Verstimmung unter Verbündeten Pakistans Terrorjäger zürnen den USA

Was weiß Islamabad über die Verstecke von Qaida-Chef Bin Laden und seiner Mitstreiter? Viel weniger als die USA, beteuern pakistanische Experten. Das Militär ist empört über den US-Vorwurf, es schwächele im Anti-Terror-Kampf - und präsentiert zum Beweis des Gegenteils brisante Papiere.

AP

Von , Islamabad


Eigentlich hatte alles besser werden sollen nach diesem Besuch von Hillary Clinton. Drei Tage verbrachte die US-Außenministerin in Pakistan, dem Land des wichtigen Verbündeten im Anti-Terror-Krieg. Es sollte ein Signal sein in Zeiten, in denen das Misstrauen gegenüber Amerika in Pakistan wächst: Man stehe an der Seite Islamabads und wolle ein neues Kapitel in den amerikanisch-pakistanischen Beziehungen aufschlagen. Clinton brachte millionenschwere Geschenke mit, für wirtschaftliche Entwicklung, eine bessere Energieversorgung, Bildung und Umweltschutz.

Doch dann sagte sie in trauter Runde mit pakistanischen Journalisten diese verheerenden Sätze über führende Terroristen, die sich angeblich in Pakistan verstecken: "Ich finde es schwer zu glauben, dass niemand in ihrer Regierung weiß, wo die Qaida-Chefs sich aufhalten, und dass sie nicht zu fassen sind, wenn man es doch wirklich will." Zwar milderte sie diesen harten Vorwurf gleich im nächsten Satz ab: Vielleicht kenne die pakistanische Regierung die Aufenthaltsorte tatsächlich nicht. "Vielleicht sind die Terroristen auch einfach nicht zu greifen, ich weiß es nicht. Aber soweit wir wissen, sind sie in Pakistan."

Die Empörung in Pakistan ist groß: Clinton habe mit diesen wenigen Worten deutlich gemacht, dass sie die früheren Beteuerungen, man vertraue Pakistan als Verbündetem im Anti-Terror-Krieg, nicht ernst gemeint habe, lautet das Fazit. "Das ist amerikanische Arroganz wie eh und je", sagt Rifaat Hussain von der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad. "Die Amerikaner besitzen Satelliten und Drohnen zur Aufklärung - Gerät, das Pakistan nicht hat. Wieso sollte die Regierung in Islamabad also mehr wissen als die in Washington?"

Imtiaz Gul, Vorsitzender des Zentrums für Forschung und Sicherheitsstudien (CRSS) in Islamabad, glaubt nicht, dass Islamabad Informationen zurückhält. "Mit ihrer Kritik versucht die US-Außenministerin nur, den Druck auf Pakistan zu erhöhen, noch mehr gegen Terrorismus zu tun." Es sei wahrscheinlich, dass sich hochrangige Terroristen in Pakistan versteckt hielten, sagt Gul. "Aber es ist naiv zu glauben, dass die Regierung ihren exakten Aufenthaltsort kennt." Die Amerikaner seien selbst viel besser informiert.

Auch amerikanische Diplomaten und Geheimdienstler sagen regelmäßig hinter vorgehaltener Hand, man wisse "in etwa, wo Qaida-Chef Osama Bin Laden, die Nummer zwei der Terrororganisation Aiman al-Sawahiri sowie Taliban-Anführer Mullah Omar sich aufhalten". Ein US-General sagte SPIEGEL ONLINE, man habe "Informationen" darüber, in welchen Regionen Pakistans sie seien. In der Vergangenheit haben sich solche Hinweise allerdings immer als wenig substantiell erwiesen. "Wir wissen, dass sie alle paar Tage den Ort wechseln. Und wir wissen, dass Bin Laden so krank ist, dass er nicht mehr allzu weite Entfernungen zurücklegen kann." Jedoch seien Versuche gescheitert, die exakten Orte ausfindig zu machen und die Terroristen zu fassen oder zu töten. "Bislang ist jeder unserer Spione enttarnt worden und hat seine Mission nicht überlebt." Bin Laden, al-Sawahiri und Omar seien umgeben von "gut bezahlten, extrem loyalen Leuten". Wie viele Versuche es bisher gegeben habe, die Terroristen aufzuspüren, wollte er nicht sagen. Man müsse die nächste Chance abwarten und dann zuschlagen.

"Ist das etwa nicht genug?"

Das pakistanische Militär weist allerdings Forderungen Washingtons zurück, den Druck auf die Terroristen zu erhöhen. "Wir haben die Taliban im Swat-Tal und in Malakand geschlagen. Derzeit führen wir eine Offensive in Süd-Waziristan durch. Ist das etwa nicht genug?", sagte ein Armeesprecher.

So habe das Militär nach tagelangen Gefechten diese Woche das Dorf Shawangai eingenommen, in dem die Taliban nach Auskunft der Armee eine Kommandozentrale betrieben. Bei der anschließenden Durchsuchung seien in einer Lehmhütte mehrere Dokumente von europäischen Staatsangehörigen gefunden worden, darunter ein grüner deutscher Reisepass von Said Bahaji, einem der wichtigsten Mitverschwörer der Attentäter vom 11. September 2001. Bahaji wird seit Jahren unter anderem vom Bundeskriminalamt gesucht.

