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19. Juni 2012, 15:48 Uhr

Zahlungskräftige Emirate

De Maizière wirbt in Abu Dhabi für den "Eurofighter"

Aus Abu Dhabi berichtet

Bei einem Kurzbesuch von Verteidigungsminister de Maizière in Abu Dhabi ging es neben Gesprächen über den Syrien-Konflikt auch ums große Geschäft: Die Scheichs wollen ihre Luftwaffe massiv aufrüsten - der CDU-Politiker legte ihnen den "Eurofighter" ans Herz.

Reichtum zeigt man im Golf-Emirat Abu Dhabi gern und überall. Die Ankunftshalle für Staatsgäste am Flughafen ist mit Gold und edlen Hölzern verziert, hier wird geprotzt. Weiß gewandete Diener reichen Datteln und arabischen Kaffee. Vor der Tür, ebenfalls mit reichlich Gold geschmückt, wartet eine ganze Armada von blank polierten S-Klassen. Die Klimaanlagen der PS-Monster kämpfen gegen die brütende Hitze, auch am späten Abend zeigt das Thermometer im Wüstenstaat immer noch weit über 30 Grad.

Es ist Montagabend, gerade eben ist der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière mit dem Regierungs-Airbus von der Insel Zypern am Golf gelandet. Für die Datteln und den Kaffee in der edlen Lounge am Airport aber hat der CDU-Politiker nur wenig Zeit, der Zeitplan für seinen Besuch ist eng gesteckt. In rasender Geschwindigkeit und mit Blaulicht geht es nur wenige Minuten später über den vierspurigen Highway in die Stadt, vorbei an Dutzenden Baustellen für neue Hochhäuser und Einkaufszentren. Abu Dhabi, so scheint es jedenfalls, wächst noch immer ohne jede Geschwindigkeitsbegrenzung in den Himmel.

Der deutsche Besucher wollte am Golf hauptsächlich über die vielen Konfliktherde in der Region reden: Beim Thema Syrien oder dem Atomkonflikt mit Iran erhofft man sich von den Emiraten eine vermittelnde Rolle. De Maizière vermied es in Abu Dhabi, über eine militärische Intervention zu spekulieren, eine entsprechende Nachfrage beantwortet er bewusst nicht. Der Minister hatte kürzlich in einem Interview die Diskussion über einen Militärschlag massiv kritisiert, seine harschen Äußerungen über das Gerede von "Kaffeehaus-Intellektuellen" hatte für viel Aufsehen gesorgt.

Die Scheichs wollen 60 neue Kampfjets, es geht um Milliarden

Gleichzeitig aber ging es in Abu Dhabi auch ums Geschäft. Auf höchster Ebene warb de Maizière bei der Herrscherfamilie für einen Rüstungsdeal, der für Deutschland sehr lukrativ werden könnte. Schon vor Monaten haben die Scheichs bekundet, dass sie rund neue 60 Kampfjets für ihre Armee kaufen wollen. Aus Sicht der Bundesregierung sollen die freilich am besten von dem europäischen Konsortium Cassidian geliefert werden, es wäre ein rund sechs Milliarden schwerer Auftrag für die Rüstungsfirmen aus Großbritannien, Deutschland, Italien und Spanien.

Der Deal mit den Golf-Emiraten ist heiß umkämpft. Im vergangenen Jahr noch sah sich die französische Waffenschmiede Dassault Aviation mit ihrem Jagdflieger Rafale ganz vorne im Rennen um den Milliardendeal mit den Emiraten, doch ganz plötzlich redeten die Emirate dieses Jahr auch über andere Hersteller. Bisher haben die Emirate zwar offiziell noch kein Interesse am "Eurofighter" geäußert, doch Insider rechnen fest mit einer solchen Bekundung in den kommenden Monaten. Bereits im März war eine Ministerdelegation aus Großbritannien am Golf und hatte intensiv für den "Eurofighter" geworben.

Für die Europäer wäre ein Erfolg am Golf ein Durchbruch. Erst kürzlich war die letzte Hoffnung gestorben, dass Indien rund 120 der zweistrahligen Jets kauft. Werbung durch Minister gehört beim "Eurofighter" schon lange zur Routine. So hatte etwa der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in Indien seinen Charme eingesetzt, es war sein letzter internationaler Auftritt vor dem Rücktritt. Genutzt hat alles Schmeicheln nichts, die Inder entschieden sich am Ende für die französische "Rafale".

Gespräch mit dem Außenminister der Emirate

Die Emirate gelten weltweit als einer der besten Kunden der Rüstungsindustrie, die Ministaaten am Golf stehen bereits heute an sechster Stelle der Rangliste von Waffenimporten. Mit einem Budget von 15 Milliarden Dollar ist die Armee von nur rund 50.000 Mann massiv überfinanziert. Ganz im Gegensatz zu den USA oder auch Deutschland lautet das Motto am Golf weiterhin klotzen statt kleckern. Ob die eingekauften Komponenten am Ende in der Praxis kompatibel sind, ist für die Scheichs oft nicht entscheidend, alte Systeme werden meist auch nicht modernisiert, sondern gleich durch neue ersetzt.

Aus deutscher Sicht gelten die Emirate als strategischer Partner, spätestens seit dem Terror vom 11. September 2001 haben alle westlichen Staaten und auch die Nato ihre Kooperation mit den Golfstaaten massiv ausgebaut. Dass die Emirate abseits der Glitzerwelt der Luxushotels und Einkaufshallen bis heute autokratisch von den Prinzen der Herrscherfamilien geführt werden, hat die westliche Welt dabei nie besonders interessiert. Selbst als im Frühjahr die Konrad-Adenauer-Stiftung wegen angeblich illegaler politischer Aktivitäten aus Abu Dhabi geworfen wurde, war der deutsche Protest ziemlich leise, dafür sind die Geschäft zu wichtig.

De Maizières Tour in Abu Dhabi gestaltete sich etwas holprig. Ursprünglich waren für den Dienstagmorgen Treffen mit dem Generalstabschef der Armee und sogar dem Kronprinzen angesetzt. Der Prinz ist der alleinige Herrscher von Abu Dhabi. Kurzfristig aber wurden beide Termine abgesagt. Der Scheich, so hieß es, war gerade erst von den Beerdigungszeremonien in Saudi-Arabien zurückgekehrt und nicht bereit, ausländische Gäste zu empfangen. Am Ende aber gab es ein einstündiges Gespräch mit dem Außenminister Scheich Abdullah bin Said al-Nahyan, als direktes Mitglied der Herrscherfamilie gilt er als zentrale Figur in Abu Dhabi.

Nach dem Treffen im Prunkhotel Emirates Palace konnte der Besucher aus Deutschland noch keinen Deal verkünden, gab sich aber hoffnungsvoll. Zwar sei er nicht der "Verkaufsdirektor für die Rüstungsindustrie", so de Maizière. Gemeinsam mit den Briten aber sei man auf einem guten Weg, "mit dem 'Eurofighter' zum Erfolg zu kommen", die Gespräche seien "vielversprechend".

Korrektur: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, Frank-Walter Steinmeier sei in der ehemaligen rot-grünen Bundesregierung Außenminister gewesen. Tatsächlich war Steinmeier damals aber Kanzleramtschef und wurde erst unter der Großen Koalition Außenminister. Wir haben diesen Fehler korrigiert und bitten Sie, ihn zu entschuldigen.

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