr 2007 zurück, bei der die Teilnehmer mit einem Einkaufsgutschein bei Amazon belohnt wurden.

In Wahrheit sinkt die Wahrscheinlichkeit, sexuell genötigt oder bedroht zu werden, mit steigendem Einkommen, besserem Bildungsgrad und größerer Wohnortnähe zur Stadt. Das Gefahrenrisiko einer von Armut geplagten schwarzen Frau in einer ländlichen Umgebung ist ungleich höher als das einer Studentin aus gutem Hause auf einem Campus in Innenstadtlage. Aber solche Feinheiten spielen in der Debatte keine Rolle. Amerika ist fasziniert von den Thema. Welche Gefahren im weißen Mittelschichtsmilieu lauern, interessiert allemal mehr als das Schicksal von Frauen, die man höchstens von Ferne im Supermarkt sieht.

In Kalifornien sind alle staatlich geförderten Hochschulen jetzt verpflichtet, ihre Studenten dazu anzuhalten, vor dem Geschlechtsakt das "zustimmende, bewusste und freiwillige Einverständnis" der Person, mit der sie Sex haben wollen, einzuholen. Man darf dabei nicht zu betrunken sein. Das Ja muss außerdem zwischendurch mehrfach erneuert werden, um sicherzustellen, dass keine Grenze überschritten wird, über die vorher nicht ausdrücklich geredet wurde.

Schon der falsche Gedanke reicht

Das Affirmative Consent Project bietet für 2,99 Dollar ein "Einverständisbewusstseinsset" an, das neben einem Kondom und Pfefferminzbonbons einen Vertrag enthält, den beide Sexualpartner vor dem Geschlechtsverkehr unterzeichnen müssen. Die Studenten werden ermuntert, außerdem von sich und dem Vertrag ein Foto zu schießen, um spätere Missverständnisse auszuschießen. "Everything you need", lautet der Werbespruch für das Einverständnis-Set, was allerdings nur zur Hälfte der Wahrheit entspricht, weil auch hier kein Weg an der wiederholten Dokumentation des gegenseitigen Ja vorbeiführt.

Jede Generation hat ihre eigenen politischen Ziele. Die Achtundsechziger traten gegen den Kapitalismus an, andere kämpften gegen den Hunger in der Welt und für die Befreiung der Frau. Diese Generation führt den Kreuzzug gegen jede Form der sexuellen Ausbeutung, worunter schon ein dummer Scherz oder ein achtlos hingeworfener Satz zählen können.

Wie bei jeder Bewegung wahrer Gläubiger braucht es keinen tatsächlichen Übergriff, um tätig zu werden, schon der falsche Gedanke reicht. Der "New York Times"-Kolumnist David Brooks schilderte kürzlich den Fall der feministischen Filmprofessorin Laura Kipnis, die es gewagt hatte, sich in einem Artikel über den neuen moralischen Eifer an den amerikanischen Hochschulen lustig zu machen.

Wem es zu viel ist, bleibt nur der Verzicht

Für jeden intelligenten Menschen ist die heilige Einfalt, mit der noch die kleinste Abweichung geahndet wird, eine Beleidigung des Intellekts. Aber es gibt kein Erbarmen. Kaum war Kipnis' Artikel erschienen, wurde gegen die Professorin an ihrer Universität eine Untersuchung wegen sexueller Belästigung eingeleitet. Ihr Aufsatz habe eine "abschreckende Wirkung" auf alle, die einen Übergriff melden wollten, lautete der Vorwurf.

Man darf gespannt sein, was von dem neuen Kulturkampf an deutschen Hochschulen ankommt. Bislang hat sich das amerikanische Uni-Milieu noch immer als richtungsweisend erwiesen. Wir verdanken ihm die Flower-Power-Bewegung, die Lobpreisung des LSD und die Gendertheorie. Es ist nicht so recht einzusehen, warum es mit dem Aufstand gegen alle sexuell zweideutigen Gesten anders sein sollte.

Wem es zu viel ist, während des Sexualaktes laufend den Alkoholgehalt im Blut zu kontrollieren und in regelmäßigen Abständen den Einverständnisbogen auszufüllen, dem bleibt nur der Verzicht. Bislang wurden junge Menschen, die bewusst auf Sex vor der Ehe verzichten, als verschroben belächelt. Dabei ist das Konzept der Keuschheit so naheliegend: keine Affären, die schiefgehen können. Allenfalls ein tiefer Blick in die Augen und ein gewispertes Wort der Zuneigung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
lupidus 04.08.2015
da würde ich aber eher verzichten bevor ich so einen zustimmungs-formular-quatsch mitmache. wundert mich, dass keine aufsichtsperson(in) gefordert wird...
2. ?
Der Bielefelder 04.08.2015
Um mit einem Comichelden meiner Kindheit zu sprechen: "Die spinnen die Amerikaner"
3. Ich bin einfach nur ...
klauswerner2 04.08.2015
... sprach- und fassunglos! Wie passt das zu dem wunderbaren lockeren amerikanischen Film "Die To-Do-Liste"? Hat sich Amerika in so kurzer Zeit (2014) so gewandelt?
4.
marthaimschnee 04.08.2015
Merkwürdig ist auch, daß vom Fleischhauer immer dann sinnvolles kommt, wenn es nicht um Politik oder Wirtschaft geht.
5. Maennerbuende
marty_gi 04.08.2015
Das ist meiner Ansicht nach ein Problem, dass eher aus den Maennerbuenden entsteht. Amerikanische Burschenschaften sind ja doch noch ein klein wenig anders als deutsche (auch wenn nicht wirklich besser dadurch), und die allgemeine Pruederie fuehrt dann in Wellen zu solchen Gegenbewegungen im Zwischenmenschlichen, wo frustrierte Kerle halt ihr "Kerl-Sein" wieder irgendwie zur Schau stellen muessen den anderen Jungs gegenueber. Gepaart mit der Unfaehigkeit, auch nur halbwegs mit Alkohol umgehen zu koennen..... Zusaetzlich der Fakt, dass die heutige Jugend allgemein weniger Sex hat als fruehere Generationen, steigt der Frust eben entsprechend. Mit den Vertraegen werden aber letztlich alle nur noch weniger Sex haben - und die Situation wird nur schlimmer werden (es aber mit Sicherheit merklich weniger ungewollte Schwangerschaften geben)
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