Der in Hamburg lebende Mann ist eine Woche vor den Anschlägen auf New York und Washington untergetaucht. Nach pakistanischen Angaben flog er mit Turkish Airlines von Hamburg über Istanbul nach Karatschi, wo er am 4. September 2001 gemeinsam mit zwei Begleitern ankam - Abdullah Hussayni, einem belgischen Staatsbürger mit algerischen Wurzeln, und Ammar Moula, einem marokkanischstämmigen Franzosen. Allen drei Männern wird eine enge Verbindung zu al-Qaida nachgesagt. Zwei der drei Männer, darunter vermutlich Bahaji, reisten am Tag darauf in die Stadt Quetta weiter, die als Hochburg der Radikalen im Westen des Landes gilt.

Ist Bahaji bei der Offensive ums Leben gekommen?

Arshad Sharif, Reporter des Fernsehsenders DawnNews in Islamabad, bestätigte, dass unter den jetzt in Waziristan gefundenen Papieren der Pass von Bahaji war. Sharif ist einer von wenigen Journalisten, die das Militär erstmals in die umkämpfte Region begleiten durften. "Ich habe zwar nicht gesehen, wo genau die Dokumente gefunden wurden, aber ein Offizier präsentierte uns vor Ort mehrere Reisepässe, darunter den von Bahaji." Es seien weitere europäische Pässe unter den Fundstücken gewesen, er wisse aber nicht, aus welchen Ländern die Papiere stammten. Die Zeitung "Dawn" veröffentlichte das Foto eines spanischen Passes.

Laut Sharif ist es also sehr wahrscheinlich, dass unter den vom Militär gefangen genommenen Militanten auch europäische Kämpfer seien. Über den Verbleib von Said Bahaji sei aber nichts bekannt. Der Fund des Passes legt jedenfalls nahe, dass Bahaji zuletzt auf Seiten der Taliban kämpfte. Ein Offizier erklärte der pakistanischen Zeitung "Dawn", es sei unklar, ob Bahaji bei der Eroberung von Shawangai getötet worden oder ob ihm die Flucht gelungen sei. Ein anderer Offizier sagte SPIEGEL ONLINE, es könne auch sein, dass Bahaji sich zum Zeitpunkt der Offensive gar nicht in dem Ort aufgehalten habe. Seit seiner Einreise nach Pakistan, per Flug von Hamburg über Istanbul nach Karatschi, habe Bahaji das Land möglicherweise mehrfach Richtung Afghanistan verlassen, seit 2002 halte er sich regelmäßig in Waziristan auf. "Wenn er nicht tot ist, kämpft er noch und ist unser Feind", sagte er.

Hillary Clinton, überrascht von der harschen Kritik in der pakistanischen Presse an ihren Vorwürfen, milderte ihre Aussage am Freitag ab. Es sei im Interesse Pakistans und der USA zu versuchen, die Top-Terroristen "zu fangen und zu töten". Das würde den Terroristen weltweit einen schweren Schlag versetzen. Ihr Appell an die Pakistaner: "Lasst uns zusammenarbeiten und die Sache erledigen."

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Seite 1
eigentlicher_Schwan 04.05.2009
1.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Wenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
mauskeu 04.05.2009
2.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Ich könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Justus F. 04.05.2009
3.
Zitat von eigentlicher_SchwanWenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
Genau, nach Berlin. Dann ist unser Kampf sogar gerechtfertigt!
X-Man 04.05.2009
4.
Zitat von mauskeuIch könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Nettes Gedankenspiel, aber leider Unsinn. Seit dem Rückzug der afghanischen Taliban über die Grenze stand fest dass die FATA die neue Basis der Gotteskrieger sind. Von 2002-2005 entstanden weit über 190 Ausbildungslager in den Stammesgebieten, lokale Milizen verschmolzen durch Allianzen mit Taliban-Elementen, ausländische Gruppen allen voran Al Qaida nisteten sich ein, es entstand eine nicht homogene aber ideologisch eng verstrickte Bewegung deren mächtigster Flügel heute die Tehrik e-Taliban ist. Für die pakistanische Führung war also längst klar welche Gebiete die neue Heimat der Taliban sind, man musste ihnen keinen Spielplatz zur Verfügung stellen. Der Einzug in Swat hat vielmehr damit zutun dass es Kreise des ISI und des Militärs gibt die sich nicht von amerikanischer Seite in die Terror-Bekämpfung hineinquatschen lassen wollen. Sie hegen zum Teil große Sympathie für die Taliban, bieten ihnen mit dem Swat ein Gebiet was sich weit weg von den üblichen Terrornestern Waziristans befindet und somit den Radius der Drohnenangriffe erweitert. Zudem erhofft man sich natürlich dort eine kashmir-nahe islamistische Bastion gegen den allgegenwärtigen Erzfeind Indien.
lupenrein 04.05.2009
5.
Man darf sich über die Ziele der Taliban in Pakistan (und im Dominoeffekt anschliessend Afghanistan) keine Illusionen machen. Die Regierung Pakistans - und indirekt auch Afghanistans - ist in ernster Gefahr. Und auch über einen 'Sieg' über die Taliban , dies besonders als Ausländer (USA usw) darf man sich keine Illusionen machen. Der asymmetrische Kriegsführung der Taliban ist mit normalen militärischen Mitteln (Terrorismus) nur sehr schwer wirksam zu begegnen. Am Beispiel der somalischen Piraten sieht man , wie schwierig es ist, mit militärischen Mitteln in diesem Versteckspiel mitzuhalten. Auch die Taliban führen einen (allerdings ideologischen) 'Versteck-spiel-Krieg' a la David gegen Goliath. Und noch eine Übereinstimmung: beide lassen mit sich nicht über eine Einstellung ihrer terroristischen Kampf nicht verhandeln. Alles in allem eine fatale Situation.
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